«Das schiisst mich aa, voll mega schiisst mich das aa.» Auf die Äusserungen ihrer 18-jährigen Klientin reagiert Liliane Simon am runden Tisch ihres Büros gelassen. Die Sozialarbeiterin des Sozialdienstes des Bezirks Affoltern im Kanton Zürich begleitet die ehemalige Drogenabhängige seit einiger Zeit. «Wer einen Arzttermin nicht einhält, ohne sich wie vorgeschrieben mindestens 24 Stunden vorher abzumelden, muss den Ausfall bezahlen», erklärt sie ihr heute Morgen ruhig. «Grad das schiisst mich ja so aa», wettert Linka (Name geändert) weiter. Das habe sie mit den gleichen Worten der Praxishilfe klar gemacht: «Ich kann das ohne Job und mit all den Schulden nicht bezahlen.»

Und überhaupt seien die 50 Franken, die sie gestern hier auf dem Sozialamt abgeholt habe, aufgebraucht: Sie habe Hunger gehabt und gleich dreimal nacheinander ein Menü gegessen. Und die Regenbogenkarte bleibe unauffindbar - verloren halt oder gestohlen; sie brauche dringend Geld für eine neue. Liliane Simon hört zu und macht sich ihre Gedanken, wo Geld und Regenbogenkarte wirklich geblieben sind. Dann stellt sie Linka eine Gutschrift aus. Mehr gebe es für die nächsten zwei Wochen nicht.

«Ob Linka den Weg ohne Drogen in die Selbstständigkeit schafft, kann ich nicht beeinflussen», sagt die Sozialarbeiterin später. Doch für heute könne sie den Fall «so stehen lassen». Wie sie den Fall der getrennt lebenden Mutter für heute «so stehen lassen» könne, die sie am Morgen am Telefon verzweifelt um psychologische Hilfe und eine Beistandschaft für ihr dreijähriges Kind bat. Simon leitete nach Rücksprache mit der Vormundschaftsbehörde für den gleichen Tag einen ersten Kontakt beim Jugendberatungsdienst in die Wege.

Liliane Simon hat 60 bis 70 Dossiers zu verantworten: von Ausgesteuerten ohne Perspektiven auf berufliche Integration, von Working-Poor-Eltern mit Kindern oder von allein erziehenden Müttern, die sich vergeblich um einen Wiedereinstieg bemühen. Die Sozialarbeiterin stellt Anträge an Sozialbehörden, verhandelt mit Ämtern und Institutionen, macht Budgetberechnungen und hält jede Besprechung, jedes Telefonat in einer Aktennotiz im Dossier des Klienten fest. «Man muss Prioritäten setzen und mit einem Berg von Pendenzen leben lernen», sagt sie und ergänzt: «Organisation ist das halbe Leben.»

Beim Sozialdienst des Bezirks Affoltern ist Professionalität das Mass aller Dinge. Dabei müssen die Mitarbeitenden auch mit den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) und dem kantonalen Sozialhilfegesetz vertraut sein. «Die Arbeit auf einem Sozialamt wie hier gilt vom Prestige her nicht gerade als Traumjob», sagt Andreas Flütsch, Leiter der Sozialberatung und Wirtschaftshilfe. Entsprechend schwierig sei es denn auch, bei einer Neubesetzung erfahrene Leute zu finden, die den spezifischen Bedürfnissen entsprechen. Gefragt seien «Allrounder, die das Kunststück fertig bringen, aus einem Topf Wasser eine schmackhafte Suppe zu kreieren».

Geschäftsleiter Peter Fehr doppelt nach: «Unser spezifisches Berufsprofil erfordert auch die ausgeprägte Fähigkeit, sich abzugrenzen, um das Unglück der Hilfesuchenden überhaupt ertragen oder stehen lassen zu können.» Sonst sei man in absehbarer Zeit am Anschlag und «dure».

Der Sozialdienst geht ans Lebendige

Trotz einer regelmässigen Supervision sah sich der Sozialdienst des Bezirks Affoltern in den letzten vier Jahren mit vier Fällen von so genanntem Burn-out konfrontiert. Einem ausgebrannten Betroffenen gelang es, nach einer Auszeit langsam wieder Fuss zu fassen im Job. Eine andere Person fühlte sich rundum als Versager und brachte die Energie für einen Neustart nicht mehr auf. Die Verantwortlichen gehen darum jetzt mit einem zweijährigen Pilotprojekt neue Wege: Zusammen mit dem Institut für angewandte Psychologie in Zürich erproben sie für die Crew an der Front ein individuelles Coaching.

