Hugo Breitenmoser, 77, ist die Verkörperung des arbeitsamen und soliden Bürgers: 40 Jahre lang war er im gleichen Unternehmen tätig, seit 40 Jahren teilt er mit Ehefrau Annelise sein Leben. Er hat seine Steuern immer pünktlich bezahlt und nie auch nur einen Rappen Geld vom Staat bezogen. Umso härter traf ihn der Verlust seiner Lebensstelle bei einer Firma für Büromaschinen: Sie stellte 1999 den Betrieb ein.

Fünf Jahre vor der Pensionierung eine neue Stelle finden? Unmöglich im strukturschwachen Toggenburg. Als Breitenmoser nach zwei Jahren ausgesteuert ist, meldet er sich beim damals zuständigen Sozialamt. «Ich wollte aber alles tun, damit ich keine Sozialhilfe beziehen muss», erzählt er. Da sein ehemaliger Arbeitgeber die Pen­sionskasse aufgelöst hatte und der ehemalige Mitarbeiter ausbezahlt worden war, hatte das Ehepaar Breitenmoser ein bescheidenes Altersguthaben zur Verfügung, mit dem es den Lebensunterhalt bestritt.

Keinen Rappen von der Gemeinde

Es war der damalige Gemeindepräsident, der die Idee hatte, Hugo Breitenmoser für ein Jahr beim Werk- und Technologiezentrum Linthgebiet (WTL) in Jona anzumelden, einer sozialwirtschaftlichen Einrichtung, die Langzeitarbeitslose und IV-Bezüger auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereitet. Danach, so der Plan, könne er während der zwei Jahre bis zu seiner Pensionierung wieder Arbeitslosengeld beziehen. Es schien ein vernünftiger Plan.

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«Beim WTL sollte ich für eine Vollzeitbeschäftigung monatlich rund 2500 Franken erhalten», sagt Breitenmoser. «Doch die zuständige Sozialvorsteherin Doris Gmür verlangte von mir, dass ich eine Abtretungserklärung für den Lohn unterschreibe.» Der damals 62-Jährige will der Gemeinde nicht auf der Tasche liegen. Er wehrt sich nicht und unterschreibt. Sein Lohn wird direkt ans Amt überwiesen.

Während des ganzen Jahres erhält Hugo Breitenmoser keinen Rappen von der Gemeinde. Und da Ehefrau Annelise nur eine Teilzeitbeschäftigung hat, zehrt das Ehepaar grösstenteils von Breitenmosers Pensionskassengeldern.

Irgendwann ist das Jahr vorbei, und Hugo Breitenmoser kann wieder stempeln gehen. Doch was ihn und seine Frau noch heute aufs Tiefste ärgert: Das Sozialamt hatte ihnen immer wieder zu verstehen gegeben, sie seien Sozialhilfebezüger. «Das ist natürlich nichts Ehrenrühriges, aber es stimmte einfach nicht», sagt Annelise Breitenmoser. «Schliesslich hatten wir ja gar nie Sozialhilfe erhalten und alle Auslagen immer selber beglichen.»

Das Leben im Toggenburg geht seinen Gang, Breitenmosers lassen die schwierige Zeit hinter sich. Und so vergehen 13 Jahre, bis Hugo Breitenmoser Anfang letzten Oktober einen Brief vom neu zuständigen So­zialamt Nesslau erhält: «In der Zeit von 1999 bis 2000 wurden Sie vom Sozialamt Krummenau mit netto Fr. 13'861.15 unterstützt.» Den Betrag möge er innert 30 Tagen mit beigelegtem Einzahlungsschein zurückzahlen. Breitenmoser, mittlerweile 76, kann es kaum fassen: «Ich habe ein Jahr lang umsonst gearbeitet, keinen Rappen Unterstützung erhalten – und sollte jetzt fast 14'000 Franken ‹zurückzahlen›? Eigentlich habe ich ja sogar Geld abgeliefert!»

Forderung nicht nachvollziehbar

Er bittet die weiterhin zuständige Amtsvorsteherin Doris Gmür um eine detaillierte Abrechnung. Das Feilschen beginnt: Zwei Monate später erhält er ein Schreiben, in dem nur noch Fr. 4873.95 gefordert werden. Breitenmosers haben sich mittlerweile einen Anwalt genommen. Anfang 2014 beläuft sich die Forderung noch auf 2000 Franken.

Wie Doris Gmür, mittlerweile Ratsschreiberin und Leiterin des lokalen Sozialamtes in Personalunion, auf die entsprechenden Beträge kommt, ist selbst für Sozialhilfe-Experten wie Walter Noser vom Beobachter-Beratungszentrum nicht nachvollziehbar. Zum Fall Breitenmoser will die diplomierte Vormundschafts- und Sozialhilfefachfrau GFS keine Stellung nehmen – es handle sich um ein laufendes Verfahren.