Tobias Straumann, 44, ist Wirtschaftshistoriker und Privatdozent an der Universität Zürich. Seit zehn Jahren beschäftigt er sich mit Finanzkrisen und der Geschichte des Schweizer Finanzplatzes.

Quelle: Pascal Mora

Beobachter: Die Exportindustrie boomt wie nie. Waren die Schreckensprognosen vom letzten Sommer verfehlt?
Tobias Straumann: Die Ängste, der starke Franken werde alle Exportbranchen in die Tiefe reissen, waren übertrieben. Jetzt aber auf die Exportstatistik zu verweisen und zu behaupten, alles sei bestens, wäre genauso falsch. Denn anders als bei der Uhren- und Pharmaindustrie besteht in der Maschinen- und Metallindustrie ein enormer Margendruck. Selbst Vorzeigebetriebe, die erfolgreich in Nischenmärkten operieren, überlegen sich, ob sie einen Teil ihrer Produktion ins Ausland verlagern sollen.

Beobachter: Ein Blick auf die Arbeitslosenstatistik zeigt aber: So dramatisch ist die Lage nicht.
Straumann: Bis jetzt nicht. Wie schwierig sie ist, zeigt aber ein Vergleich mit der süddeutschen Konkurrenz. Im Gegensatz zu den Schweizer Wettbewerbern wächst sie rasant. Das ist deshalb gefährlich, weil es relativ einfach ist, die Produktion nach Süddeutschland zu verlegen.

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Beobachter: Uhren- und Pharmaindustrie laufen doch gut.
Straumann: Die Uhren- und Bijouteriefirmen profitieren von den weltweit hohen Wachstums­raten ihrer Branche. Aber selbst bei der Pharma gibt es Krisensignale, wie der Konflikt um den Novartis-Produktionsstandort Nyon gezeigt hat.

Beobachter: Welche Folgen hat das für die Entwicklung des Wirtschaftsstandorts?
Straumann
: Wenn nur Top-Firmen überleben, steigt die Gefahr, dass sich ganze Gebiete der Schweiz de­industrialisieren. Natürlich verbessern sich einzelne Regionen wie der Jurasüdfuss dank der Präzisionsindustrie. Es wäre aber ein Nachteil, wenn sich die Exportindustrie am Schluss nur noch auf ganz wenige Gebiete konzentriert.

Beobachter: Könnte die Nationalbank diesen Prozess ­stoppen, indem sie die Franken-Untergrenze auf Fr. 1.30 anhebt?
Straumann: Nicht stoppen, ihm aber die Dramatik nehmen. Für die Maschinenindustrie, die mit Margen von wenigen Prozenten leben muss, bedeuten zehn Rappen mehr einen immensen Unterschied. Es könnte Entscheide erleichtern, weiter in der Schweiz zu investieren. Zudem würde dieser Schritt Bewegung in den Devisenmarkt bringen.

Beobachter: Die fehlt fast vollständig. Seit Anfang Jahr klebt der Franken förmlich bei 1.20. Warum?
Straumann
: Das könnte mit der ungeklärten Nachfolge an der Spitze der Nationalbank zusammenhängen. Anders als im Spätherbst 2011 gibt es deshalb praktisch keine Gerüchte mehr über einen bevorstehenden Eingriff.

Beobachter: Heisst das nicht, dass die Nationalbank ständig interveniert?
Straumann: Nein, es bedeutet, dass die Drohung der Nationalbank funktioniert. Aber für ein Fazit ist es zu früh. Sicher ist: Die Spekulanten sind einstweilen abgezogen. Wetten auf einen stärkeren Franken lohnen sich momentan nicht. Auch deshalb dürfte die Nationalbank etwas mutiger werden.

Beobachter: Warum die Untergrenze nicht gleich auf Fr. 1.40 anheben, wie Gewerkschaften fordern?
Straumann: Das mag verlockend sein, aber eine zu hohe Untergrenze lässt sich nur schwer verteidigen. Das Risiko wäre zu gross, dass erneut auf den Franken gewettet wird.

Beobachter: Wird die Nationalbank bald intervenieren?
Straumann: Sie ist im Moment nicht voll handlungs­fähig. Deshalb verstehe ich nicht, warum der Bundesrat die Nachfolge offengelassen hat. Das Risiko einer neuerlichen Fehlbesetzung war schon im Januar kalkulierbar.

Beobachter: War Philipp Hildebrand eine Fehlbesetzung?
Straumann: Klar ist: Ihm hat die Sensibilität im Umgang mit seinen Finanzen gefehlt. Man muss leider auch sagen, dass sich die Erwartung nicht erfüllt hat, dass seine praktische Finanzmarkterfahrung der Nationalbank helfen könnte. Die Intervention vom Frühling 2010, als die Nationalbank Mil­liardenverluste erlitt, war zu wenig durchdacht. Niemand hat deren Sinn verstanden, weder die Märkte noch die Politik noch die Öffentlichkeit.

