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PensionskassenSchlechte Geschäfte mit Klimasündern

Pensionskassen investieren auch in Unternehmen mit fragwürdigen Praktiken. Auf Kosten der Rendite.

Viele Pensionskassen stecken ihr Geld in die fossile Energie.
von aktualisiert am 14. November 2018

Hand aufs Herz: Wissen Sie, in welche Unternehmen Ihre Pensionskasse Ihr Geld investiert? Interessieren Sie sich nicht dafür, oder möchten Sie es lieber gar nicht wissen? Es ist davon auszugehen, dass Ihre PK rund 30 Prozent des Geldes in Aktien grosser Unternehmen investiert, wie sie im Dow-Jones, im Deutschen Aktienindex (Dax) oder im MSCI Europe oder MSCI World abgebildet sind. 

Nehmen wir zum Beispiel Volkswagen: Würden Sie trotz dem Abgasskandal Ihr Geld in VW-Aktien stecken? Ziemlich sicher hat Ihre Pensionskasse genau das getan, denn Pensionskassen investieren ihre Aktienquoten in einen Index oder bilden diesen nach – und Volkswagen ist nicht nur im Dax, sondern auch in anderen Indizes wie dem Euro Stoxx 50 vertreten. 

«Gut, damit kann ich leben», werden Sie vielleicht sagen. «VW ist ja nur eine unter Hunderten oder Tausenden von Aktien, in die meine Pensionskasse investiert – und VW hat ja gelobt, sich zu bessern, auch der Aktienkurs hat sich nach einem heftigen Taucher wieder gefangen.» Was aber, wenn sich herausstellt, dass Ihre Pensionskasse auf Ihrem Geld deutlich weniger Rendite erwirtschaftet, als möglich wäre, weil sie eben auch in Umwelt- und Sozialsünder investiert? Denn genau das passiert, wie diverse Studien zeigen.

Weniger Risiken

Ein Beispiel: Der MSCI Europe Socially Responsible Investing (SRI) Index bildet die Wertentwicklung von nachhaltigen Unternehmen ab. In den letzten fünf Jahren ist er um fast acht Prozentpunkte stärker gestiegen als der «normale» MSCI Europe, der alle Unternehmen (ohne spezielle Selektionskriterien) berücksichtigt. Für die Experten des renommierten Analysehauses MSCI ist das logisch; Firmen, die punkto Umwelt, Gesellschaft und Geschäftsführung (Environment, Society, Governance; kurz: ESG) besser abschneiden als der Durchschnitt, werden auch an den Aktienmärkten höher bewertet. Hauptgrund: Sie haben ihre Risiken besser im Griff – aus Anlegersicht ist das ein klares Plus, das sich in den Bewertungen ausdrückt.

Laut einer Studie von MSCI schneiden Firmen mit einem guten ESG-Profil in Bezug auf folgende drei Kriterien besser ab:

  • Sie erwirtschaften mehr flüssige Mittel (Cashflow): Nachhaltige Unternehmen sind wettbewerbsfähiger und erzielen überdurchschnittliche Erträge. Das führt zu höherer Profitabilität und zu höherer Dividendenausschüttung.
  • Sie sind weniger Risiken ausgesetzt: Firmen, die ihre Geschäftstätigkeit nach ESG-Kriterien ausrichten, kontrollieren firmenspezifische Geschäftsrisiken besser. Entsprechend kleiner ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Aktienkurs aufgrund unvorhergesehener Krisen plötzlich einbricht.
  • Ihre Bewertung liegt insgesamt höher: Weil sie in ihrer Branche die Systemrisiken besser im Griff haben (etwa politische Vorgaben bezüglich CO2-Ausstoss), kommen sie an den Kapitalmärkten leichter an Geld. Firmen mit tieferen Kapitalkosten werden an der Börse besser bewertet. 


In der Studie der MSCI-Experten war der punkto ESG-Profil schlechteste Fünftel dreimal so häufig von schweren Kurseinbrüchen betroffen wie der punkto ESG-Kriterien beste Fünftel. 

