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PensionskassenRenten sinken stärker als nötig

Mit welchen Renditen rechnen Pensionskassen? Die Antwort bestimmt die Höhe der Renten. Bild: iStock Photo

PK-Experten wollen kein Anlagerisiko mehr eingehen. So rechnen sie die Renten klein.

von Bernhard Raosaktualisiert am 2017 M08 15

Die Pensionskassenexperten sind zerstritten. Stundenlang diskutierte ihre Kammer jüngst – und konnte sich dennoch nicht einigen, wie hoch der technische Referenzzinssatz vernünftigerweise sein soll. Der Entscheid wurde auf November vertagt. Es geht um viel. Der technische Zins ist eine der entscheidenden Grössen für die Berechnung der Renten. Er gibt an, zu welchem Satz Pensionskassen das Alterskapital verzinsen, damit genug Geld da ist für die versprochenen Renten. Je tiefer er ist, desto weniger Rente gibt es letztlich.

Ein tieferer technischer Zins löst nämlich sogenannte Verrentungsverluste aus. Sie entstehen, weil das vorhandene Sparkapital dann rechnerisch nicht mehr reicht, um die Rentenansprüche in vollem Umfang zu finanzieren. Deshalb sinkt auch der Umwandlungssatz. Ein um 0,5 Prozentpunkte tieferer technischer Zins bedeutet einen um 0,3 Prozentpunkte tieferen Umwandlungssatz, so lautet die gängige Faustregel. Bei 400'000 Franken Alterskapital sind das pro Jahr 1200 Franken weniger.

Stiftungsräte winken Kürzungen durch

In den letzten zehn Jahren fiel der technische Zins von über 4 auf 2,4 Prozent – Tendenz weiter sinkend. Dass die Renten schrumpfen, liegt vor allem an der höheren Lebenserwartung und den seit Jahren tiefen Zinsen. Aber nicht nur: Verantwortlich sind zunehmend auch übervorsichtige PK-Experten und verunsicherte Stiftungsräte, die Kürzungen einfach durchwinken.

Warum ist das so? Eigentlich legt ja der Stiftungsrat den technischen Zins im Alleingang fest. Aber fast immer folgt er dabei dem Vorschlag des Pensionskassenexperten. Das hat Gründe. Wenn der Stiftungsrat einen höheren technischen Zins als der Experte empfiehlt, wird das im jährlichen Gutachten vermerkt, das an die Aufsichtsbehörde geht. Die Konsequenzen sind oft mühsam: Es folgen häufig Diskussionen mit der Aufsicht, der Stiftungsrat muss seinen Entscheid rechtfertigen.

Wie hoch der technische Zinssatz vernünftigerweise sein soll, ist schon länger umstritten. 2010 einigte sich die Kammer der Pensionskassenexperten auf ein Berechnungsmodell, wie der Referenzzins festgelegt werden soll. Inzwischen ist er eine wichtige Grösse, nach der sich sehr viele Experten und Pensionskassen richten. Doch gegen den Referenzzinssatz gab es von Beginn weg Kritik. Ein einheitlicher Satz für alle Pensionskassen macht eigentlich keinen Sinn. Denn jede Kasse legt ihr Geld anders an und weist eine andere Altersstruktur auf.

Realitätsfremde Berechnungsformel

Zudem ist die von der PK-Kammer beschlossene Formel realitätsfremd. Sie orientiert sich an einer Anlagestrategie, die sehr konservativ festgelegt ist. Sie berechnet sich wie folgt: zu zwei Dritteln gemäss dem Anlageertrag, den man mit einem Anteil von 25 Prozent Aktien über die letzten 20 Jahre erzielt; ein Drittel gemäss der aktuellen Rendite zehnjähriger Bundesanleihen. Das Resultat wird dann noch um eine sogenannte Kostenmarge von 0,5 Prozent reduziert und auf das nächste Viertelprozent abgerundet.