Beobachter: Umgekehrt hat sich Hildebrand Verdienste im Kampf um die Bankenregulierung erworben.
Straumann: Mag sein, aber er hat seine Person zu sehr ins Zentrum gerückt und sich dadurch angreifbar gemacht. Nationalbankpräsidenten sollten sich nie in eine politische Debatte einmischen, weil sie dadurch die Unabhängigkeit ihrer Institution gefährden. Hildebrand hat radikal mit einer hundertjährigen Tradition gebrochen. Einzig Fritz Leutwiler äusserte sich in den siebziger Jahren mehrmals öffentlich, aber es ging dabei immer um das Erklären der währungspolitischen Entscheide, also um die Aufgaben der Nationalbank, nicht um laufende politische Geschäfte.

Beobachter: Hoffen Sie, dass die Nationalbank nach der Ernennung eines neuen Präsidenten die Franken-Untergrenze schnell auf 1.30 erhöht wird?
Straumann: Auf diesem Niveau liesse sich der Franken genauso gut verteidigen wie jetzt bei 1.20. Und wenn der Euro zusammenbrechen sollte, dann wird es sowieso sehr schwierig. Dann spielt es auch keine Rolle mehr, wo die Untergrenze lag.

Beobachter: Steht der Euro noch immer auf der Kippe?
Straumann: Im Moment herrscht eine Art Burgfrieden. Im Dezember konnte der Bankenkollaps gerade noch abgewendet werden. Seither sind auch die Renditen der Staatsanleihen stark gefallen. Bei den aktuellen Zinssätzen können Spanien und Italien problemlos wieder am Markt Geld aufnehmen.

Beobachter: Aber vorbei ist die Krise nicht.
Straumann: Was wir jetzt erleben, erinnert an die deutsche Währungsunion vor zwanzig Jahren. Die Arbeitsplätze in der ehemaligen DDR verschwanden, die Investitionen blieben aus, es kam zu einer Massenauswanderung. Genau dasselbe passiert jetzt in den strukturschwachen Mittelmeerländern. Um wieder auf die Beine zu kommen, müssten sie nicht nur sparen, sondern auch Preise und Löhne so weit senken, bis sie wieder wettbewerbsfähig sind. Die Geschichte zeigt aber, dass eine Anpassung auf diesem Wege unwahrscheinlich ist.

Beobachter: Hat sich die EU mit dem Euro übernommen?
Straumann: Man hätte besser klein begonnen und die Währungsunion dann langsam wachsen lassen. Aber das ist Vergangenheit, die Entwicklung lässt sich nicht umkehren.

Beobachter: Aber zumindest korrigieren?
Straumann: Die Lage scheint ausweglos. Selbst die Notenbank kann mit ihren Stützungsmassnahmen nur das Sterbedatum des Euro hinaus­zögern. In Griechenland reichen die Sparanstrengungen bei weitem nicht, der Schuldenschnitt ist zu klein, die Banken sind marode, die Investitionsflüsse vom Norden in den Süden sind geschrumpft. Die Wettbewerbsfähigkeit der strukturschwachen Länder hat sich weiter verschlechtert. Die Verlierer der Währungsunion werden sich das nicht ewig gefallen lassen. Eine Jugendarbeitslosigkeit von fast 50 Prozent wie in Spanien ist keine echte Perspektive. So kann es nicht weitergehen.

Beobachter: Lässt sich die Währungsunion auf Dauer retten?
Straumann: Sie müsste sich zu einem Modell Schweiz light durchringen mit einem schlanken Bundesstaat. Dass Deutschland die EU quasi übernimmt, geht auf Dauer nicht. Das erzeugt Widerstand.

Beobachter: Hat die Politik versagt?
Straumann: Dass die Katastrophe bisher ausgeblieben ist, verdankt die EU nur dem billigen Geld, das die Zentralbank den Banken zur Verfügung stellt. Die Politik tut immer noch so, als ob man eine gemeinsame Währung haben könnte, ohne die institutionellen Grundlagen zu schaffen.

Beobachter: Was müsste die EU konkret tun?
Straumann
: Die Banken rekapitalisieren, Ausgleichszahlungen über die gesamte EU hinweg einführen, den Währungsschirm so riesig machen, dass sich Länder mit Zahlungsproblemen refinanzieren können. Und es braucht eine Bundesebene, die gegenüber den einzelnen Mitgliedstaaten Sanktionsrechte hat.

Beobachter: Sind derart radikale Reformen durchsetzbar?
Straumann: Offenbar nicht. Deshalb plädiere ich seit längerem dafür, dass man zulässt, dass einzelne Länder wieder austreten, auch wenn das riskant ist. Aber ein radikaler Schnitt wäre besser als der langsame Zerfall der letzten Jahre. Griechenland ist kollabiert, das Land funktioniert nicht mehr, niemand investiert mehr. Schlimmer kann es doch gar nicht kommen.

Beobachter: Gibt es den Euro in zehn Jahren noch?
Straumann: Allenfalls einen kleinen Euro ohne Länder wie Griechenland und Portugal, vielleicht auch ohne Spanien und Italien. Dass der Euro vollständig auseinanderbricht, kann ich mir nicht vorstellen. Aber ich würde selbst dieses Szenario nie ausschliessen.