«Wenn ich meine Verantwortung wahrnehmen will, brauche ich genügend Zeit. Sonst bin ich nur Zuschauer», erklärt Bruno Junker, Arbeitnehmer-Stiftungsrat der Pensionskasse des Technologiekonzerns Sulzer in Winterthur. Junker, der insgesamt vier Milliarden Franken Vorsorgekapital mitverwaltet, nimmt sich Zeit: Rund 200 Stunden investiert er jährlich in sein Mandat. Zudem besucht er regelmässig Fortbildungsveranstaltungen, die bei Sulzer für Stiftungsräte obligatorisch sind. Junker ist denn auch überzeugt: «Bei Pensionskassenfragen kenne ich mich aus.»

Leute wie Junker sind die grosse Ausnahme. Das zeigt die Beobachter-Umfrage bei über einem Dutzend Schweizer Pensionskassen. Das Resultat ist alarmierend: Nur ein Drittel der Befragten stuft sich selber als kompetent ein. Beim grossen Rest dominiert «learning by doing»: Ein Fünftel der vom Beobachter Befragten hat noch nie eine PK-Fortbildung besucht.

Doch selbst Fortbildung bietet keine Garantie dafür, dass die Arbeitnehmervertreter ihrer Aufgabe auch wirklich gewachsen sind. Denn häufig kommen die Stiftungsräte zu ihrem Mandat wie die Jungfrau zum Kind – rund die Hälfte wird angefragt, von irgendeiner Kommission delegiert oder extern beauftragt.

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So viel Nonchalance ist höchst erstaunlich, denn die Stiftungsräte stellen wichtige Weichen für die Finanzierung von Früh-und Witwenrenten oder die Absicherung bei Invalidität. Dabei geht es um eine ganz gehörige Stange Geld: Auf den Konti der Pensionskassen und Sammelstiftungen liegen rund 500 Milliarden Franken. Würde man diese enorme Summe auf die etwa 3,8 Millionen Versicherten verteilen, gäbe es für jeden und jede immerhin gut 132'000 Franken.

Andràs Nemeth, Arbeitnehmer-Stiftungsrat der Pensionskasse des Schweizerischen Buchhändler- und Verleger-Verbandes, gehört zu den zwei Dritteln der Laien-Stiftungsräte: «Ich bin überhaupt nicht sattelfest», gesteht er dem Beobachter. Allerdings seien auch die Arbeitgebervertreter jeweils nicht besser im Bild. Eine PK-Fortbildung hat Nemeth bislang nicht besucht. Von wochenlangen Freistellungen des Arbeitgebers für sein Amt kann er nur träumen. Drei Tage pro Jahr – Vorbereitung inklusive – veranschlagt er für seine Tätigkeit als Stiftungsrat.

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Bei komplexen Versicherungsfragen und bei der Vermögensanlage haben meist nur externe Experten den Durchblick. Das weiss auch Bernd Körner, gestandener Novartis-Stiftungsrat und Vorsitzender der Personalvertretung: «Wir kümmern uns um die grundsätzlichen Fragen. Operationelles und das Anlagegeschäft sind delegiert. Der Stiftungsrat überwacht und kontrolliert hier nur.»

Das zeitliche Engagement der Arbeitnehmer-Stiftungsräte und -Stiftungsrätinnen – Frauen sind in der Minderheit – differiert enorm: Von acht Stunden bei der Ärztekasse Pro Medico bis zu 250 Stunden bei IBM Schweiz.

Kaum Interesse an Fortbildung
Georg Ruh von der Verwaltungsfachschule für Personalvorsorge in Olten bestätigt die Defizite bei PK-Stiftungsräten: «Nach wie vor mangelt es am Bewusstsein, dass es sich beim Stiftungsrat um ein Kompetenzorgan handelt. In der Ausbildung besteht Nachholbedarf.» Doch die Nachfrage ist gering: Ruh veranstaltet jährlich drei einschlägige Fortbildungskurse – und bringt jeweils nur mit Müh und Not eine vollzählige Klasse zusammen.

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Auch auf die Kurse der Gewerkschaft Smuv gibt es keinen Run. «Wir mussten die Teilnehmerzahl noch nie limitieren», sagt Leiter Heinrich Nydegger. In den Smuv-Seminaren sitzen neben Leuten mit Sachkenntnissen immer wieder solche, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben: meist Stiftungsräte, die nach Mutationen unvorbereitet ins Gremium rutschen.

Ein vernichtendes Urteil fällt Werner Hug, der sich bei der AG für Wirtschaftspublikationen seit Jahren mit dem Thema Pensionskassen beschäftigt: «Es gibt keine Hochschule, die sich in der Schweiz der zweiten Säule annimmt. Auch die meisten Gewerkschaften verschlafen die Ausbildung ihrer Mitglieder.»

Das ist gefährlich. Verbessert sich die Basisausbildung nicht, dann sieht Werner Hug die eigenständige Zukunft der zweiten Säule gefährdet.

Weshalb legen sich die Versicherten und ihre Vertreter nicht mehr ins Zeug, wenn es doch um so viel Geld und um soziale Absicherungen geht? Gewerkschaftsvertreter Nydegger ortet einen der Gründe in der Fremdbestimmung vieler Versicherter: «Wem ein fertiges Menü vorgesetzt wird, der verliert das Interesse.»

