Beobachter: Die Schweizer Pensionskassen sollen rund 30 Milliarden verloren haben, als die Nationalbank den Euro nicht mehr stützte.
Alfred Bühler: Am Tag, an dem die Nationalbank den Mindestkurs aufgab, verloren die Kassen schätzungsweise 20 Mil­liarden Franken. Seit Beginn des Jahres beträgt der Verlust zwischen 10 und 15 Milliarden.

Beobachter: Um solche Währungsschocks zu überleben, bilden die Kassen Reserven. Sind die gross genug?
Bühler: Die kurzfristige Betrachtung wird dem langfristigen Anlagehorizont der Pensionskassen nicht gerecht. 2014 konnten sie auf ihren Anlagen einen Gewinn von 50 bis 60 Milliarden Franken erzielen. Die Verluste muss man also relativieren.

Beobachter: Wie heikel sind die drohenden Negativzinsen?
Bühler: Die Negativzinsen führen dazu, dass man tiefere Renditen erwartet. Damit wird es immer schwieriger, die bisher garantierten Zinsen zu erwirtschaften. Höhere Renditen können jedoch nur mit höheren Anlagerisiken erkauft werden.

Beobachter: Dürfen die Kassen überhaupt höhere Risiken eingehen?
Bühler: Es kommt darauf an. Für finanziell starke Kassen mit vielen aktiven Versicherten ist die aktuelle Situation wenig problematisch. Sie konnten in den letzten Jahren oft genügend Schwankungsreserven bilden, um auch höhere Risiken zu tragen. Für Pensionskassen mit vielen Rentnern ist es ungleich schwieriger. Oft fehlen die nötigen Reserven, und zusätzliche Anlagerisiken lassen sich meist nicht auf die Versicherten und die Arbeitgeber abwälzen.

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Beobachter: Vor dem Entscheid der Nationalbank hatten mehrere Kassen angekündigt, die Altersguthaben mit mehr als dem Mindestzins von 1,75 Prozent zu verzinsen. Gilt das weiterhin?
Bühler: Die Rendite der Vermögens­anlagen liegt seit Jahresbeginn im Rahmen der üblichen Schwankungen. Wir erwarten keine nennenswerten Anpassungen – auch nicht bei Kassen, die erst über die Verzinsung entscheiden werden.

Beobachter: Viele Firmen zahlen höhere Pensionskassenbeiträge als gesetzlich vorgeschrieben. Ändert sich das nun, weil wegen des starken Frankens Kosten gesenkt werden müssen?
Bühler: Wir beobachten bisher nicht, dass Arbeitgeber ihre Beiträge reduzieren. Die Umwandlungssätze werden jedoch laufend gesenkt, was die Risiken für die Arbeitgeber mittelfristig verringert. Die rekordtiefen Zinsen werden diese Tendenz verstärken. Auch der Kapitalbezug bei der Pensionierung wird forciert. So fallen die mit den Renten verbundenen hohen Zinsversprechen weg.

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Beobachter: Der Umwandlungssatz ist die grössere Herausforderung als ein Kurstaucher an der Börse. Sind die Kassen dafür gerüstet?
Bühler: Die Umwandlungssätze sinken und damit auch die Renten. Die Pensionskasse muss entscheiden, ob sie die Einbussen ausgleichen will. Das wiederum hängt von ihrer finanziellen Stärke ab. Teilweise leistet auch der Arbeitgeber einen Beitrag.

Beobachter: Die Kassen rechnen ihre zukünftigen Vorsorgeleistungen mit einem technischen Zinssatz hoch. Wurde dieser angepasst?
Bühler: Die Zinsen wurden nur zögerlich an das massiv gesunkene Zinsniveau angepasst. Die ausgewiesenen Deckungsgrade sind daher zu hoch. Viele Kassen überschätzen ihre tatsächliche finanzielle Lage.

Beobachter: Wo besteht der grösste Handlungsbedarf für die zweite Säule?
Bühler: Der weitere Rückgang des Zinsniveaus hat die Umverteilung zwischen aktiven Versicherten und Rentenbezügern verstärkt. Das gilt insbesondere für rentnerlastige Kassen ohne starken Arbeitgeber. Die geplante Reform «Altersvorsorge 2020» des Bundes kann dieses Problem nur sehr langfristig lösen.

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Pensionskassen: Hoher Gewinn, jäher Verlust

  • Gewinn 2014: 50-60 Milliarden Franken

  • Verlust am 15. Januar 2015: 20 Milliarden Franken