Beobachter: Die Renditeunterschiede zwischen den Pensionskassen sind krass. Warum steigt niemand auf die Barrikaden?

Werner Nussbaum: Vielfach scheut man sich in der Schweiz, über Vermögen und Zukunft zu reden, und verlässt sich für die Vorsorge viel zu sehr auf den Staat. Wir hocken unter einer Käseglocke und nützen unsere eigenen Muskeln nicht mehr richtig.

Beobachter: Woran krankt die zweite Säule?

Nussbaum: Bei uns fehlen der Wettbewerb und ein entsprechendes Anreizsystem für die Pensionskassenverantwortlichen. Keiner wird in die Pflicht genommen, wenn er eine weit unterdurchschnittliche Performance erzielt. Dabei geht es bei der zweiten Säule bald um eine Billion Franken!

Beobachter: Was schlagen Sie vor?

Nussbaum: Wer Pensionskassen führt oder Vorsorgegelder verwaltet, sollte wie eine Bank oder ein Notar über eine entsprechende Bewilligung verfügen und bei Fehlleistungen haften müssen. Es braucht eine umfassende Ausbildung, dafür weniger Gesetzesvorschriften. Zudem steht in der Schweiz die Forschung auf dem Gebiet der zweiten Säule noch weitgehend abseits. Anstatt für Anlagestrategien interessiert man sich bei uns eher für Lüftungssysteme bei Altersheimen...

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Beobachter: Die Pensionskassen verfügen über Milliarden freier Mittel, kneifen aber häufig bei der Teuerungsanpassung der Renten.

Nussbaum: Ich wundere mich, dass Artikel 36 BVG bisher kaum angewandt wird. Diese Bestimmung verlangt, dass Kassen die Renten anzupassen haben, wenn die finanziellen Möglichkeiten dazu bestehen. Selbst die Gewerkschaften haben sich in dieser Frage aber bisher nicht engagiert.

Beobachter: Was bringt die freie Wahl der Pensionskasse? Viele fürchten einen Leistungsabbau der guten Kassen.

Nussbaum: Ein Systemwechsel muss gründlich abgeklärt werden. Klar ist aber, dass unser Zwangssystem lähmend wirkt. Das kostet oft Rendite und reduziert die Renten.

Beobachter: Schauen wir über die Grenze hinaus. Wie erfolgreich ist unsere zweite Säule im internationalen Vergleich?

Nussbaum: Es gibt auch in der Schweiz gut geführte und erfolgreiche Pensionskassen. Nehmen wir aber den Gesamtvergleich mit den USA für die Periode 1983 bis 1993 als Messlatte, betrug die Rendite nach Abzug der Inflation in den USA 9,6 Prozent, in der Schweiz nur 4,1 Prozent also nicht einmal halb soviel. Ein ähnliches Bild zeigt sich gegenüber England und Irland.

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