Kaum war die letzte Ausgabe des Beobachters bei den Lesern, ging im Internetforum die Diskussion über Sozialhilfe los. «An alle, die sich anmassen, über Sozialhilfeempfänger zu urteilen, lebt ihr mal von 2'400 Franken im Monat!», schrieb eine Leserin mit dem Pseudonym Sonnenblume55. «Ihr werdet sehr schnell Eure Meinung ändern. Ich habe 1'543 Bewerbungen geschrieben, bin jeden Tag um 05.00 Uhr vor dem Computer, also nichts von auf der faulen Haut liegen.»

Der Eintrag führte zu einer hitzigen Diskussion.

Veritim meinte: «Wenn Ihnen eine Arbeitsstelle angeboten würde, bei der Sie (100%) 2'400 Franken netto verdienen würden. Wie würden Sie reagieren?»

Brigitte: «Und wie würden Sie reagieren, Veritim?»

Veritim: «Ganz klar: annehmen. Aber es würde wohl kaum lange dauern, bis der Arbeitgeber meinen Lohn korrigieren würde.»

Sonnenblume55: «Sie würden 100% arbeiten für 2'400 Franken? Es würde mich doch sehr interessieren, was für einen Lebensstil Sie damit führen würden.»

Auf die Debatte Einfluss nehmen

Fünf Tage und 80 Diskussionseinträge später keimte die Idee einer Interessengemeinschaft der Sozialhilfebezüger, die auf die öffentliche Debatte Einfluss nehmen will. Tags darauf war die Internetadresse der IG Sozialhilfe eingerichtet: www.arme-reiche-schweiz.ch.

Ähnlich zahlreich waren die Reaktio­nen, die auf der Redaktion eintrafen. Ein Leser bot finanzielle Hilfe an, ein anderer einen Job, ein dritter will ebenfalls eine Selbsthilfegruppe gründen. Viele Leser wünschten sich, die Politiker würden selbst einmal versuchen, mit dem Sozialhilfegeld durchzukommen. «Ueli Maurer müsste in meinen Augen ein Jahr lang wie ich mit 1'420 Franken Monatseinkommen leben», schrieb etwa R. H. (Name der Redaktion bekannt).

Etwa ein Drittel der Leserbriefe äusserte sich kritisch. «Es erstaunt, dass der Beobachter, der sonst ja immer gerne Missstände und Bevorzugungen aufdeckt, diesmal nichts zu sagen hat, sondern diese Zustände verschweigt», schreibt etwa Rudolf Fröhlich aus Dietikon ZH. Und auch «Weltwoche»-Autor Alex Baur, der die Missbrauchsdebatte wesentlich mitprägte, zeigte sich entrüstet (siehe nachfolgende Box «Die Reaktion der ‹Weltwoche›»).

Nichts gegen Bekämpfung des Missbrauchs, doch nicht durch Stimmungsmache zulasten der Mehrheit der Sozialhilfebezüger. Raphael Gägauf aus Zürich bringt es auf den Punkt: «Ein grosses Kompliment den mutigen Sozialhilfeempfängern für ihr offenes Bekenntnis. Sie alle geben der Sozialhilfe ein positives Gesicht und tragen zur Entdämonisierung bei.»

Quelle: Archiv
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Die Reaktion der «Weltwoche»

«In meiner ganzen Berichterstattung zur Sozialhilfe finden Sie keine einzige Passage, in der Sozialhilfebezüger - weder implizit noch explizit - pauschal als faule Schmarotzer hingestellt werden. Wenn mir der Beobachter Der­artiges nun unterstellt, bedient er sich einer billigen und demagogischen Masche, mit der ein Teil der Sozialindustrie seit Jahren erfolgreich jede Kritik abblockt. Denn ich zeige zwar anhand von konkreten Fällen die Schwächen des Systems auf, doch ich hatte nie die Menschen im Visier, die davon Gebrauch machen. Letztlich zementiert der Beobachter mit dieser oberflächlichen und tendenziösen Geschichte ­lediglich alte Vorurteile.

Alex Baur, Redaktor «Weltwoche»

PS: Diese Entgegnung als Leserbrief abzudrucken ist eine Frage des journalistischen Anstandes, zumal ich die Unterstellung, ich würde eine Kampagne gegen arme Schlucker reiten, als ganz persönliche Diffamierung empfinde.»