Diese professionelle Anlaufstelle soll den einzelnen Mitarbeitenden helfen, zwischen Beruf und Freizeit einen Ausgleich zu finden und die leisesten Anzeichen von Überlastung möglichst früh zu analysieren. Jeder kann sich nach eigenem Ermessen an die Vertrauenspersonen des Instituts wenden, ohne dass die Vorgesetzten davon Kenntnis bekommen. Von diesem absolut vertraulichen Angebot verspricht sich Geschäftsleiter Fehr, das Burn-out an den Wurzeln bekämpfen zu können.

Überlastung, Spardruck, immer mehr und immer komplexere Fälle: «Das ist an der Tagesordnung», stellt Ueli Tecklenburg, Geschäftsführer der SKOS, nüchtern fest.

Dies bestätigt auch Walter Noser vom Beobachter-Beratungszentrum: «Die Sozialarbeiter sind Diener zweier Herren. Auf der einen Seite stehen sie unter dem Druck der Behörden, anderseits sind sie ihren Klienten verpflichtet.»

Von den 330’000 Sozialhilfeempfängern in der Schweiz sind 40 Prozent langzeitarbeitslos. Gemäss der «Städteinitiative Sozialpolitik» stiegen im Jahr 2004 die Fallzahlen in Zürich um 12,4 Prozent, in Basel um 14,6 und in Winterthur um 11,2 Prozent. Die Bezugsdauer beträgt bei 61 Prozent der Klienten mehr als ein Jahr - gut ein Viertel aller Betroffenen wird sogar bereits seit mehr als drei Jahren unterstützt. Dass als Folge dieser Entwicklung auf den Sozialämtern die Beratung des Einzelnen zu kurz kommt, ist für Tecklenburg keine Frage: «Oft bleibt es bei der Berechnung des Budgets und der Auszahlung.»

Die Überlastung der öffentlichen Hand bekommt auch die private Sozialberatung des Seraphischen Liebeswerks in Solothurn täglich zu spüren. «Bei uns klopfen Klienten an, die auf manchen Ämtern zu wenig umfassend beraten oder abgewiesen wurden», sagt Stellenleiterin Priska Good. Oft müsse sie intervenieren, wenn beispielsweise Rechnungen nicht bezahlt wurden oder der Unterstützungsbeitrag nicht korrekt berechnet worden sei.

Die Auseinandersetzung mit Ämtern und Versicherungsstellen erlebt die ausgebildete Sozialarbeiterin Good als «zeit- und energieraubend». Bei vielen Schicksalsläufen der Klienten sei auch die «Aussichtslosigkeit» schwer zu ertragen: «Ich muss mit meinen psychischen Kräften sorgfältig haushalten und die Freizeit voll auskosten.» Unterstützung finde sie im Team und in Fachgesprächen, Kraft und Energie tanke sie in der Meditation. Auch von der zweimonatigen Auszeit vor sieben Jahren zehre sie noch heute. Die regelmässig begleitete Stille in einem Kloster sei für sie immer wieder eine Bereicherung.

Die «Schmerzgrenze» der Arbeitsbelastung sieht Kurt Boner, Leiter des Sozialamts im solothurnischen Grenchen, bei 100 Fällen pro Vollzeitstelle: «Ideal wären 80.» Bei ihm entfallen auf die 380 Stellenprozent rund 400 laufende Fälle. «Die Angestellten stehen unter massivem Druck und fühlen sich bisweilen am Anschlag.» Die jugendliche Klientel sei schwerer in den Griff zu bekommen als ältere Arbeitslose wenige Jahre vor der Pensionierung. Das erste Einkommen eines Schulabgängers dürfe nicht die Sozialhilfe sein.