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Rund 60 Prozent der Versicherten in Vorsorgeeinrichtungen des privaten Rechts – etwa 1,6 Millionen Personen – gehören den knapp 300 Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen an. Dort ist die Mitbestimmung der Arbeitnehmervertreter ausgehebelt. «Die direkte Einflussnahme auf die Geschäftsführung des Stiftungsrats einer Sammelstiftung ist weder rechtlich noch faktisch möglich», schreibt der Basler Pensionskassenspezialist Hans-Ulrich Stauffer im Fachblatt «Schweizer Personalvorsorge». Für Stauffer ein klar illegaler Zustand, denn die paritätische Verwaltung gelte nach einem Entscheid der Eidgenössischen AHV-IV-Beschwerdekommission auch für Sammelstiftungen.

Die Verwalter kassieren ab
Doch passiert ist seit Jahren nichts. Sammelstiftungen sind nach wie vor gesetzlich nicht normiert und können «in wesentlichen Bereichen ausserhalb gesetzlicher Mindestanforderungen operieren», wie Stauffer kritisch anmerkt.

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Der Finanzindustrie kanns recht sein. Sie verdient mit der Verwaltung von Pensionskassengeldern ein Vermögen – auf Kosten der Versicherten. Durchschnittlich 1,8 Prozent der Vermögensverzinsung kassieren die Verwalter. Diesen Wert hat der Basler SP-Nationalrat und Pensionskassenspezialist Rudolf Rechsteiner ermittelt. Sein Fazit: «Die verdienen sich dumm und dämlich.»

Weitere Gründe für das geringe Interesse an der zweiten Säule ortet Experte Werner Hug bei den Arbeitnehmern selbst: «Wer unter 40 ist, für den ist die Pension noch viel zu weit weg.» Die häufig schlechte Information durch Arbeitgeber und Pensionskassen, die Scheu vor der Verantwortung, fehlende Unterstützung durch Arbeitnehmerverbände und die schwierige Materie wirken ebenfalls als Bremsklötze. Dazu kommt der Faktor Zeit: Viele Stiftungsräte bekommen für ihr Amt keinerlei Entlastung am Arbeitsplatz.

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Das Gesetz schreibt für privatrechtliche Vorsorgeeinrichtungen das Recht auf eine paritätische Vertretung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern fest. Arbeitnehmer haben also nicht nur ein Mitsprache-, sondern auch ein Mitbestimmungsrecht. Doch mit einem Abzählen der Köpfe im Stiftungsrat ist es nicht getan. Faktisch sitzen die Arbeitgeber nämlich am längeren Hebel. Als Kaderleute sind sie nicht nur besser informiert und ausgebildet, sondern meist auch die direkten Vorgesetzten der Arbeitnehmer-Stiftungsräte. Und wer geht schon auf Konfrontationskurs zu seinem Chef oder den Interessen der Firma, selbst wenn er deswegen laut Gesetz keine Nachteile zu befürchten haben sollte?

So schnüren Firmen Päckli mit Banken und übertragen ihnen das PK-Anlagegeschäft, wenn dafür Kredite aufrechterhalten werden. Nach der Verzinsung etwa fragt niemand. Viele kleine und mittelgrosse Kassen sind denn auch unprofessionell geführt.

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Kommt dazu, dass sich die Arbeitgeber im Stiftungsrat in aller Regel einig sind. «Es besteht nie die Gefahr, dass ein Arbeitgeber-Stiftungsrat von der vorgegebenen Meinung abkehrt. Dieses Risiko besteht nur bei Arbeitnehmervertretern», weiss Alex Gasser, Angestelltenvertreter im Novartis-Stiftungsrat. Dabei ist die Novartis-Kasse eine vergleichsweise vorbildliche Institution.

Baulöwe verspielt 150 Millionen
Was herauskommt, wenn Pensionskassen nach Firmendiktat unkontrolliert schalten und walten können, illustriert exemplarisch der Fall der Oltner Sammel-und Anlagestiftungen Vera und Pevos. Der Zusammenbruch der Stiftungen im Umfeld des Baulöwen Albert Heer ist im Pensionskassenbereich das bislang grösste Debakel mit einer Schadenssumme von rund 150 Millionen Franken.

Heer leitete die Anlagegelder als Policendarlehen zu einem grossen Teil wieder auf die eigenen Mühlen zurück. Das Zusammenspiel mit den Versicherungsgesellschaften «Zürich» und «Genfer» sowie willige Stiftungsräte machten es möglich. Dann platzte die Spekulationsblase, und die Stiftungen Vera und Pevos waren mit 230 Millionen Franken überschuldet.

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Die Stiftungsaufsicht beim Bund zog die Notbremse. Nun liegt ein vernichtender Zwischenbericht der eingesetzten Stiftungsräte und Liquidatoren vor: Die Aufsichtspflicht war gravierend verletzt worden. Die Verantwortung hierfür liegt bei den früheren Stiftungsorganen, den beiden Versicherungsgesellschaften und auch bei der Revisionsgesellschaft Visura. Kommt es zu keiner gütlichen Einigung, wird der Sicherheitsfonds des Bundes auf Schadenersatz klagen, wie dessen Chef Peter Senn bestätigt: «Für Stiftungsorgane besteht die Solidarhaftung.»

Tatsächlich sind die Stiftungsräte für Schäden mitverantwortlich, die sie absichtlich oder fahrlässig verursachen. Die Kläger werden sich im Fall Vera/Pevos in erster Linie bei der «Zürich» und der «Genfer» schadlos halten. Aber das Sprichwort «Mitgehangen, mitgefangen» gilt auch für die Arbeitnehmervertreter. Selbst wenn sie nur eine dekorative Funktion im Kopfnickergremium erfüllt haben.

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