Immobilien, Vermögensanlagen und Vorsorgegelder bieten eine Reihe von Steuersparmöglichkeiten. Doch die Materie ist komplex. Wer den gesetzlichen Rahmen effizient ausschöpfen will, ist in der Regel auf die Hilfe eines Vorsorge- oder Steuerberaters angewiesen. Dieser sucht aufgrund einer ganzheitlichen Analyse der finanziellen Situation des Steuerpflichtigen die optimale Lösung.


Doch Vorsicht: Längst nicht alle Steuerexperten im Haupt- oder im Nebenerwerb beraten ihre Kundinnen und Kunden korrekt, wie das Beispiel von Werner und Annemarie W. zeigt. Die beiden sind Mitte 40 und besitzen ein gemütliches Eigenheim in einer Zuger Vorortsgemeinde.


Werner W. träumt seit einiger Zeit von einer vorzeitigen Pensionierung mit 60. Da traf es sich gut, dass ein Bekannter dem Ehepaar mitteilte, dass er seit kurzem beim Allgemeinen Wirtschaftsdienst (AWD) als Berater tätig ist. Der AWD mit Sitz in Zug ist die grösste Allfinanzberatungsfirma der Schweiz. In der Eigenwerbung rühmt sich der AWD als «unabhängiger Finanzoptimierer».


Das erste Beratungsgespräch dauerte drei Stunden. Werner und Annemarie W. legten alle persönlichen und finanziellen Daten auf den Tisch. Bereits beim zweiten Gespräch unterbreitete ihnen der frisch gebackene Finanzoptimierer einen konkreten Vorschlag – allerdings nicht in Bezug auf die geplante Frühpensionierung, sondern um Steuern zu sparen.

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Heikle Finanztransaktionen

Das Reizwort «Steuerersparnis» verwenden viele Allfinanzberater, um potenziellen Kundinnen und Kunden provisionsträchtige Finanzprodukte von Banken und Versicherungen zu verkaufen.


Der AWD-Berater wollte Annemarie und Werner W. einen angeblich raffinierten Trick schmackhaft machen. In einem ersten Schritt sollten sie 200000 Franken vom Pensionskassenkapital beziehen und damit die Hypothek auf ihrer Liegenschaft reduzieren. Kurz darauf müsse die Hypothek aber sofort wieder um dieselbe Summe erhöht werden. Der dadurch frei werdende Betrag könne dann steuersparend angelegt werden.


Der Berater hatte gleich einen konkreten Vorschlag: 150000 Franken sollten Werner und Annemarie W. in eine Einmaleinlage (Säule 3b) investieren. Diese Einlage werde dann einer Bank oder einer Versicherung verpfändet. Dadurch könne das Ehepaar sofort nochmals 150000 Franken Kredit aufnehmen – für eine weitere Einmaleinlage in derselben Höhe.

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Die Steuerämter sehen rot

Mit den restlichen 50000 Franken solle das Ehepaar W. Anteile von Anlagefonds kaufen. Auf diese Weise liessen sich einerseits hohe Schuldzinsen vom Einkommen abziehen, erklärte der Berater. Auf der anderen Seite müssten die Erträge der Einmaleinlage während der ganzen Laufzeit von 13 Jahren nicht versteuert werden – und die Auszahlung der Einmaleinlage im Alter von 60 Jahren werde ebenfalls nicht als Einkommen steuerbar.


Das Ehepaar wurde skeptisch und wandte sich ans Beobachter-Beratungszentrum. Zum Glück – denn Abklärungen ergaben, dass das vom Berater vorgeschlagene Vorgehen von den Steuerämtern nicht vorbehaltlos akzeptiert wird.


So teilte die Zuger Steuerverwaltung mit, dass eine solche Finanztransaktion ganz klar dem Sinn und Zweck des Bundesgesetzes über die Wohneigentumsförderung mit Mitteln aus der beruflichen Vorsorge widerspricht. Bei einem Vorbezug müssten die bezogenen Pensionskassengelder dauernd und ausschliesslich der Wohneigentumsförderung dienen.

