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PensionskassenJe länger, je weniger Rente

Bundesrat Alain Berset will den Mindestumwandlungssatz für die zweite Säule senken. Das haben die Pensionskassen längst getan.

Die Renten schrumpfen: Viele werden weniger als erwartet erhalten.
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Einen Vorwurf muss sich der SP-Bundesrat bestimmt nicht gefallen lassen: dass er keinen Mut habe. Er schreckt nicht einmal davor zurück, selbst klare Volksentscheide zu kippen, die aus dem eigenen politischen Lager stammen. Vor drei Jahren sagten drei von vier Stimmenden Nein zum tieferen Mindest­umwandlungssatz bei der beruflichen Vorsorge. Berset will den Satz trotzdem schrittweise von 6,8 auf 6,0 Prozent senken. Für 100 000 Franken Altersguthaben soll es dann nicht mehr 6800 Franken Rente pro Jahr geben, sondern nur noch 6000.

Gleichzeitig will Berset die Kürzungen für die nächste Generation der Rentner abfedern. Wenn man ihn denn lässt: Der Nationalrat hat gerade eine FDP-Motion angenommen, wonach der Umwandlungssatz künftig per mathematischer Formel bestimmt und so dem politischen Prozess entzogen wird.

Auch die Pensionskassen schrauben längst am Rentenfaktor. Viele haben den Umwandlungssatz in den vergangenen Jahren systematisch gesenkt: die SBB auf 5,84 Prozent, der Rückversicherer Swiss Re auf 5,8 Prozent, die Grossbank UBS auf 5,49 Prozent. Die Publica – die Pensionskasse des Bundespersonals – wird ab 2015 nur noch einen Satz von 5,65 Prozent anwenden. Der Mittelwert liegt heute bei 6,46 Prozent, der tiefste Satz bei bescheidenen 5,37 Prozent. Das geht aus der aktuellen Umfrage von Swiss­canto bei 343 Kassen mit 2,8 Millionen Versicherten hervor.

Die Anlagen sind zu wenig rentabel

Die Taktik der Kassen: Sie haben den Umwandlungssatz für den überobligatorisch versicherten Sparteil massiv gesenkt, weil sie das beim Obligatorium nicht können. Die Kassen beteuern, sie hätten keine andere Wahl. «Das anhaltend tiefe Zins­niveau und die gestiegene Lebenserwartung verlangen eine Senkung des Umwandlungssatzes», heisst es stellvertretend bei der Publica.

Ein fixer Umwandlungssatz widerspricht dem Prinzip der zweiten Säule. Danach sollte dieser Satz auf der Basis der erwarteten Rendite auf den Spargeldern und der Lebenserwartung ermittelt werden. Um 6,8 Prozent finanzieren zu können, müssen die Pensionskassen mindestens 4,5 Prozent Rendite pro Jahr erzielen. Das schafften sie über die letzten Jahre nicht mehr. Seit 2000 ist die Rendite tiefer als drei Prozent. Die Lage verschärft sich zusätzlich, weil wir länger leben. Der Satz von 6,8 Prozent basiert auf der Lebens­erwartung um 1990; seither werden 65-Jährige durchschnittlich drei Jahre älter.

Die Mischung aus tiefer Rendite und hoher Lebenserwartung ist Gift für die Kassen. Um finanziell im Gleichgewicht zu bleiben, haben sie den Satz auf dem über­obligatorischen Vermögensanteil gesenkt. So wird in der Öffentlichkeit die Fiktion vom hohen gesetzlichen Umwandlungssatz aufrechterhalten.

Ihr zweites Gegengift: Umverteilen von Geldern der Berufstätigen an Rentenbezüger. Die Vorsorgeeinrichtungen schichten Gelder um, wenn auch in unterschiedlich grossem Stil. 2011 schätzte der Bundesrat, es gehe um 600 Millionen Franken pro Jahr. Die Grossbank Credit Suisse hält gut 3 Milliarden für korrekt. Massiv umverteilt wird auch bei den Sammelstiftungen der gros­sen Lebensversicherer. Allein bei der Axa waren es letztes Jahr 322 Millionen.

Nach Meinung der Finanzmarktbehörde könnten es bald noch mehr werden. Denn die Umwandlungssätze für das Überobligatorium von 5,835 Prozent für Männer und 5,574 Prozent für Frauen seien «im ­bestehenden Zinsumfeld nicht mehr angemessen». Das Bundesamt für Sozialver­sicherungen will nun genau ermitteln, wie viel umverteilt wird. Dafür hat es eine ­Studie in Auftrag gegeben.

Gelder umzuverteilen hat den Vorteil, dass die sozial Schwächeren von den Rentenkürzungen weniger stark betroffen sind. Nur widerspricht das dem Prinzip der beruflichen Vorsorge. Sie ist darauf ausgelegt, dass jeder Versicherte im Kapitaldeckungsverfahren nur für sich selber sorgt. Laut der BSV-Vizedirektorin und früheren Gewerkschafterin Colette Nova ist klar, dass es bei der zweiten Säule Korrekturen braucht, wie Berset sie vorgezeichnet hat: «Sonst fahren wir das System gegen die Wand.»

Gewerkschaften bekämpfen die Senkung

Für den Pensionskassenverband Asip zielen Bersets Vorschläge «aus heutiger Sicht in die richtige Richtung». Sie seien aber zu starr, um auf mögliche Veränderungen an den Finanzmärkten reagieren zu können. Experten wie Dominique Ammann, Partner der Beratungsfirma PPC Metrics und Mitglied der BVG-Kommission des Bundes, erachten nur einen Umwandlungssatz von unter 5 Prozent als gerechtfertigt. Sollten die Renditen wieder steigen, könne man die Rentner ja immer noch am Überschuss beteiligen. Für die Gewerkschaften sei ein Satz von 6 Prozent oder tiefer nicht hinnehmbar, sagt Doris Bianchi vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund.

Es sei unseriös, einer längerfristig angelegten Rentenreform das aktuelle Tiefzinsszenario zugrunde zu legen: «Es spricht viel dafür, dass die Zinsen steigen.» Um den Mindestumwandlungssatz zu sichern, will Bianchi prüfen lassen, ob das BVG-Obligatorium nicht um 40 000 auf gut 120 000 Franken Jahreslohn angehoben werden kann. Zudem soll das Gewicht anders gesetzt werden: Statt die Pensionskassen «gewaltig aufzublähen», wie Bianchi befürchtet, soll die AHV gestärkt werden. Damit ist klar: SP-Bundesrat Berset weht auch aus dem eigenen Lager eine Bise entgegen.

Veröffentlicht am 18. September 2013