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Steuerabzüge«Gewinner sind meistens die Schlaumeier. Das nervt»

Weg mit dem Wirrwarr von ­Abzügen bei den Steuern, fordert die St. Galler Ökonomin Monika ­Bütler. Normalverdiener sollen weniger bezahlen, die Reichsten hingegen mehr.

«Selbst Politiker wissen nicht mehr, welche Auswirkungen die vielen Schlupflöcher haben»: Monika Bütler, Professorin für Volkswirtschaftslehre in St. Gallen

Von und

Beobachter: Beschleicht Sie beim Ausfüllen der Steuererklärung manchmal das mulmige Gefühl, nicht alle Abzugsmöglichkeiten ­ausgeschöpft zu haben?
Monika Bütler: (lacht) Nicht wirklich, eher, dass ich vergessen habe, eine Nebeneinkunft zu deklarieren. Mein Mann und ich gehen nicht sehr strategisch vor und lassen wohl viele Abzüge aus. Mit einer optimalen Steuerplanung könnten wir einiges sparen. Aber mir persönlich ist es einfach nicht wichtig genug, dass ich alle Steuersparmöglichkeiten ausnutzen kann. Wir haben es ja auch nicht nötig. Und als wir es noch nötig hatten, gab es diese Steuersparmöglichkeiten nicht.

Beobachter: Aber unterminiert es nicht die Steuermoral, wenn man mit ein paar Tricks locker ein paar Tausender spart?
Bütler: Die Steuermoral leidet stärker, wenn eine Regierung unsinnig mit dem Geld umspringt oder wenn die Korruption hoch ist. Das verleitet zum Betrügen. Unser System mit den vielen Abzugsmöglichkeiten fördert eher die Mentalität, alles auszuschöpfen, was man an Vergünstigungen herausholen kann.

Beobachter: Am Schluss ist es also nicht die Steuermoral, die auf der Strecke bleibt, sondern die ­Steuergerechtigkeit.
Bütler: Das ist so. Denn: Reiche profitieren von Steuerabzügen stärker als Ärmere. Gleichzeitig ist unser System so undurchsichtig geworden, dass selbst Politiker nicht mehr wissen, welche Auswirkungen die vielen Schlupflöcher haben. Wir haben ein System für Schlaue, die alle Abzugsmöglichkeiten gezielt ausnutzen.

Beobachter: Warum unternimmt die Politik so wenig dagegen?
Bütler: Weil das Steuersystem so komplex ist. Das wurde mir auch erst klar, als ich die Krippensubventionen untersuchte und aufzeigen konnte, dass es sich für berufstätige ­Eltern nicht auszahlt, Kinder mehr als drei Tage pro Woche fremdbetreuen zu lassen. Anfänglich war mir nur klar, dass etwas nicht stimmen kann. Welch krasse Effekte dieses System von Abzügen und Subven­tionen produziert, hat auch mich als Spe­zialistin überrascht.

Beobachter: Warum?
Bütler: Jede Abzugsmöglichkeit macht für sich ­betrachtet vielleicht Sinn, alle zusammen wirken aber meist in die falsche Richtung. Es lohnt sich oft gar nicht, mehr zu arbeiten und mehr zu verdienen.

Beobachter: Länder wie die USA oder Deutschland unter­suchen ihre Subventions- und Steuerpolitik seit den sechziger Jahren systematisch. In der Schweiz erschien der erste Subventionsbericht 1997, die erste Zusammenstellung von Steuervergünstigungen gar erst 2011. Warum so spät?
Bütler: Das hat historische Gründe. Die Schweiz verfügte bis in die siebziger Jahre hinein über ein sehr schlankes Steuersystem mit wenigen Abzugsmöglichkeiten, aber auch tiefen Steuersätzen. Mit dem Anstieg der Staatseinnahmen und -ausgaben hat sich das verändert. Das ist wohl der Grund, ­warum die Schweiz das Problem so spät angepackt hat.

Beobachter: In den letzten zehn Jahren gab es mit der «Flat Tax» und der «Easy Swiss Tax» zwei ­Versuche, das Steuersystem radikal zu ­vereinfachen. Warum scheiterten beide?
Bütler: Für mein Gefühl legte man den Fokus zu stark auf die Steuersätze und zu wenig auf die Vorteile einer Vereinfachung bei den Abzügen. Man konnte offensichtlich nicht vermitteln, wie brisant das Thema ist.

Beobachter: Welche Korrekturen sind nötig?
Bütler: Erstens muss man das Steuer- und Transfersystem besser integrieren. Es macht keinen Sinn, dass man 1000 Franken Steuern zahlt, dann 1500 Franken Prämienverbilligung für die Krankenkasse bekommt. Das schafft Fehlanreize: Wer mehr arbeiten will, wird bestraft, weil man weniger Verbilligung erhält. Zweitens muss man die meisten Abzugsmöglichkeiten abschaffen. Klar freut es mich, wenn ich als Pendlerin mein GA von der Steuer absetzen kann. Aber es hat mich ja niemand gezwungen, in St. Gallen zu arbeiten und in Zürich zu wohnen. Abzüge für Pendler, fürs Auswärtsessen, den Zweitwohnsitz – das alles muss weg. Eine einzige Berufspauschale genügt.

