Es ist Sommer 2007, als sich zwei Inspektoren des Zürcher Sozialamts an die Fersen von Rolf Zwygart heften. Jemand hat den Sozialhilfebezüger bei den Behörden als Betrüger angeschwärzt. Die Inspektoren überprüfen deshalb zu «verschiedenen Tages- und Nachtzeiten» seine Wohnung in Zürich, wie sie im Bericht schreiben. Sie können «nie feststellen, dass sich jemand in der Wohnung aufhält». Der Briefkasten werde nur einmal wöchentlich geleert, und einer der Nachbarn habe behauptet, der 48-Jährige wohne meist bei seiner Freundin. Noch etwas finden die Detektive heraus: In einem Tankstellenshop bezahlt er mit Kreditkarte. Sie notieren fleissig: falsche Angaben zum Haushalt und nichtdeklariertes Einkommen.

Die Kommission hat keine Eile
Besteht ein Verdacht auf Missbrauch, muss das Sozialdepartement den betroffenen Sozialhilfebezüger damit konfrontieren. Bestätigt sich der Verdacht, werden die Beiträge gekürzt. Rolf Zwygart wurde nicht angehört, die Beiträge aber wurden dennoch gekürzt - auf null: Ende September 2007 wird Zwygart informiert, dass ihm ab sofort keine Sozialhilfe mehr ausbezahlt werde. Dagegen könne er zwar Einsprache erheben, doch solange die zuständige Instanz diese nicht behandelt habe, erhalte er keine Unterstützung mehr. Und: Die Kommission werde frühestens in vier Monaten entscheiden.

Seit Oktober muss sich Zwygart nun selber durchschlagen. Auf Erspartes kann er nicht zurückgreifen. «Ich musste all meine Freunde und Bekannten um Notkredite bitten», sagt er. Ohne die staatliche Unterstützung verlor er auch seine Wohnung.

In seiner Einsprache nimmt der vermeintlich Überführte zu den Vorwürfen Stellung: Bei seiner Freundin weilte er, weil es ihr gesundheitlich schlecht ging. Die Kreditkarte habe er sich vor 18 Jahren zugelegt, damals arbeitete er noch in der Werbung. Guthaben hat er längst keines mehr darauf, im Gegenteil: Seit er von der Sozialhilfe lebt, ist die Karte mit Schulden von mehreren tausend Franken belastet, die er in Raten abstottern muss. Das alles belegte Zwygart lückenlos, auch gegenüber der Sozialbehörde. Doch diese reagierte nicht. Seine Einwände werden erst in diesem Februar behandelt - frühestens.

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Ein grotesker Aktionismus
Dass man Zwygart nicht anhörte, bevor die Unterstützung eingestellt wurde, ist ein schwerwiegender Verfahrensfehler. Dennoch sieht das Sozialdepartement Zürich keinen Handlungsbedarf: Isabel Garcia, Pressesprecherin der Sozialen Dienste, bestätigt zwar, dass Zwygart mit den Vorwürfen hätte konfrontiert werden müssen, doch das sei kein Grund, am Entscheid zu zweifeln. «Wer Sozialhilfe in Anspruch nehmen will, muss alle von ihm verlangten Dokumente lückenlos vorlegen», sagt sie. Die Unterlagen, die dem Beobachter vorliegen, lassen darauf schliessen, dass Zwygart dieser Pflicht nachgekommen ist.

Das Problem scheint woanders zu liegen. Laut mehreren Mitarbeitern des Amtes von Stadträtin Monika Stocker wird gegenwärtig bereits bei leisem Verdacht auf Missbrauch die Hilfe eingestellt - aus Angst, Kritikern neues Futter zu liefern. Unter diesem Druck nimmt die Jagd nach möglichen Betrügern groteske Züge an: Von Zwygart verlangt man nun, er müsse von verschiedenen Banken Bestätigungen einholen, dass er dort kein Konto besitze. Dieser Forderung wird er nicht entsprechen können, denn die Banken sagen, eine solche Anfrage müsse vom Sozialamt kommen. «Ich bin das Bauernopfer der eingeläuteten Hexenjagd nach möglichen Sozialhilfebetrügern», sagt Rolf Zwygart. Vermutlich ist er nicht der einzige.