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SteuernAn der falschen Adresse

Die Tessiner Gemeinde Corticiasca versucht krampfhaft, Steuern für ein Haus einzutreiben. Doch der angebliche Schuldner besitzt dieses seit Jahren nicht mehr.

Die Idylle ist perfekt: Corticiasca, ein 120-Seelen-Dorf, liegt gut 1000 Meter über Meer oberhalb Tesserete, inmitten von Kastanienbäumen und Birken. Wanderer und Biker durchqueren den kleinen Ort, wenn sie den Monte Bar erklimmen, auf dessen Bergkuppe man eine wunderbare Aussicht auf die Denti della Vecchia, den Luganersee und die Berge des Malcantone geniesst.

In Corticiasca erholt sich Orlando Canonica jeweils im Haus seiner Familie. Doch mit der Entspannung ist es vorbei, als die Tessiner Kleinstgemeinde partout für die Periode 2001/2002 Liegenschaftssteuern eintreiben will. Obwohl das Haus seit Jahren nicht mehr ihm, sondern seinen Kindern gehört. Schliesslich findet sich der 59-Jährige an einem sommerlich warmen Tag im Mai statt in der Sonnenstube im Gerichtssaal seines Wohnorts Hinwil wieder. Eingeklagt von der Gemeinde Corticiasca – wegen Fr. 168.80.

Telefonisch fast nicht erreichbar

Der Ärger begann im Mai 2003. Als Canonica das Formular für die Liegenschaftssteuern 2001/2002 mit Namens- und Adressangabe der rechtmässigen Eigentümer zurückschickt, reagiert die Gemeinde nicht. Selbst ein Brief von Sohn Adrian an die kantonale Steuerbehörde, der erklärt, dass er zusammen mit seiner Schwester Eigentümer der Liegenschaft sei, bleibt ohne Wirkung.

Ein Luganeser Notar hat die Überschreibung 1999 öffentlich beurkundet. Doch offenbar hat sich die Gemeinde auch auf dem Grundbuchamt Lugano nicht über die geltenden Eigentumsverhältnisse informiert. Wiederholt mahnt die Gemeinde Orlando Canonica und schaltet schliesslich ein Inkassobüro ein. Der Betriebene erhebt auf den Zahlungsbefehl Rechtsvorschlag, der Fall kommt vor Gericht.

«Ich besitze dieses Haus nicht», sagt Orlando Canonica, dessen Muttersprache Deutsch ist, vor der Einzelrichterin in Hinwil und zeigt ihr die Urkunden. In seiner Aktentasche liegen die gesammelten Papiere, mittlerweile ein dicker Stoss.

Die Gemeinde reagierte laut Canonica nie auf seine Briefe, auch nicht auf die diversen Faxe, die er schrieb. «Telefonisch ist die Gemeindeverwaltung auch schwierig zu erreichen, meist ist niemand da. Einen Anrufbeantworter gibt es nicht, und im Sommer ist die Kanzlei regelrecht verwaist», sagt er.

Seine Argumente überzeugen die Hinwiler Richterin. Sie stoppt die Betreibung. Es sei eindeutig, dass Canonica der falsche Adressat sei. Canonica ist erleichtert: «Ich hoffe, dass die in Corticiasca nun endlich begreifen, dass ich nicht Eigentümer dieses Hauses bin.»

Das Nachsehen hat die Gemeinde: Sie muss total 200 Franken Prozesskosten und Parteientschädigung zahlen – mehr als die von ihr eingeforderten Fr. 168.80.

Canonicas Erfahrungen mit den Gemeindebehörden von Corticiasca decken sich mit jenen des Beobachters. Das Telefon auf der Gemeindekanzlei ist nur jeweils montags von 17 bis 19 Uhr besetzt. Der Sekretär, der den Anruf entgegennimmt, verweist auf den Gemeindepräsidenten, der seinerseits keine Stellung nimmt.

Da ist das Grundbuchamt Lugano um einiges zugänglicher: Ein kurzer Anruf genügt. Ja, die Parzellen würden seit 1999 Adrian und Nicole Canonica gehören, heisst es dort. So einfach könnte es sein.

Veröffentlicht am 29. Juli 2005