Beim Konkurs einer Firma stellt sich heraus, dass das Vermögen der Pensionskasse nicht mehr vorhanden ist: Es wurde vorschriftswidrig in die marode Firma investiert. Andere Kassen ändern ihr Reglement, kürzen die Renten der Frühpensionierten oder sogar alle laufenden Altersrenten. Und einige Kassen verzinsen das Alterskapital für das Jahr 2002 nicht oder nur ungenügend.

Hunderte von besorgten Versicherten wandten sich in den letzten Monaten mit solchen Fällen an das Beratungszentrum des Beobachters. Meist mit der Frage, ob die Beschlüsse ihrer Stiftungsräte denn eigentlich legal seien. «Viele Menschen haben Angst um ihr Alterskapital», sagt Walter Ilg, Pensionskassenspezialist beim Beobachter. Angestellte und Rentner erkundigen sich vermehrt auch direkt bei ihren Kassen. «In letzter Zeit haben wir eine Zunahme der Anfragen festgestellt», bestätigt etwa Bernhard Zumbrunn, Leiter der Pensionskasse der Post.

Kein Wunder: Kurz vor den Sommerferien schreckte der Bundesrat das Volk mit der Ankündigung auf, der Mindestzins für das Alterskapital werde gekürzt. Und seither kommen Pensionskassen, Sammelstiftungen und Versicherungen nicht mehr aus den Negativschlagzeilen heraus. Doch trotz monatelangen Debatten um den «Rentenklau» – das Vertrauen in die zweite Säule ist immer noch gross: 80 Prozent der Versicherten sind mit ihrer eigenen Pensionskasse «eher zufrieden» oder sogar «sehr zufrieden».

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Das ist das überraschende Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Basler Meinungsforschungsinstituts Konso im Auftrag des Beobachters (siehe Nebenartikel «Beobachter-Umfrage»). Gut 60 Prozent der Versicherten glauben zudem, dass die eigene Pensionskasse «die in Aussicht gestellte Altersrente bezahlen kann», ohne die Beiträge zu erhöhen. Nur gut jeder Fünfte (22 Prozent) bezweifelt das, 17 Prozent konnten die Frage nicht beantworten.

Rasch schwindende Reserven
«Das Vertrauen in die eigene Pensionskasse ist hoch. Die jüngsten Diskussionen gehen den Leuten weniger nahe, als viele glauben», meint auch der Zürcher Pensionskassenexperte Martin Hubatka.

Zwar ist die Zukunft der Altersvorsorge schon lange politisch heiss umstritten. Bis vor kurzem konzentrierte sich die Diskussion aber fast ausschliesslich auf die erste Säule. Experten prangerten das Umlageverfahren der AHV als unsicher an und lobten zugleich das Kapitaldeckungsverfahren der Pensionskassen in den höchsten Tönen. Diese Predigten wirken offensichtlich immer noch nach. Die Zukunft der AHV wird in der Beobachter-Umfrage deutlich skeptischer beurteilt als die Lage der Pensionskassen: Nur 45 Prozent der Bevölkerung glauben, dass die AHV die in Aussicht gestellten Renten bezahlen kann, ohne die Beiträge zu erhöhen. Fast ebenso viele – 43 Prozent – bezweifeln dies.

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Skepsis gegenüber der AHV bei gleichzeitigem Vertrauen in die Pensionskassen – am klarsten spiegelt sich diese Haltung bei den besser Gebildeten: Eine klare Mehrheit der Befragten mit höherer Bildung traut den Pensionskassen die Auszahlung der versprochenen Renten zu, während sie dies bei der AHV bezweifelt. Optimistischer bezüglich der AHV sind nur die Befragten mit Berufsbildung, die mehrheitlich an die volle Auszahlung der AHV-Renten glauben. Das Vertrauen in die Renten der Pensionskassen ist dagegen bei allen Bildungsgruppen intakt, von den Auszubildenden bis zu den Akademikern.

Ob die Gelassenheit über die Zukunft der zweiten Säule anhält, ist jedoch fraglich. Denn die Reserven der Pensionskassen schwinden rascher als das Vertrauenskapital der Versicherten. Ein Bericht der Beratungsfirma Complementa und der AWP im Auftrag des Bundesrats, der kurz nach der Durchführung der Beobachter-Umfrage veröffentlicht wurde, zeigt eine dramatische Verschlechterung im letzten Jahr. Ende 2001 wiesen laut Angaben der Aufsichtsbehörden erst sechs Prozent der Pensionskassen eine Unterdeckung auf. Im Juni 2002 war gemäss Complementa/AWP bereits gut ein Viertel der Kassen betroffen, im September sogar knapp die Hälfte. Eine Unterdeckung bedeutet, dass eine Kasse nicht mehr alle ihre zukünftigen Verpflichtungen erfüllen kann.

