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PensionskassenZahlen und Klappe halten

In der PK-Szene wäscht eine Hand die andere. Eine starke Lobby sorgt dafür, dass alle weiterhin kräftig an den Geldern der Zwangssparer mitverdienen – zulasten der künftigen Renten.

Viele machen die Hand auf: Jeder neunte ausbezahlte Franken geht nicht an die Rentner.
von aktualisiert am 21. November 2017

Seit einem halben Jahr verlangt die UBS von Pensionskassen und Versicherungen eine Gebühr von 0,2 Prozent für Gelder, die bar auf ihren Konti liegen. Wie viel das in ihre Kasse spült, will sie nicht sagen. Experten schätzen, dass Guthaben in zweistelliger Milliardenhöhe betroffen sind. Mit der Einführung der Cash-Gebühr will die UBS eine Rendite von neun Prozent auf ihrem Eigenkapital sicherstellen.

Davon sollte die Öffentlichkeit nichts erfahren. Ein rechtlicher Hinweis in der Mitteilung verbietet den Kunden die Weitergabe dieser Info. Die Versicherungs- und PK-Chefs hielten sich brav daran. Nur das Branchenportal «Inside Paradeplatz» berichtete vom Beutezug der UBS auf die Sparguthaben der Versicherten. «Sämtliche betroffenen Pensionskassen wurden auf dem Briefweg informiert», teilt die UBS mit.

«Solche Gewinne sind nicht nachvollziehbar»

«Solche Gewinne mit Geldern aus einer Sozialversicherung zu machen ist nicht nachvollziehbar», sagt dazu Urban Hodel vom Verein PK-Netz, der die Interessen der Arbeitnehmenden vertritt. Arbeitgeber, Versicherer, Beraterfirmen und Banken hätten sich im Verein Vorsorgeforum zusammengetan. «Sie teilen den Kuchen unter sich auf nach dem Motto: ‹Eine Hand wäscht die andere.›»

Der Kuchen umfasste 2015 4,4 Milliarden Franken, Verwaltungsgelder, die eigentlich die PK-Guthaben der Beitragszahler füllen sollten. Pro acht ausbezahlte Rentenfranken floss jeweils ein Franken aus dem Vorsorgesystem auf die Konti von PK-Managern, Beratern, Banken und Versicherungen. «Die zweite Säule ist zu einem Selbstbedienungsladen verkommen», kritisiert Ex-Preisüberwacher und Ex-SP-Nationalrat Rudolf Strahm schon seit Jahren. 

Während die versprochenen Renten in den vergangenen Jahren nur gesunken sind, blieben die Margen der Berater und die Löhne der PK-Chefs verschont. Die Verwaltungskosten stiegen sogar um 6,6 Prozent, obwohl die Zahl der Vorsorgeeinrichtungen 2015 von 1866 auf 1782 zurückging. Die Branche hebelt damit sogar das grundlegende ökonomische Prinzip aus, wonach Konzentration zu einem Effizienzgewinn führen sollte. 

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Verwaltungskosten verteidigt

«Vermögensverwaltungskosten sollten aus unserer Sicht nicht im Verhältnis zur Zahl der Pensionskassen, sondern zum gesamten Vermögen angegeben werden. Dieses ist 2015 um 1,4 Prozent gestiegen», erklärt Hanspeter Konrad, Direktor des Schweizerischen Pensionskassenverbands (Asip). Ohnehin zeigten nicht die absoluten Kosten, wie gut eine Kasse oder eine Versicherung wirtschafte, sondern die Nettorendite – also der Erfolg abzüglich der Kosten. 

Kein Trost für die Arbeitnehmer. Etwa für diejenigen, die bei der Aargauischen Pensionskasse (APK) versichert sind. Die kündigte Ende September die Senkung des Umwandlungssatzes von 5,9 auf 5,3 Prozent an. Damit erhalten künftige Rentner pro 100'000 Franken Sparguthaben statt 5900 Franken nur noch 5300 Franken pro Jahr. «Laufende Renten müssen länger als ursprünglich geplant ausbezahlt und gleichzeitig mit tieferen Erträgen finanziert werden», lautete die Begründung der Kassenverantwortlichen. 