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«Wenn ein Steuerpflichtiger eine solche Transaktion vornimmt, besteht seine Absicht offensichtlich nicht in der Beanspruchung der Wohneigentumsförderung, sondern im Entzug der Mittel aus der zweiten Säule zwecks Anlage in der Säule 3b. Dies ist ein klarer Rechtsmissbrauch», heisst es im Schreiben der Zuger Steuerbehörde.


Beim Steuerpflichtigen sei zu prüfen, ob das Vorgehen auf eine Umgehung der Steuer abziele, rät die Zuger Behörde. «Würde dies zutreffen, müsste die steuerliche Anerkennung verwehrt werden.»


Abzuklären sei zudem, ob der Steuerpflichtige den Vorbezug an die Vorsorgeeinrichtung zurückerstatten muss.


Der AWD weist die Vorwürfe zurück

Es gebe keine gesetzliche Bestimmung, die es verbiete, mit bezogenen Vorsorgegeldern eine Hypothek zu amortisieren und unmittelbar nach dem Vorbezug die Hypothek wieder zu erhöhen, sagt Andreas Spahni, AWD-Verwaltungsratsdelegierter. «Nachfragen bei Steuerbeamten haben ergeben, dass von steuerlicher Seite nichts dagegen einzuwenden ist.»

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Solche Finanzkonstrukte würden allerdings in der internen AWD-Beraterausbildung nicht geschult. Spahni: «Es entspricht nicht der Philosophie unseres Unternehmens, mit Fremdkapital Anlagen zu tätigen beziehungsweise Gewinn zu erzielen.»


Im Einzelfall und unter Würdigung der finanziellen Verhältnisse des Mandanten könne allerdings eine Kombination des vorzeitigen Bezugs von Vorsorgegeldern sowie eine Erhöhung einer bestehenden Hypothek von Vorteil sein, räumt Andreas Spahni ein. «Entsprechend schliessen wir auch nicht vollständig aus, dass ein erfahrener Wirtschaftsberater des AWD dem Mandanten als Alternative eine solche Lösung vorschlägt, wenn dies auch dem ausdrücklichen Wunsch des Mandanten entspricht.»


Offenbar haben sich die AWD-Verantwortlichen nicht bei denselben Steuerbehörden informiert wie das Beobachter-Beratungszentrum. Denn auch die Steuerämter der Kantone Aargau, Luzern und Zürich teilen die Auffassung der Zuger Steuerexperten.

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Guter Rat wird manchmal teuer
Der Kanton Zürich hat in einem Fall sogar entschieden, dass ein missbräuchlich erfolgter Wohneigentumsförderungsbezug nicht privilegiert, sondern wie ordentliches Einkommen besteuert wird. Damit verlieren Steuerpflichtige die steuerlichen Vergünstigungen, die in der Verordnung vorgesehen sind.


Etwas differenzierter äussert sich die Steuerverwaltung des Kantons Bern. Hier wird von der Prüfung einer allfälligen Steuerumgehung abgesehen, wenn der Schuldzinsabzug gemäss Stabilisierungsprogramm die Vermögenserträge zuzüglich 50000 Franken nicht übersteigt.


Viele Haus- und Wohnungsbesitzer haben sich schon von Versicherungsagenten und Allfinanzberatern von solchen Finanztransaktionen überzeugen lassen. Das böse Erwachen folgt spätestens dann, wenn das Steueramt eine Rückzahlung der bezogenen BVG-Gelder an die Pensionskasse verlangt. In diesem Fall müssen die Betroffenen ihre Einmaleinlagepolice mit einer happigen Einbusse vorzeitig auflösen und die Kapitalerträge als Einkommen versteuern. Der Steuertrick ist zur Falle geworden.

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