Als Rita Sigg den Telefonhörer abhob, wollte sie ihren Ohren nicht trauen: «Guten Tag, hier spricht die Firma Intrum Justizia», hörte sie eine Stimme ab Tonband. «Sie haben auf unsere Mahnung nicht reagiert. Bitte rufen Sie uns deshalb schnellstmöglich an.» Drei Wochen zuvor hatte die 72-jährige Rentnerin schon einmal einen solchen Anruf erhalten. «Wieso belästigt mich diese Firma? Ich schulde niemandem Geld», beteuert sie und verweist auf ihre vortreffliche Zahlungsmoral. Wie aber kam es denn zum abendlichen Telefonterror?

Intrum Justizia, das grösste Schweizer Inkassobüro, erinnert seit kurzem säumige Zahler kostensparend mittels telefonischer Aufforderungen ab Band an ihre offenen Rechnungen. Und zwar am Feierabend. «Die meisten Leute sind tagsüber schlecht erreichbar», rechtfertigt Mediensprecherin Bettina Bickel-Jaques die Belästigung und verweist auf 800'000 pendente Inkassofälle. «Unser Kostenbewusstsein ist auch im Interesse der Schuldner.»

Das ist falsch. Geld spart vor allem das Inkassobüro, wenn statt eines teuer bezahlten Callcenter-Mitarbeiters der Computer anruft. Denn ohne ausdrückliche vertragliche Abmachungen dürfen die Mahngebühren dem Schuldner gar nicht verrechnet werden.

Immerhin entschuldigt sich Intrum Justizia dafür, dass die Firma unbescholtene Bürger in Angst und Schrecken versetzt: «Rita Sigg wurde von uns aus Versehen angerufen», erklärt Bickel-Jaques. Beim Eingeben der Daten habe sich wohl ein Mitarbeiter vertippt.

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