Geldsegen kann verunsichern. «Mein Freizügigkeitskapital aus der zweiten Säule habe ich bisher nicht angerührt. Ich dachte, irgendwann müsse ich das meiste zurückzahlen», sagt Fritz Klenert. 344'000 Franken liegen auf dem Konto. Darüber kann er nun frei verfügen. Es ist viel Geld für den 51-jährigen Psychiatriepfleger, der nach Frankreich auswandert und sich als Anbieter begleiteter Pilgerwanderungen selbstständig macht.

Klenerts Geschichte der Reihe nach: Ende 1999 tritt er eine Stelle im Kanton Zürich an. Auf seinem Konto der zweiten Säule liegen 31'000 Franken. Das Geld überweist er an die kantonale Beamtenversicherungskasse (BVK). Als er im März 2000 den Versicherungsausweis erhält, stutzt Klenert. 270'000 Franken sind als Sparguthaben aufgeführt. Klenert fragt jedoch nicht nach. Er habe gedacht, es sei ein fiktiver Wert – es handle sich um die Hochrechnung zum Pensionsantritt: «Das kann man glauben oder nicht, aber es ist so. Ich habe mich nie gross um die Bescheinigungen zur beruflichen Vorsorge gekümmert.»

Die Kasse hat zu lange nichts gemerkt
Nach zehn Monaten kündigt er und nimmt später eine Stelle in Basel an. Im Oktober 2000 beträgt sein Altersguthaben bereits 296'000 Franken. In diesem Jahr boomt die Börse, und die BVK schwimmt noch im Geld: Die Pensionskasse verzinst das Sparguthaben ihrer Versicherten zu 8,75 Prozent. 

Reales Geld für Klenert, wie sich heute herausstellt – er kann nämlich alles behalten. Obwohl es sich eindeutig um eine «fehlerhafte Auszahlung handelt», wie BVK-Kassenchef Rolf Huber anmerkt. Wie das? Da Klenert juristisch nichts vorzuwerfen ist, bei der BVK niemand den teuren Lapsus bemerkt hat und mittlerweile fünf Jahre verstrichen sind, ist der «Anspruch auf Rückerstattung unrechtmässig bezogener Leistungen» verjährt. So steht es in den BVK-Statuten.

Eine peinliche Angelegenheit für eine staatliche Grosskasse mit etwa 60'000 Versicherten und rund 20 Milliarden Franken Vorsorgekapital. Auch die BVK hat kein Geld zu verschenken: Die reichlichen Reserven sind im Börsencrash weggeschmolzen. Der Deckungsgrad, der einst stolze 130 Prozent betragen hat, liegt aktuell unter 100 Prozent. Die beschlossene Abnabelung vom Staat musste deshalb bis auf weiteres aufgeschoben werden.

«Wir können die Ursache der Falschbuchung nicht mehr rekonstruieren», sagt Huber. Nur so viel lässt sich heute sagen: Der teure Fehler passierte kurz vor der Umstellung des Versicherungsmodells auf Anfang 2000. Dabei habe man unter grossem sachlichen und zeitlichen Druck gestanden. Niemand sah, wie Klenerts Guthaben wuchs. Es handle sich aber nicht «um einen systematischen, sondern um einen einmaligen Fehler», beteuert Huber.

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Klenert hat kein schlechtes Gewissen
Dem Kassenchef bleibt nichts anderes übrig, als an Klenerts Gewissen zu appellieren: «99 von 100 unserer Versicherten» hätten in einem solchen Fall mitgeholfen, «den Fehler zu korrigieren». Doch Klenert, vor seiner beruflichen Selbstständigkeit eine Weile arbeitslos und frustriert über die Behörden, winkt ab: «Die kannten bei mir auch kein Pardon.»