Dem Bundesrat sei Dank: Seit seiner Ankündigung, den Mindestzins für BVG-Guthaben ab Oktober von vier auf drei Prozent zu senken, ist die Aufregung gross und die zweite Säule Tagesgespräch. Das wurde auch Zeit, denn bisher hat sich ein Grossteil der rund drei Millionen Versicherten kaum um die Pensionskasse gekümmert. Man verlässt sich hierzulande darauf, dass der Staat schon zum Rechten sieht. Und wer unter 40 ist, für den oder die ist das Rentnerdasein noch viel zu weit weg.

Hand aufs Herz: Können Sie beziffern, welchen Lohnanteil Sie jeden Monat an die zweite Säule abliefern? Wissen Sie, ob Sie im Leistungs- oder im Beitragsprimat versichert sind oder zu welchem Zinssatz Ihr Alterskapital über die letzten fünf Jahre verzinst wurde? Die zweite Säule ist für viele Versicherte nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln.

Dabei wäre es dringend nötig, genauer hinzuschauen. Konkret: Sind Sie 40-jährig und wird Ihr BVG-Guthaben bis zu Ihrer Pensionierung mit drei statt vier Prozent verzinst, haben Sie deutlich weniger Rente zu erwarten. Das Minus macht nach Berechnungen des Schweizerischen Versicherungsverbandes bei einer BVG-Monatsrente von 2500 Franken immerhin 377 Franken aus.

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Bei der Mindestverzinsung darf man zumindest hoffen, dass der Richtwert nicht immer so tief bleibt. Einschneidender und dauerhaft ist wohl die vorgesehene Senkung des Renten-Umwandlungssatzes von 7,2 auf 6,8 Prozent. Worum geht es? Die Rentenberechnung geht von einer durchschnittlichen Bezugsdauer aus. Weil wir aber immer älter werden – seit 1980 statistisch um 2,4 Jahre –, muss der persönliche «Rentenkuchen» in mehr Stücke geschnitten werden. Das heisst: Die Rente pro Jahr wird kleiner. Umgerechnet auf eine BVG-Monatsrente von 2500 Franken wären das bei einem Umwandlungssatz von 6,8 Prozent weitere 140 Franken weniger.

Firmenkassen sind profitabler
Solche Sorgen brauchen sich die 30'000 Versicherten des Basler Pharmaunternehmens Novartis nicht zu machen. Ihr Leistungsausweis ist eindrücklich: Seit Bestehen der Pensionskasse wurde die Teuerung für die Rentnerinnen und Rentner – ohne Rechtsanspruch – mehr als ausgeglichen. Es gilt das so genannte Leistungsprimat. Im Maximum beträgt dabei die Altersrente 60 Prozent des zuletzt versicherten Lohns. Die Mitarbeitenden bezahlen dafür ab dem 25. Altersjahr lediglich 4,6 Prozent ihres Lohns ein, während der Arbeitgeber mit 9,2 Prozent doppelt so viel dazulegt. Seit 1998 wurde der Mitarbeiteranteil auf 2,3 Prozent halbiert. Diese «contribution holidays» (Beitragsferien) dauern noch mindestens bis April 2003.

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Boni sind ebenfalls versichert. Für vorzeitige Pensionierungen gibt es Zusatz-und Überbrückungsrenten. In allen Bereichen ist die Gleichstellung der Geschlechter verwirklicht, und auf Anfang 2001 wurde auch noch die Lebenspartnerrente für unverheiratete Paare eingeführt.

Die 16,8 Milliarden Franken schwere Novartis-Pensionskasse kann sich all diese Zückerchen leisten, weil sie erfolgreich wirtschaftet. Das Minus von 1,9 Prozent im schwierigen Anlagejahr 2001 kann sie locker wegstecken. Denn seit 1993 vermehrten die Novartis-Kassenwarte ihr Vermögen um durchschnittlich 7,33 Prozent pro Jahr. «Leistungsabbau ist für uns zurzeit überhaupt kein Thema», sagt Markus Moser, stellvertretender Geschäftsführer der Pensionskasse Novartis.

Das gilt nicht nur für die Novartis, sondern auch für die Versicherten vieler anderer Firmenkassen. So hat die Pensionskasse Schweizerischer Elektrizitätswerke PKE ihr Vermögen seit Anfang 1994 gar um jährlich 9,98 Prozent gesteigert.

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Welch ein Kontrast zu den Sammelstiftungen, in denen fast eine Million Arbeitnehmer, meist von Klein- und Mittelunternehmen, versichert sind. Für sie verwaltet ein Vorsorgepartner, in der Regel eine Versicherungsgesellschaft, die zweite Säule. Und das oft mehr schlecht als recht, wie die aktuelle Diskussion zeigt. Denn viele Versicherte in Sammelstiftungen haben auch in den guten Börsenjahren nie mehr als den Mindestzins von vier Prozent auf ihre Vorsorgegelder erhalten. Etwas besser dran sind die rund 700'000 Versicherten verbandlicher Pensionskassen in so genannten Gemeinschaftsstiftungen.

Null Transparenz hat System
Zwei schlechte Börsenjahre genügen nun, um eine Senkung des Mindestzinssatzes auf drei Prozent zu fordern. Die Versicherer klagen über Defizite und darüber, dass die 1999 ausgewiesenen Schwankungsreserven von 15 Milliarden Franken dahingeschmolzen sind. Ferner beteuern sie, ihre Gewinne zu über 90 Prozent an die Versicherten weitergegeben zu haben. Ohne aber die Bücher im Detail offen zu legen. Doch solange dies nicht geschieht, lässt sich der gewerkschaftliche Vorwurf vom «Rentenklau» schlecht entkräften. Mehr als peinlich: Das Bundesamt für Privatversicherungen als Aufsichts- und Kontrollorgan hat sich für die Gewinnverwendung der Versicherer bisher nicht interessiert.

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Dabei hat die fehlende Transparenz bei den Versicherern offenbar Methode, wie ein Konkurrenzvergleich des VZ Vermögenszentrums Zürich zeigt. Vor allem bei den Verwaltungs- und Risikokosten wird nämlich kräftig zugelangt: Der Unterschied zwischen der Offerte des günstigsten Anbieters («Winterthur») und jener des teuersten (Pax) betrug fast 60 Prozent. Im konkreten Fall machte dies für 44 Mitarbeiter und eine versicherte Lohnsumme von 5,4 Millionen Franken fast 70'000 Franken aus. Das VZ schätzt, dass von den Versicherten so jährlich 1,5 Milliarden Franken zu viel abkassiert werden. Geld, das für bessere Rentenleistungen fehlt. Folge: Die Kluft zwischen den beiden Klassen in der zweiten Säule wird tiefer.