Absurd kleinen Mindestzins gefordert

Aktuell lobbyieren die Arbeitgeber zusammen mit der Versicherungsindustrie für eine Senkung des Mindestzinses. Das ist der Zins, den sie mindestens auf die Sparguthaben gewähren müssen. Mehr als 0,5 Prozent gebe der Markt nicht mehr her, argumentieren PK-Manager und Chefs. Erstaunlich nur: Gemäss Analyse der UBS (PK-Performance) haben die Pensionskassen heuer eine Rendite von 7 Prozent in den Büchern. Die durchschnittliche Rendite seit 2012 betrug 5,26 Prozent. Das Zehnfache des geforderten Mindestzinses.

Im Zuge der Vorsorgereform wollte der Bundesrat die Legal Quote um mindestens einen Fünftel kürzen. Das Parlament lehnte ab. Eine solche Regelung lasse sich nur durch ein starkes Lobbynetzwerk verteidigen, sagt PK-Netz-Vertreter Hodel. «Wo gibt es das: gesetzlich garantierte Gewinne? Einmal mehr haben Versicherungsindustrie, Beraterfirmen und Banken mit den Arbeitgebern ein Päckli geschnürt. Sie sind letztlich die entscheidenden Mehrheitsmacher im Parlament.»

«Seit der Einführung der Legal Quote vor zwölf Jahren haben die Versicherer der zweiten Säule insgesamt weit über sechs Milliarden Franken entnommen.»

 

Matthias Kuert, Leiter Sozialpolitik bei der Gewerkschafts-Dachorganisation Travail Suisse

Doch war die Rentensenkung wirklich die einzige Lösung? 2016 verbuchte die APK Vermögensverwaltungskosten von rund 58 Millionen Franken. Satte 42 Millionen mehr als etwa die St. Galler Pensionskasse (SGPK), die ein nur leicht kleineres Anlagevermögen verwaltet. Würde die APK ähnlich effizient wirtschaften wie die Kasse in St. Gallen, wäre eine Rentensenkung obsolet. «Die Vermögensverwaltungskosten sind der Preis für eine Leistung. Unsere Rendite liegt mit 5 Prozent deutlich höher als diejenige der SGPK mit 3,3 Prozent», wehrt sich APK-Geschäftsführerin Susanne Jäger. Das war zumindest vergangenes Jahr so.

Hohe Verwaltungskosten schmälern bei vielen Kassen die Rente der Arbeitnehmenden, bei grossen Versicherungskonzernen tut das zusätzlich noch die sogenannte Legal Quote (Ausschüttungsquote). «Seit der Einführung der Legal Quote vor zwölf Jahren haben die Versicherer der zweiten Säule insgesamt weit über sechs Milliarden Franken entnommen», sagt Matthias Kuert, Leiter Sozialpolitik bei der Gewerkschafts-Dachorganisation Travail Suisse. Mit dieser Quote soll das Risiko abgegolten werden, das die Konzerne mit ihren Vollversicherungsmodellen eingehen, bei denen die Versicherer alle Risiken übernehmen. Die Verwaltungskosten dürfen sie noch obendrauf schlagen. 

«Die aktuelle Regelung entspricht den Interessen der Aktionäre. Sie hat keine Berechtigung. Alle Gewinne in der obligatorischen Vorsorge sollten den Versicherten gehören», sagt der unabhängige Pensionskassenexperte Martin Wechsler.

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1 Kommentar

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reinhild.asmuth
guten Tag, danke für diese klare Recherche. Es wurden ausserdem vor 10 Jahren sehr viele Gelder bei falschen Anlagen in Unternehmen mit Defiziten und Bankrott angelegt, nun diese "falschen" Zinsen, die auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung und deren Pension gehen. Leider muss man sagen, ähnlich wie zu den stets steigenden Krankenkassenprämien, dass soviel Spielraum und Freiheit bei den Anlagen der Pensionskassengelder offenbar in der Schweiz nicht klappen will. Leider kann man mit "privaten" Verwaltungen nicht rechtschaffen umgehen, wie wäre es mit staatlichen Kranken- und Pensionskassen. Das ist leider bald der einzige Schritt, der noch bleibt, um loyaler mit den Bürgern und Kunden umzugehen. Reinhild Asmuth