Walter Schmid, 56, ist Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) und Rektor der Hochschule Luzern - Soziale Arbeit.

Beobachter: Das ist doch das Grounding der Sozialhilfe, was die Autoren der Seco-Studie feststellen: Wer nicht an Arbeitsprogrammen teilnimmt, findet eher einen Job.
Walter Schmid: Das ist überspitzt formuliert.

Beobachter: Wieso?
Schmid: Die Studie hat nicht untersucht, nach welchen Kriterien die Sozialhilfeempfänger den Beschäftigungsprogrammen zugeteilt werden. Oft werden gerade jene Leute in Programme platziert, die es auf dem Arbeitsmarkt besonders schwer haben. Umgekehrt nützt das beste Programm nichts, wenn es nicht zur Person und ihren Bedürfnissen passt.

Beobachter: Dann sind nicht die Programme schlecht, sondern die Zuteilungsentscheide?
Schmid: Ja. Wir müssen genauer hinschauen, welche Integrationsmassnahme wirklich etwas nützt oder eher schadet. Schädlich ist ein Programm dann, wenn die Teilnehmenden nicht mehr motiviert sind, sich um eine Stelle zu bemühen.

Beobachter: Also machen Sozialarbeiter ihren Job schlecht.
Schmid: Nein. Die machen grundsätzlich einen guten Job, aber manchmal werden Leute vorschnell platziert, weil es für alle von Vorteil ist: Der Sozialarbeiter hat einen Fall vom Hals, der Sozialhilfeempfänger ist froh, dass er einen Ort hat, wo er beschäftigt ist, und der Anbieter kann sein Programm füllen. So darf es nicht laufen.

Beobachter: Und wie wollen Sie das verhindern?
Schmid: Sozialämter brauchen genügend Personal, um Fälle gründlich abzuklären und Leute sinnvoll zu platzieren. Muss ein Sozialarbeiter 120 bis 150 Dossiers gleichzeitig bewältigen, ist die Gefahr grösser, dass er jemanden in ein Programm abschiebt. Das haben die meisten Gemeinden in der aktuellen Krise erkannt und sind bereit, Personal aufzustocken.

Beobachter: Das klingt gut. Aber in den nächsten Monaten wird die Arbeitslosigkeit weiter ansteigen. Ist eine Integration da nicht völlig utopisch?
Schmid: Die Erwartung der Gesellschaft, dass alle Sozialhilfeempfänger wieder eine Stelle finden, war schon immer utopisch. Wir müssen realistischer werden und erkennen, dass viele Leute schlicht nicht mehr in den Arbeitsmarkt integriert werden können.

Beobachter: Da kann man sich die Kosten für Beschäftigungsprogramme aber sparen – allein in der Stadt Zürich immerhin 22 Millionen Franken.
Schmid: Nein. Lässt man Menschen ganz allein, vereinsamen sie und verwahrlosen. Das verursacht der Gesellschaft später viel höhere Kosten. Der Staat darf Menschen nicht völlig aufgeben. Er muss mithelfen, in ihnen die Hoffnung und den Glauben an sich selbst wach zu halten. Ist die Integration in den Arbeitsmarkt nicht möglich, wird die soziale Integration zum wichtigsten Ziel der Sozialhilfe.

Beobachter: Was macht man mit der wachsenden Zahl von Leuten, die ganz aus dem Arbeitsmarkt fallen?
Schmid: Das ist eine sehr gute Frage, die ich gerne auch einmal den verantwortlichen Politikern stellen würde! Bisher gab es oft eine Rente der IV oder der Unfallversicherung. Da diese Sozialversicherungen aber immer weniger Fälle anerkennen, landen mehr Leute bei der Sozialhilfe – derzeit sind es rund 250'000. Immer häufiger treffen wir in der Sozialhilfe auf Langzeitfälle. Die Sozialhilfe hat in den letzten 20 Jahren ihren Charakter geändert: Sie hilft nicht mehr nur punktuell und vorübergehend, sondern muss mehr und mehr auf Dauer strukturelle Armutsrisiken auffangen. Damit hat sie immer mehr den Charakter einer Sozialversicherung. Eine Regelung auf Bundesebene drängt sich deshalb auf.

Beobachter: Seit Jahrzehnten taucht immer wieder die Idee des allgemeinen Grundeinkommens auf: Leute sollen die Wahl haben zwischen Arbeit und einem staatlichen Grundeinkommen. Ist das die Zukunft?
Schmid: Nein. Ein bedingungsloses Grundeinkommen halte ich für falsch. Die Selbstverantwortung des Einzelnen ist auch heute noch zentral: Jeder Einzelne soll sich bemühen, nach Kräften selbst zu seinem Auskommen beizutragen.

Seco-Studie: Keine Massnahme ist oft die wirkungsvollste Massnahme

Eine Studie im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) untersuchte, was mit 1529 Personen passiert ist, die 2005 und 2006 neu zur Sozialhilfe gekommen waren.

  • Der positive Befund: Ende 2008 hatten 52 Prozent der Befragten eine Stelle, neun Prozent waren zeitweilig erwerbstätig, verloren die Stelle später aber wieder. 39 Prozent blieben über den gesamten Zeitraum arbeitslos. «Ich staune, dass es so viele geschafft haben», sagt Daniel Aeppli, Ko-Autor der Untersuchung.
  • Der negative Befund: Personen, die ein Beschäftigungsprogramm besucht hatten, fanden weniger häufig eine Stelle als solche, die keines absolviert hatten. Von den Absolventen fanden 45 Prozent einen Job, von den Personen ohne Massnahme 55. Die Autoren schliessen daraus: «Keine Massnahme zu verfügen ist in vielen Fällen die deutlich wirkungsvollste Massnahme.» Dies, da lang andauernde Integrationsmassnahmen zu einem Verharren in der Sozialhilfe führen würden. «Sowohl die Betreuer als auch die Stellensuchenden reduzieren in dieser Zeit unwillkürlich die Intensität der Jobsuche.» Die Studie unterscheidet hingegen nicht, welche Form von Massnahme (geschützte Werkstatt, Qualifizierungsprogramm, 1000-Franken-Job oder Sozialfirma) ergiffen wurde. So weisen etwa Sozialfirmen wie die St. Galler Dock-Gruppe höhere Integrationsquoten aus.