Was Grosse tun, hat oft Signalwirkung. Das ist auch bei der Publica so, der Pensionskasse des Bundes, die für ihre 100'000 Versicherten 33 Milliarden Franken verwaltet. Kürzlich hat sie den Umwandlungssatz auf 6,15 Prozent gesenkt, weil ihre Mitglieder immer älter werden. Für 100'000 Franken Sparkapital gibt es ab Mitte 2012 nur noch 6150 Franken Rente pro Jahr.

Das Beispiel zeigt: Vor einem Jahr haben sich zwar 73 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer gegen eine Senkung des Umwandlungssatzes ausgesprochen. Die Renten sinken aber trotzdem weiter.

Das hat seinen Grund. Das schöne Problem, dass wir länger leben und unser Rentenkapital deshalb länger reichen muss, lässt sich nicht per Abstimmung lösen. «Genauso gut hätten wir übers Wetter abstimmen können», ärgert sich Herbert Brändli, Chef der unabhängigen Sammelstiftung Profond. Er fordert deshalb eine Entpolitisierung des Umwandlungssatzes (siehe Kasten «Pensionskasse»). Denn jede Pensionskasse müsse für sich selber das Gleichgewicht zwischen Leistungen und Finanzierung finden. «Man kann einfach nicht alle Vorsorgeeinrichtungen über einen Kamm scheren.»

Banker, Broker und Verwalter sahnen ab

Dass die Unterschiede zwischen den Kassen riesig sind, zeigte auch die letzte Pensionskassenstudie von Swisscanto. Für 100'000 Franken Alterskapital gibt es – je nach Kasse – zwischen 5840 und 8000 Franken Rente. Das hängt damit zusammen, dass sie unterschiedliche Leistungen für ihre Versicherten erbringen und ihre Gelder besser oder schlechter anlegen.

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Alle Kassen kämpfen aber mit dem gleichen Problem: Zinsen und Anlagerenditen sind in den letzten Jahren gesunken, die Verpflichtungen wegen der höheren Lebenserwartung aber gestiegen. Und Martin Freiburghaus, Geschäftsleiter der Pensionskasse Veska, sagt unmissverständlich: «Ohne höhere Renditen wird die Umverteilung von den Aktiven zu den Rentnern immer stossender.»

Das Problem liesse sich wenigstens entschärfen, wenn die Pensionskassen die ihnen anvertrauten 750 Milliarden Franken tatsächlich treuhänderisch verwalteten. Doch am gigantischen Honigtopf der zweiten Säule nähren sich Banker, Broker, Pensionskassenexperten und Verwalter. Konservativ gerechnet, kosten Administration und Vermögensverwaltung die Versicherten rund 4,3 Milliarden Franken pro Jahr.

Doch Kosten sparen allein genügt nicht, sagt Veska-Chef Freiburghaus weiter. «Unsere Verluste wegen zu hoher Renten machen etwa anderthalbmal so viel aus wie sämtliche Administrations- und Vermögensverwaltungskosten zusammen.»

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Auf das sehr klare Abstimmungsergebnis von 72,7 Prozent gegen die Senkung des Umwandlungssatzes reagierte das Parlament vor einem Jahr ungewohnt rasch und beschloss eine Strukturreform. Mit neuen Bestimmungen soll die Unabhängigkeit der Pensionskassenverantwortlichen garantiert, die Transparenz verbessert und die Oberaufsicht gestärkt werden. So sieht es auch der Verordnungsentwurf vor, den das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) in die Vernehmlassung schickte. Rund 500 Stellungnahmen gingen ein. Von links wie rechts hagelte es Kritik.

«Die vorgeschlagenen Massnahmen schiessen teilweise weit über das Ziel hinaus», monieren das Gewerkschaftliche Netzwerk 2. Säule und der Schweizerische Gewerkschaftsbund. Die Revisionsstellen erhielten zu viele Kompetenzen – und die zusätzlichen Prüfungsaufgaben hätten höhere Kosten zur Folge, die die Versicherten bezahlen müssten. Die Folge: Die Renten werden sinken.

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Die Leute, die für beide Seiten arbeiten

«Führung kann nicht durch Reglementierung ersetzt werden», kritisiert umgekehrt der Pensionskassenverband Asip. Diverse Bestimmungen würden die sozialpartnerschaftliche Führung der Pensionskassen aushebeln. Und die berufliche Vorsorge werde noch unbeweglicher und teurer. Profond-Chef Herbert Brändli, der die Vernehmlassungs-Mustervorlage für die rechtsbürgerliche Aktion Freiheit & Verantwortung lieferte, kritisiert darüber hinaus, dass seine Sammelstiftung die Hälfte aller Stiftungsräte auswechseln müsste, weil sie sowohl in der Vorsorgeberatung als auch in der Vorsorgeeinrichtung tätig seien.

Was Brändli als kostengünstige «Interessengemeinschaft» bezeichnet, wertet das BSV als Interessenkonflikt und verlangt deshalb, dass Beraten und Verwalten strikt getrennt werden. So sei es auch im Gesetzesentwurf verankert, sagt Martin Kaiser, der für die Vorlage verantwortliche Leiter der Alters- und Hinterlassenenvorsorge. Denn es seien immer Interessenkonflikte gewesen, die den «zum Glück nicht zahlreichen Skandalen» in der zweiten Säule zugrunde gelegen seien: «Wer für die zweite Säule arbeitet, muss sauber zwischen Mein und Dein unterscheiden.» Es sei deshalb legitim, dass der Gesetzgeber die Regeln verschärfe. Und «Pensionskassen, die gut arbeiten, brauchen sich vor der Reform nicht zu fürchten».

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Die heftige Opposition gegen den Verordnungsentwurf dürfte viele Versicherte irritieren. Und man muss eingestehen: Ein Jahr nach dem klaren Ja für sichere Renten sind sie keinen Deut sicherer geworden.

Das System der zwei Spartöpfe

Der gesetzliche Umwandlungssatz gilt nur für den obligatorischen Teil der zweiten Säule. Obligatorisch versichert sind maximal 83'520 Franken Jahreslohn. Männer erhalten im obligatori­schen Sparteil für 100'000 Franken Sparkapital aktuell 6950 Franken Rente, Frauen 6900 Franken.

Alles, was über dieser Schwelle von 83'520 Franken liegt, fliesst ins Überobligatorium. Hier können die Pen­sionskassen selber bestimmen, wel­chen Umwandlungssatz sie anwenden wollen. Diesen Spielraum nutzen sie auch. Deshalb liegt der Rentensatz heute im Schnitt bei nur noch 6,7 Prozent – und er sinkt weiter. Das ist möglich, weil die Pensionskassen den überobligatorischen Sparteil als Puffer benützen, um ihre Rechnung auszu­gleichen. Viele Kassen können gar nicht anders, weil die versprochenen Renten zu hoch sind und die aktiven Versicherten schon heute für die Pensionierten zahlen. Zudem bremst ein tieferer Umwandlungssatz den unerwünschten Transfer von Jung zu Alt.

Vom Umwandlungssatz nicht direkt betroffen sind Versicherte im sogenannten Leistungsprimat; ihre Renten basieren auf einem bestimmten Prozentsatz des versicherten Lohns.