Die heisseste Frage, die dem Beobachter-Beratungszentrum derzeit gestellt wird, kann niemand beantworten: Was passiert mit dem Euro? Wir wissen es nicht. Wie denn? Auch die Auguren, die sich täglich mit Währungsfragen herumschlagen, mutmassen nur.

Klar ist aber: Die Euroschwäche – und die des US-Dollars und des britischen Pfunds – ist nicht das Resultat einer Verschwörung von bösen Spekulanten, wie das Politiker gerne darstellen. Natürlich wetten Banken und Hedgefonds mit aller Macht gegen die europäische Einheitswährung und verdienen sich eine goldene Nase damit. Aber die Spekulation funktioniert nur, weil die überschuldete Eurozone in ihrer schwersten Krise steckt.

Die Konstruktionsfehler des Euro liegen heute brutal offen. Da wurden Länder mit völlig unterschiedlichen Wirtschafts-, Währungs- und Kreditkulturen zusammengefasst ohne verbindliche Regeln, an die sie sich im Krisenfall halten müssten. Deshalb ist es nicht so sehr Gier, die den Euro schwach macht, sondern die Angst vor seiner ungewissen Zukunft.

Mittendrin steht die Schweiz und leidet immer stärker unter dem überharten Franken. Sie ist Opfer ihres eigenen Erfolgs. Die Frankenstärke ist ein Ausdruck des Vertrauens in die Schweizer Wirtschaft. Deshalb kommt die Nationalbank nicht dagegen an. Aus heutiger Sicht ist klar: Sie hat zu früh reagiert. Schon bei einem Kurs von Fr. 1.45 begann sie, Euro und deutsche Staatsanleihen zu kaufen. Und hat dann immer mehr Milliarden in ein hoffnungsloses Unterfangen investiert.

Die am wenigsten schlechte Lösung finden

Natürlich fragen sich jetzt alle, was man besser machen könnte. Doch die Diskussionen der letzten Wochen zeigen: Es gibt kein Patentrezept, mit dem sich der Franken weichkochen liesse. Und die alten Rezepte haben mehr Nach- als Vorteile. Den Franken zum Euro in einem fixen Band schwanken zu lassen, ihn ganz an den Euro anzubinden oder gar den Euro einzuführen – alles würde auf dasselbe hinauslaufen: Mit den tiefen Schweizer Zinsen wäre es vorbei, ein Teuerungsschub wäre unvermeidlich, die Autonomie der Geldpolitik dahin. Die Idee, wie Brasilien die Devisenströme einzuschränken und so die Frankenspekulation zu unterbinden, würde das Ende der Schweiz als verlässlicher Finanzplatz bedeuten; der Schaden wäre auf Jahre hinaus enorm. Und ein Antispekulationspakt, in dem die Grossbanken auf Wetten gegen den Euro verzichten, klingt zwar sympathisch, nützt aber herzlich wenig. Seine Einhaltung liesse sich nicht wirklich kontrollieren.

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Der Schweiz bleibt nur eins: die am wenigsten schlechten Lösungen finden und sich auf eine längere Frankenstärke einrichten. Es lohnt sich, auch unkonventionelle Lösungen zu überdenken, wie sie zum Beispiel der Zürcher Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann ins Spiel gebracht hat. Als Überbrückung schlägt er vor, eine befristete Exportsubvention in Form von Krediten oder Steuersenkungen einzuführen, die die Firmen später zurückbezahlen müssten. Das wäre sicher schlauer als die Idee, den Exporteuren einen billigen Sonderwechselkurs zu zahlen.

Was man bei aller Dramatik nicht vergessen sollte: Der Franken war während Jahren gegenüber dem Euro zu billig. Erst das verhalf der Schweizer Industrie zu ihrer Renaissance.

Das Erfolgsrezept heisst Offenheit

Wir sind auf Gedeih und Verderb mit Europa und dem Euro verbunden. 57 Prozent der Exporte gehen in den Euroraum. Deshalb freuen sich nur die dümmsten Kälber über die Existenzkrise des Euro. Wir haben alles Interesse an einer starken, gesunden europäischen Wirtschaft – viel beitragen zur Lösung der EU-Probleme können wir aber nicht.

Wer aus der Eurokrise die Gewissheit zieht, dass das Abseitsstehen von Europa der bisher bessere Weg für unser Land war, liegt wohl nicht ganz falsch. Nur nützt dieses Rechthaben niemandem. Denn die Wirtschaft – erst recht nicht die eines kleinen Landes wie der Schweiz – funktioniert nun mal nicht national, sondern international. Genau darin liegt eine der grossen Stärken der Schweiz: Sie ist wie keine andere europäische Wirtschaft global aufgestellt. Ihr Erfolg gründet nicht in der Abschottung, sondern in ihrer Offenheit.

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Wer aber glaubt, die Welt sei wieder völlig in Ordnung, wenn Europa endlich seine Hausaufgaben erledigt hat, irrt sich. Ein weicher Franken verteuert importierte Waren und lässt die Zinsen steigen. Es gibt keine ideale Welt. Und Wirtschaft ist das Gegenteil von Ruhe.