Nebst Eiger, Mönch und Jungfrau sind im letzten Jahrzehnt auch spektakuläre Schuldenberge zum Wahrzeichen vieler Gemeinden in der Alpenregion geworden – eine Folge von grossen Investitionen in Tourismusprojekte. Während die einen Bergkurorte vom Sparen reden oder den Steuerfuss anheben, haben sich andere auf die Suche nach neuen Geldquellen gemacht. So auch das 4360-Seelen-Dorf Grindelwald, mit einem Loch von rund 20 Millionen Franken in der Gemeindekasse.

Ende 1998 beschloss die Gemeindeversammlung, das Gemeinwerk wieder einzuführen. Dabei handelt es sich um einen alten Brauch, wobei die Steuern in Form eines Arbeitsdienstes für die Allgemeinheit abgegolten werden können. So erlebte das rund 80-jährige «Gmeinwerk» eine unerwartete Renaissance. Die Grindelwaldner versuchten damit nicht zuletzt, auch die Ferienhausbesitzer in die Pflicht zu nehmen. «Die kurortbedingten Kosten sollen gerechter auf einheimische und auswärtige Liegenschaftsbesitzer verteilt werden», sagt der Grindelwaldner Gemeindeschreiber Fritz Lohner.

Fortan waren auf dem 378 Kilometer langen Wanderweg- und Strassennetz des Kurorts Schnee räumende oder Böschungen säubernde Arbeitsequipen zu beobachten, die der nobelsten staatsbürgerlichen Pflicht nachkamen – nämlich Steuern zu bezahlen. Die gemeinwerkpflichtigen Hausbesitzer, die die zehn Stunden jährlich nicht abarbeiten wollten, konnten das der Gemeinde mit 200 Franken abgelten.

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Es ist ein offenes Geheimnis, dass der wirtschaftliche Nutzen von Arbeitseinsätzen nicht besonders gross ist. So hofft Grindelwald vor allem auf die Geldbeträge – eine Rechnung, die bis heute aufging: Vom reinen Steuerertrag von rund 11,5 Millionen Franken jährlich stammen 800'000 Franken aus der Gemeinwerkabgabe. Arbeiten statt zahlen wollten dieses Jahr nur gerade 200 Grindelwaldner.

«Wir haben uns gefragt, weshalb Grindelwald diese mittelalterliche Tradition wieder ausgegraben hat», sagt die in Baden wohnhafte Elsbeth Dietrich, die in Grindelwald zusammen mit ihren drei Töchtern das Haus des Schwiegervaters geerbt hat. Seit 50 Jahren verbringt sie hier ihre Ferien und schätzt die vielseitigen Angebote. «Ich weiss, dass das alles Geld kostet, und habe Verständnis für höhere Steuern, aber nicht für die Art, wie sie es machen.»

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1999 bekamen die vier Hausbesitzerinnen Post von der Gemeinde: Rechnungen über je 200 Franken. Eine Tochter reichte Beschwerde ein. Andere Hausbesitzer zogen nach – mit Erfolg. Das Berner Verwaltungsgericht gab ihnen in allen Punkten Recht: Erstens handle es sich um eine Steuer, die die Gemeinden nach dem neuen Steuergesetz nicht mehr erheben dürften. Zweitens kollidiere sie für Leute mit Wohnsitz ausserhalb Grindelwalds mit dem Doppelbesteuerungsverbot. Nach dem Urteil ist klar: Jeder, der die Gemeinwerkabgabe bezahlt, ist selber schuld.

«Der Griff nach einem Gesetz aus der Mottenkiste ist eine typische Oberländer Schlaumeierei», scherzt die 75-jährige Elsbeth Dietrich. Weniger amüsiert hat sie ihr eigener Gemeinwerkeinsatz: «Zusammen mit den Töchtern trat ich an – als Experiment. Wir schrubbten dann einen Tag lang Schulbänke.»

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Obwohl der Gerichtsentscheid nur für die Beschwerdeführenden gilt, hat er Konsequenzen, die weit über Grindelwald hinausgehen; auch die anderen 30 Oberländer Gemeinden, die eine Gemeinwerkabgabe erheben, müssen über die Bücher. «Wir haben das Urteil zur Kenntnis genommen», sagt Gemeindeschreiber Fritz Lohner. Und gibt sich kämpferisch: «Das Gemeinwerk wird weitergeführt, allerdings auf anderer gesetzlicher Basis als bisher.»