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Put-OptionenBomben und Glücksspiel

Drei Sprengsätze, zwei Verletzte: Anschlag auf den Borussia-Mannschaftsbus, 11. April. Bild: Friedmann Vogel/Keystone

Der Borussia-Attentäter wollte mit sinkenden Aktienkursen Geld verdienen. Spekulanten wetten auf den Bankrott ganzer Staaten und Firmen.

von Urs P. Gascheaktualisiert am 2017 M05 09

Sergej W. wollte die Mannschaft von Borussia Dortmund in die Luft sprengen, damit der Kurs der Aktie absackt und er einen Spekulationsgewinn einstreichen kann. Wenige Stunden vor dem Anschlag kaufte der 28-Jährige gemäss der deutschen Bundesanwaltschaft 15 000 Put-Optionsscheine, wohl zu etwa 60 Cent pro Stück. Borussia-Aktien besass er nicht. Wenn der Wert der Aktie durch ein erfolgreiches Attentat von 5.60 auf beispielsweise 3.20 Euro gefallen wäre, hätte Sergej W. in kurzer Zeit eine Rendite von 300 Prozent eingefahren. Banken, Hedge-Fonds und andere Investoren haben es zwar meist nicht auf Fussballaktien abgesehen, aber sie spekulieren auf den Ausfall von Obligationen, auf die Pleite grosser Firmen oder gar ganzer Staaten.

«Im normalen Leben verboten»

Für den Zürcher Banken- und Finanzprofessor Marc Chesney sind die Börsen wegen solcher Wettmöglichkeiten zu gefährlichen Kasinos verkommen. Derivate wie Optionen oder CDS (Kreditausfall-Swaps) sollten eigentlich dazu dienen, tatsächlich eingegangene Risiken abzusichern. Doch heute erwerben sie Käufer häufig, ohne dass sie überhaupt ein Risiko abzusichern hätten. Es geht um reine Wetten auf Zahlungsausfall oder einen Konkurs (CDS) respektive auf stark steigende oder fallende Aktienkurse (Optionen).

«Es kann ja auch niemand eine Autoversicherung abschliessen, ohne ein Auto zu besitzen.»

 

Marc Chesney, Wirtschaftsprofessor

«Im normalen Leben ist so etwas verboten», sagt Chesney. «Niemand kann eine Autoversicherung abschliessen, ohne ein Auto zu besitzen.» Man könne auch keine zehn oder hundert Versicherungen fürs Auto des Nachbarn abschliessen, wenn man weiss, dass dieser schlecht fährt, in der Hoffnung, dass er einen Unfall baut. Oder in der Absicht, das Auto zu manipulieren.

Das Wettgeschäft in der Finanzindustrie hat ein unvorstellbares Ausmass erreicht. Der Nominalwert der ausstehenden Derivate ist rund zehnmal so gross wie das Bruttoinlandprodukt sämtlicher Länder, so Chesney. Es sei «paradox», dass unsere Gesellschaft «den Unternehmergeist und die Risikobereitschaft hochhält, aber zugleich noch nie so viele finanzielle ‹Absicherungsprodukte› emittiert hat». 

Und weil die wenigsten der Käufer solcher Absicherungen überhaupt entsprechende Wert- oder Schuldpapiere besitzen, werden sie zu reinen Spekulanten. Sie bedrohen so das Funktionieren des Finanzsystems, das ohne Vertrauen der Anleger in Banken und Versicherungen nicht stabil funktioniert und gar zusammenbrechen kann.

Das Interesse, Firmen anzuschwärzen

Um solche Risiken zu verringern, fordert Chesney unter anderem, dass Optionsscheine und CDS nur noch zur Absicherung von effektiv eingegangenen Risiken gekauft und gehandelt werden dürfen. Mit anderen Worten: Man muss entsprechende Aktien besitzen. Zudem fordert Chesney eine Zertifizierung von strukturierten Produkten durch die Bankenaufsicht und eine strenge Regulierung von Hedge-Fonds und privaten Aktienfonds.

Die «volkswirtschaftlich bedenklichste Wette» ist für Chesney diejenige auf die Zahlungsunfähigkeit eines Staates beziehungsweise auf den Kurszusammenbruch von dessen Anleihen, ohne dass man überhaupt Anleihen des Staates besitzt. Angesichts der immensen Profitaussichten ist das Interesse dann gross, dem Staat oder einer Firma, gegen die spekuliert wird, mit dem gezielten Verbreiten von Gerüchten, Anschwärzungen und raffinierter Lobbytätigkeit zu schaden.

Solche Wetten «erzeugen völlig verfehlte finanzielle Anreize und damit Risiken für das gesamte Finanzsystem», kritisiert Chesney. Den Risiken begegnet das Wettkasino mit der Herausgabe neuer strukturierter Produkte, mit denen wiederum gewettet werden kann. Chesney: «Das ist eine pyromanische Feuerwehrstrategie auf Kosten der Realwirtschaft.»