Nicht weniger als 8000 Schweizer Pensionskassen verwalten 660 Milliarden Franken. Unser aller Geld. Doch sie tun das nicht immer zu unseren Gunsten. So verkauften Pensionskassenchefs bei der Fusion der Swissfirst mit der Bellevue-Bank Aktien, die einige Tage später 50 Prozent mehr wert waren - sie verpassten 20 Millionen Franken Gewinn. Und Jürg Maurer, Pensionskassenverwalter der Rieter, verhundertfachte sein eigenes Vermögen innerhalb weniger Jahre. Den Arbeitnehmern sind allerdings die Hände gebunden, denn über die Wahl der Pensionskasse entscheiden die Arbeitgeber. Deshalb fordert Experte Manuel Ammann, 37, Professor für Finanzen an der Universität St. Gallen, einen radikalen Systemwechsel.

Beobachter: Wo liegt der Hauptfehler im heutigen Pensionskassensystem?
Manuel Ammann: Dass wir in unseren Pensionskassen gefangen sind. Die Kasse sollte man frei wählen können. Dann stünden die einzelnen Kassen in einem Wettbewerb, der disziplinierend wirken und schwarze Schafe eliminieren würde.

Beobachter: Wären die Leute nicht überfordert, Leistungen einzelner Kassen zu vergleichen?
Ammann: Wer sich nicht darum kümmern möchte, könnte bei der bisherigen Pensionskasse bleiben, die eine Standardlösung anbieten müsste - genauso wie heute.

Beobachter: Und am Schluss müsste der Staat für jene Pensionierten aufkommen, die eine zu risikoreiche Kasse gewählt haben.
Ammann: Das ist kein neues Problem. Bereits heute unterstützt am Ende der Staat jene Selbstständigerwerbenden, die ihr Kassenvermögen für den Start eines Unternehmens bezogen, aber Schiffbruch erlitten.

Beobachter: Der Bundesrat will keine freie Pensionskassenwahl, weil die Kosten zu hoch seien.
Ammann: Gewisse Kosten würden entstehen, im Marketing und in der Administration. Aber durch den Wettbewerb wäre der Effizienzdruck grösser, und schlecht geführte Pensionskassen würden verschwinden.

Beobachter: Wie kann eine Kasse effizienter werden?
Ammann: Zum Beispiel mit einer passiven Anlagestrategie, die darauf verzichtet, vermeintlich gute Kaufs- und Verkaufsgelegenheiten auszunutzen. Sie ist kostengünstig und der aktiven Vermögensverwaltung langfristig meist überlegen. Letztere liegt vor allem im Interesse der Vermögensverwalter und Banken, die höhere Verwaltungs- und Transaktionsgebühren erhalten.

Beobachter: Die Mehrheit der Politikerinnen und Politiker will die Mängel des Pensionskassenwesens durch verstärkte Aufsicht korrigieren.
Ammann: Das wird nie funktionieren. Die fehlenden Marktkräfte kann man nicht durch Aufsicht ersetzen.

Beobachter: Hat die freie Wahl politisch eine Chance?
Ammann: Kaum. Zu viele Politiker glauben heute noch an ein System, das den Anschein erweckt, eine Rente zu garantieren.

Beobachter: Nur den Anschein erweckt?
Ammann: Die Leute nehmen immer noch an, dass sie eine garantierte Altersrente erhalten - jene Summe, die als prognostizierte Rente auf ihrem Pensionskassenausweis aufgeführt ist. Tatsache ist aber, dass keine Pensionskasse weiss, welche Rente sie in 20 Jahren wirklich zahlen kann. Eine Altersvorsorge ohne Risiko gibt es nicht.

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