«Keine Kasse verfolgt eine derartige Anlagestrategie», sagt das PK-Netz 2. Säule, das die Interessen der Arbeitnehmenden vertritt. Das bestätigen die jüngsten Zahlen der Oberaufsichtskommission, wonach Pensionskassen im Schnitt zu 40 Prozent in Obligationen sowie zu 38,5 Prozent in Aktien und alternative Anlagen investieren.

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Aktuell liegt der Referenzzins gemäss dieser Willkür-Formel bei 2,25 Prozent. Weil die Bundesanleihen wohl noch einige Zeit im negativen Bereich verharren werden, dürfte der Referenzzins weiter sinken. Nach Berechnungen der Beratungsfirma PPCmetrics würde er 2025 unter 1,5 Prozent liegen. Die Folge: Der Umwandlungssatz sinkt unter 5 Prozent. Pro 100'000 Franken Alterskapital wird man damit nicht einmal mehr 5000 Franken Rente im Jahr erhalten.

Auch die Oberaufsichtskommission ist mit dem Modell der PK-Experten unzufrieden und will den Referenzzins ganz streichen. Die Kritik kommt allerdings reichlich spät, denn der Referenzzinssatz hat seine Wirkung längst entfaltet. Viele Pensionskassen haben die Renten in den letzten Monaten stärker gesenkt als nötig.

Urs Bracher, Sekretär der Kammer der PK-Experten, will diese Kritik nicht gelten lassen. Die Schuld liege nicht bei der Kammer. «Bei einer korrekten Anwendung unserer Richtlinie wird der technische Zinssatz in einer Pensionskasse aufgrund der erwarteten Rendite festgelegt und nicht zu tief gesenkt.» Der Referenzzins sei gedacht als «obere Limite für den technischen Zins, die von der Pensionskasse überschritten werden kann, wenn der PK-Experte und der Stiftungsrat das begründen können».

Genau darin liegt aber die Krux: Der Herde zu folgen ist deutlich einfacher als auszuscheren. Die meisten Stiftungsräte nicken die vorgeschlagene Senkung des technischen Zinses einfach ab.

Es geht sogar noch radikaler

Nun will ein Teil der Pensionskassenexperten noch einen Schritt weitergehen. Es kursieren bereits radikale Vorschläge. Der Kammer liegt beispielsweise ein Antrag vor, der eine risikofreie Bewertung verlangt. Der Vorschlag hat soziale Sprengkraft. Falls er sich durchsetzt, werden der technische Zins und die Umwandlungssätze noch tiefer fallen.

Solche Vorschläge seien unrealistisch, sagt denn auch Roger Baumann, Partner der Beratungsfirma C-alm und Mitglied einer Arbeitsgruppe bei der Kammer der PK-Experten. Sie gehen ihm viel zu weit. «Bei einer risikofreien Bewertung wird mit dem schlimmstmöglichen Fall gerechnet.» Es sei aber gerade Sinn und Stärke der Pensionskassen, dass sie an den Finanzmärkten grössere Risiken eingehen können als ein einzelner Anleger. «Dieser Risikotransfer ist aus ökonomischer Sicht die Legitimation des Systems der zweiten Säule», so Baumann.

Das Hickhack um die richtige Formel für den technischen Zins hilft nicht, das Vertrauen in die zweite Säule zurückzugewinnen. Die Aufsichtsbehörde und eine Mehrheit der Experten schlagen einen anderen Weg vor. Es soll nur Vorgaben geben, wie hoch die Rendite für die einzelnen Anlagekategorien ausfallen soll. Das ist realistischer und dürfte weniger starke Rentenkürzungen zur Folge haben.

Doch auch das ist nicht unbestritten. Denn was ist die richtige Renditeerwartung? Bekanntlich halten sich Finanzmärkte selten an Vorgaben, die Expertengremien aufgestellt haben.

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Matthias Pflume, Mitglied der Chefredaktion

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