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Noch handelt es sich bei den Zahlen für das Jahr 2002 um Hochrechnungen. Die Stunde der Wahrheit schlägt im laufenden Jahr: Falls sich die Börse nicht rasch erholt, müssen die betroffenen Kassen den Aufsichtsbehörden Sanierungspläne vorlegen. Sanieren aber heisst: höhere Beiträge einfordern, zukünftige oder auch laufende Renten kürzen.

Mitsprache ist reine Theorie
Spätestens dann werden sich viele Versicherte die Augen reiben – und sich fragen, wer die Verantwortung für das angerichtete Debakel trägt. Bisher bestimmen in der Praxis allein die Kassenmanager und die Börsenspezialisten der Finanzindustrie, ob das Alterskapital an den Aktienmärkten riskiert oder durch breiter diversifizierte Anlagen nachhaltig vermehrt wird. Zwar schreibt das Bundesgesetz über die berufliche Vorsorge (BVG) die paritätische Verwaltung der Pensionskassen durch die Sozialpartner vor. Tatsächlich ist die Mitsprache der versicherten Angestellten meist bloss graue Theorie.

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Denn viele Stiftungsräte von Pensionskassen verstehen kaum etwas vom heiklen Geschäft der Kapitalanlage. Vor allem die Arbeitnehmervertreter kommen zu ihrem Amt oft wie die Jungfrau zum Kinde – mehr oder weniger genötigt durch ihre Arbeitgeber und unvorbereitet. Die Spiesse sind unterschiedlich lang, weil die Vertreter der Arbeitgeber meist einen Wissensvorsprung haben. «Wissen ist Macht», sagt Pensionskassenexperte Hubatka.

Auch FDP-Nationalrätin Christine Egerszegi, die seit ihrer heftigen Kritik an der Senkung des Mindestzinses als «Madame BVG» gilt, sieht hier Defizite: «Es gibt leider beides: exemplarisch gut geführte Pensionskassen mit kompetenten Stiftungsräten, aber auch das Gegenteil. Die Ausbildung von Stiftungsräten war bisher freiwillig. Wir kennen sogar Beispiele, wo Kassen den Kanton wechseln, weil dort die Aufsicht weniger streng ist.» Warum liess die Politik die Zügel derart schleifen? Egerszegi verweist aufs politische Prozedere: «Das BVG ist ein Rahmengesetz. Man hatte keine Erfahrung. Wir müssen nun bei der laufenden Revision nachbessern.» Unter anderem soll die Ausbildung von Stiftungsräten obligatorisch werden.

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Wenig Interesse an Kursen
Bisher war die Nachfrage flau. Etwa an der Verwaltungsfachschule für Personalvorsorge in Olten. Dazu der verantwortliche Leiter Georg Ruh: «Wer mitreden will, muss sich regelmässig fortbilden. Doch für unsere Wiederholungskurse bringen wir pro Jahr gerade mal 40 Leute zusammen.»

Auch die Gewerkschaften haben es nicht geschafft, ihre Basis zu mobilisieren. Die eigenen Pensionskassenkurse sind schwach belegt. Für Colette Nova, Sekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, liegt das nicht am Kursangebot, sondern am System: «Wir pochen schon seit Jahren auf die obligatorische Aus- und Weiterbildung von Stiftungsräten.» Das Parlament hat dem nun zugestimmt und die Kassen zur Übernahme der Ausbildungskosten verpflichtet. Die BVG-Revision tritt aber frühestens 2004 in Kraft.

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Weiterhin bleiben etliche Defizite bei der Mitbestimmung bestehen. Ganz ausgehebelt ist diese bei Sammelstiftungen. Denn eine direkte Einflussnahme auf den Stiftungsrat – in der Regel Vertreter der jeweiligen Versicherungen – ist weder faktisch noch rechtlich möglich. Wahlen werden quasi intern durchgeführt.

«Den angeschlossenen Firmen bleibt eine Statistenrolle – meist die unangenehme Aufgabe beim Inkasso der Beiträge», weiss Pensionskassenexperte Hubatka. Er schlägt deshalb vor, die Stiftungsräte der Sammelstiftungen mit externen Fachleuten zu besetzen. «Es braucht echte Mitbestimmung und Transparenz», erklärt auch Nationalrätin Egerszegi. In der BVG-Revision sei vorgesehen, in Zukunft jeden Versicherten obligatorisch über Erträge, Risikoverlauf, Verwaltungskosten und Reserven zu informieren. Allerdings fehle noch ein Passus, wie säumige Kassen bestraft werden, moniert Egerszegi.

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Gewerkschafterin Nova sieht einen weiteren Schwachpunkt: «Was passiert, wenn sich Arbeitnehmer im Stiftungsrat quer legen und dann unter irgendeinem Vorwand die Kündigung erhalten? Ein besserer Kündigungsschutz wurde vom Parlament abgelehnt.» Zudem schlägt sie ein Modell vor, das sich in der Romandie bewährt hat: Arbeitnehmer können fachkundige Gewerkschafter in die Stiftungsräte von Pensionskassen wählen, die selber nicht dem Unternehmen angehören.

