«Puhhh, was haben Sie denn für eine Frage! Das wollte noch nie jemand wissen!», staunt die Gesprächspartnerin bei der Pensionskasse Winterthur-Columna am Telefon. Die Frage des Beobachter-Journalisten lautete: «Besitzt die Winterthur-Columna, bei der ich versichert bin, Nestlé-Aktien, und falls ja: Wie wurde damit an der letzten Nestlé-Generalversammlung abgestimmt, als es um das Doppelmandat von Nestlé-Chef Peter Brabeck ging?»

War die Frage wirklich so absurd, dass die «Winterthur»-Angestellte in lautes Lachen ausbrechen musste? Kaum. Unlängst beschäftigte sich die halbe Schweiz damit. Einige grosse Pensionskassen versuchten an der Generalversammlung des Nahrungsmittelmultis, einen Antrag des Nestlé-Verwaltungsrats zu verhindern: Der bisherige Konzernchef Peter Brabeck sollte nicht noch zusätzlich Verwaltungsratspräsident werden und sich künftig selber beaufsichtigen. Das Doppelmandat sei nicht im Interesse der Aktionäre als Firmenbesitzer. Fast wäre der Aufstand gelungen; nur gerade 50,5 Prozent befürworteten das Doppelmandat.

In diesem Zusammenhang realisierten viele Leute erstmals, dass ihre in der Pensionskasse angesparte Altersrente durchaus einen Einfluss aufs Wirtschaftsleben hat. Schliesslich verwalten die Pensionskassen Altersguthaben von insgesamt über 450 Milliarden Franken und legen einen hohen Anteil davon in Aktien an.

Die Frage nach dem Verhalten der eigenen Pensionskasse führt zur Problematik, inwiefern die Arbeitnehmer Einfluss auf die Verwaltung ihres Altersguthabens nehmen können. Die gesetzliche Vorgabe tönt klar: Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen im Stiftungsrat der Pensionskasse paritätisch vertreten sein.

Wie so oft ist die Praxis anders. «In der Regel hat die Arbeitgeberseite einen Wissensvorsprung», beobachtet Martin Hubatka, ein unabhängiger Pensionskassenexperte, der zahlreiche Stiftungsräte berät. «Die Arbeitgeber entsenden häufig die Finanz- oder Personalchefs des Unternehmens, und diese wissen kraft ihres Amtes mehr.» Vor allem in kleineren Firmen, wo das Reservoir an interessierten Arbeitnehmervertretern nicht gross ist, spiele dieser Wissensvorsprung eine Rolle. «Aber wenn sich die Arbeitnehmervertreter gut vorbereiten, können sie viel einbringen», glaubt der Experte – sofern sie sich ein Minimum an Kenntnissen etwa punkto Bilanzenlesen aneignen.

Gravierendes Machtgefälle
Jahrelang war dies alles andere als selbstverständlich: Vor fünf Jahren etwa bezeichnete sich in einer Beobachter-Umfrage nur gerade ein Drittel aller Arbeitnehmervertreter in Stiftungsräten als «kompetent». Um dieses Wissensgefälle etwas zu korrigieren, ist seit Anfang dieses Jahres ausdrücklich gesetzlich vorgeschrieben, dass die Pensionskassen ihre Stiftungsräte ausbilden müssen.

Ob dies reicht, ist indes fraglich. Gregor Ruh, Direktor der Fachschule für Personalvorsorge und damit wichtiger Anbieter von solchen Kursen, beobachtet zwar ein leicht steigendes Interesse an der zweitägigen Basisausbildung. Rund 150 angehende Stiftungsräte lassen sich heuer in Thun die rechtlichen und fachlichen Grundvoraussetzungen erklären. Doch bei der ebenso unerlässlichen Weiterbildung schwindet das Interesse rapid: «Für den bloss einen Tag dauernden Aktualisierungskurs, den ein Stiftungsrat jährlich besuchen sollte, haben wir nicht einmal 40 Anmeldungen», bedauert Ruh – bei schweizweit mehreren tausend Stiftungsräten ein Armutszeugnis.

Noch viel gravierender als der Wissensvorsprung sei das Machtgefälle, kritisiert Pensionskassenexpertin Colette Nova vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund. «Es gibt viele Fälle, wo sich die Interessen von Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern nicht decken. Ein Kündigungsschutz für die Arbeitnehmervertreter wäre darum dringend nötig, sonst können sie ihre Aufgabe gar nicht wahrnehmen.»

Zurück zum Selbstversuch: Auch nachdem die «Winterthur»-Angestellte korrekt kontrollierte, ob der Fragende überhaupt bei der «Winterthur» versichert ist, weiss sie nicht weiter. Ihre Chefin auch nicht: «Keine Ahnung», sagt sie kurz und bündig, verspricht aber einen Rückruf des zuständigen Kollegen. Dieser ruft auch nach zwei Tagen nicht zurück und erklärt dann auf Anfrage: «Ich darf Ihnen nichts sagen. Auskunftsberechtigt bin ich nur gegenüber dem Stiftungsrat.» Formell hat nämlich die Beobachter-Herausgeberin Jean Frey AG nach wie vor eine eigene Pensionskasse mit einem eigenen Stiftungsrat; vertraglich hat sie aber die ganze Geldanlage an die Winterthur-Columna delegiert.

Also zurück ins eigene Haus. «Diese Frage interessiert mich nicht», sagt Marcel Hürlimann, Jean-Frey-Finanzchef und nebenbei Geschäftsführer des Pensionskassen-Stiftungsrats. «Wichtig ist für uns nur, dass die ‹Winterthur› die nötige Rendite erreicht.» Bleibt nur der Dienstweg: eine schriftliche Anfrage an die beiden Arbeitnehmervertreter im Stiftungsrat; Letzterer kann an der nächsten Sitzung – nach Redaktionsschluss – darüber befinden. Falls von der «Winterthur» tatsächlich Auskunft verlangt würde, müsste der Stiftungsrat noch entscheiden, ob die Information auch an den Fragesteller weitergegeben werden soll.

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Langer Hürdenlauf
Im Sand verläuft auch die parallel gestartete offizielle Anfrage an die «Winterthur»-Pressestelle: Ob die «Winterthur»-Sammelstiftungen Nestlé-Aktien besässen, wolle man nicht bekannt geben. Immerhin räumt die Mediensprecherin ein, dass die Frage des Doppelmandats vor der Nestlé-GV «kein Thema» war.

Fazit: Innert Wochenfrist ist es dem Beobachter-Journalisten nicht gelungen, herauszufinden, ob mit seinem eigenen Altersguthaben Nestlé-Aktien gekauft wurden. Zugegeben: Für Angestellte von Firmen mit eigener, unabhängiger Pensionskasse ist der Hürdenlauf etwas weniger lang als für jene, die einer Sammelstiftung angeschlossen sind. Dennoch dürfte die Geheimniskrämerei nicht dazu beitragen, dass das Vertrauen der Versicherten in ihre Pensionskasse steigt.