Langsam, aber sicher setzt sich auch in der Finanzbranche das Bewusstsein durch, dass Investitionen in nachhaltige Unternehmen auch finanziell sinnvoll sind. Die Migros-Bank schrieb kürzlich in einem Newsletter an ihre Kunden: «Wer nachhaltig anlegt, verschenkt kein Geld. Denn nachhaltige Geldanlagen Investieren Gutes Geld mit gutem Gewissen schneiden auf lange Sicht punkto Rendite mindestens gleich gut ab wie klassische Investments.» Eigentlich müsste es heissen: Nachhaltigkeit und Rendite sind nicht nur kein Widerspruch, sondern positiv miteinander verknüpft. 

Widersprüchliche Interessen

Trotzdem investieren die meisten Schweizer Pensionskassen munter weiter in Firmen mit schlechtem ESG-Profil Pensionskassen Kassen heizen das Klima auf . In die Kritik geraten ist etwa die PK der Stadt Zürich, die das Vorsorgevermögen von 33'500 städtischen Angestellten und 18'500 Pensionierten verwaltet. 2015 kam heraus, dass sie 700 Millionen Franken in Unternehmen der Kohle-, Erdöl- und Erdgasindustrie investiert hatte. Und damit den «Klimawandel befeuerte», wie der «Tages-Anzeiger» kürzlich schrieb. Dass sich das Zürcher Stimmvolk 2008 mit dem Ja zur 2000-Watt-Gesellschaft 2000-Watt-Gesellschaft Wie wir leben werden klar für eine Reduktion des CO2-Ausstosses ausgesprochen hatte, schien die für die Anlagepolitik Verantwortlichen nicht zu kümmern. 

GLP, SP und Grüne wollen der städtischen PK darum verbieten, sich an Unternehmen der fossilen Wirtschaft zu beteiligen. Solche Ausschlusskriterien sind in der Schweizer PK-Landschaft aber ausgesprochen unbeliebt. Sie gelten als Mittel der letzten Wahl, lieber setzt man auf den Dialog mit den betreffenden Unternehmen. Nicht nur bei der Stadtzürcher PK, sondern selbst beim Schweizer Verein für verantwortungsbewusste Kapitalanlagen (SVVK). Er bezweckt, die ihm angeschlossenen Kassen dabei zu unterstützen, «die Verantwortung gegenüber Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft ganzheitlich wahrnehmen zu können». 

Zu den Gründungsmitgliedern des Vereins gehören so mächtige Pensionskassen wie die der Post, der SBB, der Angestellten des Bundes oder der Zürcher BVK. Die Ausschlussempfehlungen des Vereins beschränken sich bisher allerdings auf einige Produzenten von international geächteten Rüstungsgütern in Indien, Südkorea oder den USA, Hersteller von Landminen etwa. Bei allen übrigen Unternehmen gilt ein Investment als okay, den Kassen wird aber empfohlen, mit den in Bezug auf ESG-Kriterien «problematischen Unternehmen» in einen gezielten Dialogprozess zu treten. «Der SVVK sieht im Dialog das wirksamste Instrument, die Interessen seiner Mitglieder zu vertreten», schreibt der Verein auf seiner Website. Ob es tatsächlich die Aufgabe einer PK ist, in nicht besonders nachhaltige Unternehmen investiert zu sein und mit ihnen in den Dialog zu treten, um sie zum Umdenken zu bewegen, darf man sich fragen. Vor allem wenn das auf Kosten der Rendite für die Versicherten geschieht.

Bloss leere Worte

Auch die Zürcher BVK, grösste Pensionskasse der Schweiz, interpretiert ihre Rolle als zur Nachhaltigkeit verpflichtete Verwalterin von Kundengeldern in diesem Sinn. Im Sommer teilte sie den Versicherten mit: «Jede PK sollte im Kern auf Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit ausgerichtet sein – die BVK ist es.» Weiter: «Wir nehmen Einfluss auf Unternehmen, in die wir investiert sind, indem wir unsere Stimm- und Aktionärsrechte aktiv ausüben.» Das betreffe seit 2009 alle Schweizer und die 300 grössten ausländischen Unternehmen. Das heisst: Eine Selektion nach ESG-Kriterien findet auch hier nicht statt, lieber redet man überall mit. Die Versicherten, denen das Geld gehört, mit dem hier Aktionärspolitik betrieben wird, fragt keiner, ob das in ihrem Sinn ist. 

Die freie Wahl haben die Versicherten nur in der dritten Säule; dort können sie Anlageprodukte wählen, die die ESG-Profile von Einzelunternehmen konsequent berücksichtigen.

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Matthias Pflume, Mitglied der Chefredaktion

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