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Zu armSozialhilfe-Amt verweigert höhere Schulbildung

Auch für Kinder von Sozialhilfeempfängern sollten alle Möglichkeiten für eine Laufbahn offenstehen, würde man meinen. Eine Sozialkommission im Kanton Freiburg sieht das anders.

Weil die Mutter Sozialhilfe bezieht, darf Nathalie (rechts) nicht an die Fachmittelschule.
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Die 15-jährige Nathalie ist eine gute Schülerin. Prüfungsfrei könnte sie an die Fachmittelschule (FMS) übertreten. Später möchte sie einen Beruf im Gesundheitswesen erlernen oder die Matura machen und vielleicht Recht studieren. Da gibt es nur ein Problem: Nathalies Mutter bezieht Sozialhilfe.

Nun will die Sozialkommission Wünnewil-Flamatt und Ueberstorf FR dem begabten Mädchen diesen Bildungsweg verbauen – weil die FMS nicht auf direktem und schnellstem Weg zu einem Berufsdiplom führt. «Daher verlangen wir, dass Nathalie auf Sommer 2014 eine Lehrstelle sucht», wurde ihrer Mutter schriftlich eröffnet. Falls Nathalie trotzdem die FMS besuche, werde die Sozialhilfe eingestellt.

Der Grund dafür liegt auf der Hand: Eine Lehre kommt die Gemeinde billiger zu stehen als eine weiterführende Schule. Die zuständige Präsidentin, SP-Frau Marianne Kormann, die ihr Amt als Nebenjob ausübt und keine fach­spezifische Ausbildung hat, will die Frage nicht beantworten, ob eine höhere Schulbildung «höheren Töchtern» vorbehalten sein soll. Erstens habe sie Schweigepflicht, zweitens gehe es um einen Einzelfall.

Wirklich? Eine gesellschafts­politische Haltung unterliegt nicht der Schweigepflicht, und Nathalie weiss von einer Kollegin im Dorf, die aus demselben Grund wie sie nicht auf die Fachmittelschule darf.

«Ein solcher Entscheid ist sehr kurzsichtig», sagt Bettina Fredrich, Leiterin der Fachstelle Sozialpolitik bei der Caritas Schweiz. «Warum sollten Kinder von Sozialhilfeempfängern nicht die gleichen beruflichen Chancen haben wie alle anderen?» Fredrich kann sich die Sache nur so erklären: «Das ist Ausdruck davon, dass die So­zialhilfe unter einem sehr hohen Spardruck steht.»

«Profis müssen her»

Das Beobachter-Beratungszentrum hat Nathalies Mutter nun zum Rekurs geraten. Zudem ist man dort der Meinung: Nachdem die Vormundschaftsbehör­den abgeschafft seien und der Schutz von Erwachsenen nicht mehr Laien zugemutet werde, wäre es Zeit, dass auch die Hilfe für Leute in finanzieller Not Profis überlassen werde.

Veröffentlicht am 23. Juli 2013

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5 Kommentare

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kakadu20
Das gibt's doch nicht. Aber in der Schweiz wird man schnell abgestempelt

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Cruella de Vil
Mein Bruder hat eine Lehre gemacht und sich dann berufsbegleitend bis zum CEO weitergebildet. Meine Söhne und meine Schwiegertochter haben auch nur eine Lehre gemacht und sich nachher berufsbegleitend weitergebildet. Sie haben ihr „Handwerk“ von Grund auf gelernt. Was soll den daran falsch sein? Wir haben eh schon zu viele studierte Theoretiker

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Saipefon
Es ist sicherkein Fehler, den Eigenständigen Weg zu gehen, das macht einen auch stark! Ich kenn das Thema auch, dass bei einem Stipendien-Antrag auf das Einkommen der Eltern verwiesen wurde, war bei meiner Schwester der Fall. Meine Schwester hat die Schule aber doch durchgeboxt, mit halt zusätzlichen "Aufgaben"! Da ist zu erwähnen, dass meine Eltern ganz sicher nicht wohlhabende Leute waren! Anderseits hab ich schon sehr grosse Verständniss Schwierigkeiten, wenn eine Sozialbehörde gerade in so einem Fall, eine so kontraproduktive Entscheidung trifft!!!! Grundsätzlich sollten wir über alle jungen Menschen froh sein, welche sich begeistert einsetzen, sich zu entwickeln! Und dies wird von einer Sozi-Behörde untergraben?!?!? Meine allerliebsten Sozis, schämt euch!!!!

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lorus
Ich frage mich, warum mich solche Vorfälle noch immer entsetzen. Sind doch die Machenschaften der SH-Behörden sattsam bekannt. Ob eine Profi-Behörde es richten würde? Skepsis ist angesagt, denn auch Profis müssten sparen und der überteuerte Verwaltungsapparat würde noch weiter aufgebläht. M.E. wäre das bedingungslose Grundeinkommen die bessere Lösung. Da könnten Mutter und Tochter selbständig entscheiden, wie sie ihr Leben gestalten möchten und die Sozialverwaltungskosten würden erst noch eingespart.

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