Trotz vieler Defizite: Das revidierte BVG wird immerhin einige überfällige Verbesserungen bringen. Auch die neuen Paragrafen werden jedoch tote Buchstaben bleiben, falls die Versicherten ihre Mitspracherechte nicht aktiv ausüben. Obwohl Pensionskassen und Sammelstiftungen die gigantische Summe von fast 600 Milliarden Franken für die Berufstätigen verwalten, nehmen Letztere dieses Alterskapital noch kaum als persönliches Eigentum wahr. Nur wenige Leute würden bei ihren privaten Ersparnissen einem Vermögensberater derart viel Spielraum lassen wie den Verwaltern ihrer Pensionskassen.

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Probleme sind da programmiert. Betrügerische Machenschaften im engen Sinn sind zwar selten – der bisher grösste Fall ist der Konkurs der Vera/Pevos-Anlagestiftungen mit einem Schaden von mehr als 200 Millionen Franken: Sechs Verantwortliche werden sich voraussichtlich wegen Betrugs und Veruntreuung in den kommenden Monaten vor Gericht verantworten müssen. Doch nicht nur solche Hasardeure gefährden unser Pensionskassenkapital. So hat die Börsenkrise der letzten beiden Jahre nach Schätzungen rund 50 Milliarden Franken in Luft aufgelöst. Diese Summe entspricht sämtlichen Ausgaben des Bundes in einem Jahr.

Vielfach zu hoher Aktienanteil
Wie riskant ist die Anlagestrategie der Pensionskassen heute? Der Beobachter hat 30 der grössten Pensionskassen befragt, die zusammen 200 Milliarden Franken verwalten. Obwohl der Börsencrash den Wert von Aktien im Portefeuille massiv reduziert hat, weisen immer noch sieben der grossen Kassen einen Aktienanteil von einem Drittel bis zu weit über 40 Prozent auf. Zwei dieser Kassen verfügen zudem über einen sehr tiefen Anteil an wertbeständigeren Immobilien – konkret: gerade mal fünf Prozent oder noch weniger.

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Als riskant erachtet einen derartigen Mix der Pensionskassenberater der Firma Complementa, Michael Brandenberger: «Wenn eine Kasse mit einer solchen Strategie zu uns käme, würden wir ihr eine breitere Streuung der Anlagen empfehlen.» Sogar als «fahrlässig, fast schon kriminell» bezeichnet Bruno Junker, Stiftungsrat und Arbeitnehmervertreter in der Sulzer Vorsorgeeinrichtung (SVE), eine so einseitige Ausrichtung. Die SVE verfolgt eine ausgewogene Anlagepolitik (siehe «Sulzer Vorsorgeeinrichtung», oben).

Gleiches gilt für immerhin 13 der 30 befragten Pensionskassen: Sie besitzen mehr als 15 Prozent Immobilien und weniger als einen Drittel Aktien. Die vorsichtige Anlagepolitik, die sich jetzt auszahlt, galt zu Zeiten der Börseneuphorie bei den Anlageexperten als überholt. «Die Berater wurden nie müde, die Immobilien in den Schatten der Börse zu stellen», sagt Fritz Burri, Geschäftsführer der Immobilienanlagestiftung HIG. Und Thomas Hohl, Leiter der Pensionskasse der Migros, erinnert sich: «Wegen unserer konservativen Anlagepolitik wurden wir in den guten Börsenjahren schlicht belächelt.»

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Enorme Verwaltungskosten
Beim Publikum scheint der Glaube an die Aktien allerdings immer noch intakt. In der Beobachter-Umfrage wünscht sich nur eine Minderheit von 30 Prozent der Versicherten ein geringeres Engagement der Pensionskassen in Aktien. Mehr als zwei Drittel wollen keine Änderung in der Anlagestrategie.

Das Pikante: Dieses Vertrauen in die Aktienanlage basiert auf einem geringen Wissensstand. 52 Prozent der Versicherten schätzen den Aktienanteil der Pensionskassen eindeutig zu hoch ein: auf zwischen einen Drittel und der Hälfte – oder mehr – des Kapitals. Tatsächlich beträgt er inzwischen weniger als einen Drittel. Nur gerade 23 Prozent der Versicherten lagen richtig. Befragte mit Uniabschluss wiesen mit 39 Prozent richtigen Antworten die höchste Trefferquote aus, aber auch sie lagen mehrheitlich daneben.

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Dass die Versicherten über die Anlage ihres Alterskapitals wenig wissen und zugleich zufrieden sind, kann vor allem einer Branche recht sein: der Finanzindustrie. Sie wickelt im Auftrag der Pensionskassen einen grossen Teil der komplexen Versicherungs- und Börsengeschäfte ab – und lässt sich für diese Finanzdienstleistungen fürstlich entschädigen: Allein im Jahr 2000 kassierte sie 2,5 Milliarden Franken an Verwaltungskosten – oder bis zu 2000 Franken pro Versicherten.

Für die Finanzindustrie ist das ein Geschäft ohne Risiko – denn dieses tragen allein die Versicherten.