Beobachter: Abzüge für Vorsorgegelder wollen Sie auch ­einschränken?
Bütler: Man muss sich ernsthaft fragen, ob man die Abzüge in der zweiten Säule nicht beschränkt. Heute kann man bis zu einer Million Franken Jahreseinkommen für BVG-Einkäufe und Kaderversicherungsbeiträge abziehen. Das ist widersinnig. Die beruf­liche Vorsorge soll einen guten Lebensstandard nach der Pensionierung sichern. Alles, was darüber hinausgeht, sollte nicht abzugsfähig sein.

Beobachter: Topverdiener profitieren auch hier.
Bütler: Und das gleich doppelt. In der Anspar­phase kommen sie in den Genuss der vollen Abzugsfähigkeit. Und beim Bezug finden sie Möglichkeiten, nochmals Steuern zu sparen, etwa mit dem Kauf von Wohn­eigentum und dem gestaffelten Bezug der Vorsorgegelder.

Beobachter: Auch wer fürs Eigenheim spart, soll gemäss Bausparinitiative Steuererleichterungen ­erhalten. Ist das sinnvoll?
Bütler: Nein, davon würden vor allem die heutigen Hauseigentümer und Verkäufer profitieren. Australien zum Beispiel subventionierte den Kauf von Häusern bis 500'000 Dollar. Die Folge: Alle billigeren Häuser verteuerten sich mindestens um diese Subvention; mit der Zeit verschwand das Angebot in diesem Preissegment sogar. Das zeigt, wie eine gutgemeinte Steuererleichterung genau das Gegenteil bewirken kann.

Beobachter: Verkennt die Linke die Sprengkraft einfacher Steuersysteme?
Bütler: Davon bin ich überzeugt. Aber eine solche Politik lässt sich schlecht verkaufen. Man muss den Leuten erklären, dass sie zwar weniger Spezialleistungen erhalten, dafür weniger Steuern zahlen müssen. Ergänzungsleistungen für Familien, die Subventionierung von Wohnraum – das lässt sich besser verkaufen. Doch all die gutgemeinten Programme haben immer wieder den gleichen Nebeneffekt: Gewinner sind meist die Schlaumeier, die jede neue Sparmöglichkeit kreativ ausnutzen. Das nervt.

Beobachter: Mehr soziale Gerechtigkeit, Fehlanreize tilgen, Steuerschlupflöcher schliessen – das wäre doch ein wunderbares Programm, mit dem sich ­Stimmen gewinnen liessen.
Bütler: Bisher hat es jedenfalls noch kaum jemand versucht. Dasselbe Problem stellt sich ja auch bei der Rentenreform: Ein Jahr länger arbeiten, dafür weniger Steuern zahlen – das ist keine sexy Politik, die sich in einem Satz erklären lässt. Vor allem auch, weil die Stimmbürger nicht gleichzeitig die Finanzierung von zu grosszügigen Leistungen beschliessen müssen.

Beobachter: Haben Sie den Glauben an eine Steuerreform verloren?
Bütler: Ich bin skeptisch geworden, ob die Par­teien tatsächlich ein sauberes Steuersystem einführen wollen. Vielleicht sollten wir dem englischen Beispiel folgen: Dort setzte die Regierung eine unabhängige Kommission aus hochdekorierten Wissenschaftlern ein – darunter zwei Nobelpreisträger –, die das Steuersystem zwei Jahre lang intensiv durchleuchteten. Herausgekommen ist ein sehr lesbarer 1000-seitiger Bericht mit ­konkreten Handlungsanweisungen. Den zu lesen würde sich auch für Schweizer ­Politiker lohnen.

Beobachter: Diese Wissenschaftler fordern höhere Steuern für Reiche und eine Besteuerung der Kapital­gewinne. Das richtige Rezept?
Bütler: Für die obersten Einkommen und Vermögen etwas mehr Steuern erheben macht Sinn, wenn gleichzeitig die Steuersätze für alle sinken und der Staat nicht mehr Einnahmen generiert. In den Deutschschweizer Kantonen gibt es bei den Einkommen ab rund 400'000 Franken noch Luft nach oben. Genauso bei der Bundessteuer: Eine Familie mit 140'000 Franken steuerbarem Einkommen zahlt auf dem letzten Franken bereits 13 Prozent Steuern, ein Allein­stehender, der eine Million verdient, nur 11,5 Prozent. Das ist absurd.

Veröffentlicht am 14. Februar 2012

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2 Kommentare

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London
"Genauso bei der Bundessteuer: Eine Familie mit 140'000 Franken steuerbarem Einkommen zahlt auf dem letzten Franken bereits 13 Prozent Steuern, ein Allein­stehender, der eine Million verdient, nur 11,5 Prozent." Ich kann die Berechnung der 13 Prozent für die 140'000 Franken für die Familie nicht nachvollziehen. Wie haben Sie das berechnet? Können Sie oder einer der Beobachter-Leser mit weiterhelfen? Besten Dank

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Braun
Es wird immer so sein, von denen die das sagen haben fehlt es an nix, es trifft die Kleinen sonst würden doch die Grossen sich nicht weiter so alles leisten können, wie Urlaub usw. Einer der nichts hat hat auch weniger Zeit zum nachdenken, er muss immer viel arbeiten und hat trotzdem kein Geld für Ferien mit Kind und Kegel es reicht manchmal nichteinmal zum Zahnarztbesuch. Dann wird ja der Zahnarzt stutzig und verlangt gleich mal eine Vorrauszahlung. Aber wer die Gesetze schreibt und regelt dem geht es gut der hat solche Sorgen nicht.

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