Gemeinsamkeit schafft ein gutes Klima

Boner hat sich den Kampf gegen Missbrauch auf die Fahne geschrieben: «Wenn wir diesem kein wirksames Instrument entgegensetzen, sind wir nicht glaubwürdig.» Neben der Überprüfung durch die Sozialarbeiter schaltet Grenchen bei konkreten Verdachtsfällen die Aarauer Firma SoWatch ein, die weitere Ermittlungen anstellt. Von den insgesamt 600 Dossiers betreffe das jährlich vier bis fünf. Ein zweijähriges Pilotprojekt soll zeigen, ob sich diese Ermittlungsmethode wirklich bezahlt macht. Der Kanton Zürich will sogar noch einen Schritt weiter gehen und «Sozialschmarotzer» künftig büssen (siehe Nebenartikel «Bussen: ‹Abschreckende Wirkung›»).

Seit das Grenchner Sozialamt vor einem halben Jahr ein neues, modernes Gebäude bezogen hat, sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Grossraumbüros einquartiert. Seither sei es zu keinem Burn-out-Fall mehr gekommen, sagt Sozialamtsleiter Boner. Die neue Situation schaffe Nähe, die Angestellten würden spürbar «aufblühen» - zudem sei für mehr Effizienz gesorgt: «Die heutigen komplexen Probleme sind nicht im Alleingang in Einzelbüros zu lösen.» Und von «Feierabend-Sozialarbeit» hält Kurt Boner schon gar nichts. Im Bemühen um mehr Professionalität beauftragen andere Gemeinden sogar private Unternehmen mit der Sozialarbeit (siehe Artikel zum Thema «Privatisierung: Die Sozialamt AG»).

Das Thema Professionalität erhitzte Ende Jahr im Kanton Zug die politischen Geister und wird für weiteren Zündstoff sorgen. Bei der Diskussion um die Änderung des Sozialhilfegesetzes schlug die Regierung vor, die Verantwortung für Sozialhilfe- und Vormundschaftsfragen allein den Einwohnergemeinden zu übertragen. Im kleinen Kanton Zug teilen sich bis heute pro Gemeinde zwei öffentliche Stellen in die gleiche Arbeit: Die elf Bürgergemeinden sorgen für die ansässigen Gemeindebürger, die elf Einwohnergemeinden für deren Einwohner.

SP-Kantonsrätin Andrea Erni Hänni, als Sozialarbeiterin der Einwohnergemeinde Baar mit der Arbeit an der Basis vertraut, bezeichnet diese Situation als «ineffizient und teuer». Zudem öffne sie der Ungleichbehandlung innerhalb derselben Gemeinde Tür und Tor, zumal die zuständigen Bürgerräte meist Laien sind. Sie fordert «professionelle Hilfe für alle - egal ob Bürger oder Einwohner». Oskar Müller, Rechtsanwalt und Präsident der Bürgergemeinde Baar sowie Präsident des Verbands der Bürgergemeinden, macht sich hingegen für Autonomie und Autorität stark: «Professionalität ist nicht von Diplomen abhängig.» Das bringt die Sozialarbeiterin auf die Palme: «Jeder Mensch, ob Ärztin oder Bäcker, braucht zur Ausübung des Berufs die entsprechende Ausbildung.»

Kleine Gemeinden müssen kooperieren

Für Georges Köpfli, Dozent an der Hochschule für soziale Arbeit Zürich, steht fest: «Kleinere Gemeinden können Projekte zur beruflichen und sozialen Integration nur im Verbund realisieren.» Einem Einmann- oder Einfraubetrieb stehe er skeptisch gegenüber, weil dabei allein schon der Meinungsaustausch und die Reflexion zu kurz kämen. Als Gemeinderat in Hausen am Albis ZH betreut Köpfli das Sozialressort. Er arbeitet eng mit dem regionalen Sozialdienst zusammen und weiss, wovon er spricht. Er ist überzeugt, dass es in den Sozialdiensten mehr personelle Kapazitäten braucht, wenn man die SKOS-Richtlinien ernst nehmen wolle.

Man müsse sich auch bewusst sein, dass bei vielen Leuten die viel beschworene berufliche Integration keine realistische Zielsetzung mehr sei, so Georges Köpfli. Es gehe vielmehr darum, ihnen wenigstens «eine soziale Teilhabe» zu ermöglichen. Wenn durch die Zunahme der Sozialhilfefälle die persönliche Beratung und Betreuung nicht mehr gewährleistet sei, liefen die Verantwortlichen Gefahr, «die Armut nur noch zu verwalten». Und das sei auf Dauer «die teuerste Lösung».

Quelle: Alexander Jaquemet
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