Das schmucke Dorf Vaux-sur-Morges VD ist nicht die steuergünstigste Gemeinde. Doch André Hoffmann bleibt hier. 4,5 Millionen Franken Steuern jährlich zahlt der Vizepräsident des Roche-Verwaltungsrates, das sind 90 Prozent der Steuereinnahmen im 200-Seelen-Dorf. Für Hoffmann gibt es offenbar bei der Wahl des Wohnsitzes wichtigere Gründe als den Steuerfuss.

Wenn er Steuern sparen wollte, könnte er das zwar nicht am Genfersee tun, dort sind in seiner Kategorie die Steuern überall etwa gleich hoch. Aber im Kanton Zug käme er mit etwa der halben Steuerrechnung davon. Wie Ex-Novartis-Chef Daniel Vasella, der an seinem Arbeitsort Basel auch etwa doppelt so viel hätte zahlen müssen wie an seinem Wohnort in Risch ZG.

Daten zum Verhalten sehr Reicher fehlen

Dass Reiche ihren Wohnort nach dem Steuerfuss ausrichten, scheint offensichtlich – doch statistische Beweise dafür gibt es nicht: «Uns fehlen Daten zum Verhalten der sehr Reichen», sagt Kurt Schmidheiny, Assistenzprofessor an der Universität Basel, der zu Steuern forscht. «Wenn sie nur schon von einem Kanton in den andern ziehen, gehen sie statistisch verloren.»

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Reiche wählen immer nur das günstigste Steuerdomizil – dieses Motto ist ein Treiber für den Steuerwettbewerb. Doch es stimmt zumindest bei der Erbschaftssteuer nicht. Die allermeisten Kantone haben diese in den vergangenen Jahren für Ehegatten und direkte Nachkommen abgeschafft. Nur noch drei Kantone kennen sie – 1973 waren es noch 17 gewesen. In Volksabstimmungen wurden diese Steuerreduktionen mit teilweise grossen Mehrheiten bestätigt.

Wirtschaftsprofessor Marius Brülhart von der Universität Lausanne hat zusammen mit Raphaël Parchet Abstimmungsbroschüren analysiert und herausgefunden, dass zwei Drittel der offiziellen Argumente, die die Welle von Senkungen der Erbschaftssteuer antrieben, unter dem Stichwort «Steuerwettbewerb» liefen. Die Kantone versuchten also, sich gegenseitig die reichen Alten abzujagen. Doch die älteren Reichen – so das wichtigste Resultat der Studie Brülhart/Parchet – wollen gar nicht wegziehen: Sie sind äusserst standortgebunden. «Wir konnten keine signifikante Wanderungsbewegung feststellen», sagt Brülhart. Profitieren konnte also kein Kanton, verloren haben alle. Die Erbschaftssteuereinnahmen betrugen 1999 noch 1,5 Milliarden Franken, 2010 war es knapp eine Milliarde – dies trotz stetig wachsender Privatvermögen.

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Brülhart wundert sich in seiner Studie, warum die Erbschaftssteuern abgeschafft wurden. Wissenschaftlich kann er sich keinen Reim darauf machen. Leicht süffisant meint er: «Der Fall der verschwundenen Erbschaftssteuern bleibt ungelöst.»

Der zweite Grund, wieso der Steuerwettbewerb nicht funktioniert: 2008 wurde nach jahrelangem Ringen die Neugestaltung des Finanzausgleichs (NFA) eingeführt. Finanz- respektive ressourcenschwache Kantone erhalten von den finanzstarken Ausgleichszahlungen. Das erlaubte etlichen Kantonen, die Steuern zu senken, um gute Steuerzahler anzulocken. Das Argument bei diesem Typ Steuerwettbewerb lautete: Wir erleiden zwar kurzfristig Einnahmenausfälle, aber wenn wegen der tiefen Steuern genügend Reiche kommen, nehmen wir unter dem Strich mehr ein.

Zusammen mit Kurt Schmidheiny untersuchte Brülhart die Effekte, die der NFA auf den Steuerwettbewerb hatte. Für die empfangenden Kantone, also die finanzschwachen, ist das Ergebnis ziemlich ernüchternd. Es gelang ihnen zwar, Steuersubstrat anzuziehen – doch dadurch wurden sie finanzstärker. Das bedeutete, dass sie durch den Ausgleichsmechanismus des NFA im Durchschnitt von jedem Steuerfranken, den sie anziehen, 80 Rappen wieder abliefern müssen.

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Steuerhölle Val-de-Travers: 71'100 Franken

Quelle: Alessandro Della Bella/Keystone

Das Steuerparadies Schwyz schreibt rot

Das rächte sich etwa beim Kanton Schwyz. Dort verdoppelte sich zwar die Zahl der Einkommensmillionäre zwischen 2004 und 2009, doch die Finanzen gerieten dennoch aus dem Lot. 2013 resultierte ein Defizit von 141 Millionen Franken.

Trotz diesem Mechanismus verschärften etliche Kantone ab 2008 noch den Steuerwettbewerb. Doch nun hat der Wind gedreht: Bei vielen Kantonen und Gemeinden, die die Steuern massiv senkten, liefen die Finanzen völlig aus dem Ruder. St. Gallen, Schwyz oder Luzern etwa müssen nun die Steuern erhöhen. «Aggressive Steuersenkungen stellen keine zukunftsträchtige Strategie dar», meint Brülhart.

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Kein Reicher zieht in den Jurazipfel

Drittes Argument gegen den Steuerwett­bewerb: Die einen haben einen Startvorteil, die andern nicht. Der Politologe Fabio Wasserfallen von der Universität Zürich untersuchte 2012 in einer Studie die Bedingungen, unter denen der kantonale Steuerwettbewerb abläuft. Seine These: Er findet auf einem unebenen Spielfeld statt. Kantone und Gemeinden, die an Zentrumskantone grenzen und von diesen profitieren, können die Steuern stärker senken als ihre Konkurrenten, die weiter entfernt sind.

Das klassische Beispiel ist der Kanton Zug. Das Zentrum, in diesem Fall die Me­tro­politanregion Zürich, bietet nicht nur gutbezahlte Arbeitsplätze, sondern stellt auch Kultureinrichtungen, Universitäten, öffentlichen Verkehr und vielerlei mehr zur Verfügung. Doch die angrenzenden Kantone und die Agglomeration zahlen in der Regel wenig oder nichts an die teuren Zentrumsleistungen. So können sie mit attraktiven Steuern Zuzüger anwerben, die von den Vorteilen des Zentrums profitieren. Umgekehrt zieht wohl kaum ein Schwerreicher in eine Gemeinde am Jurazipfel, auch wenn diese die Steuern radikal senken würde. «Die Kantone, die vom Zen­trum profitieren, halten sich zwar an die Spielregeln», sagt Wasserfallen, «doch die Spiesse sind ungleich lang.»

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Der Steuerwettbewerb produzierte erhebliche Unterschiede, insbesondere bei der Belastung hoher Einkommen. So lieferte ein verheirateter, kinderloser Steuerzahler im Kanton Zug mit 300'000 Franken Bruttoeinkommen 2012 rund 9 Prozent seines Einkommens für Kantons-, Gemeinde- und Kirchensteuern ab. Ein vergleichbarer Steuerpflichtiger im Kanton Basel-Stadt dagegen das Doppelte.

Mit einem beliebten Mythos hat Wasserfallen aufgeräumt: dass generell die Steuern für die Reichen gesenkt worden seien. Denn beim Steuerwettbewerb spielt nicht nur die Belastung der vermögenden natürlichen Personen eine Rolle, sondern auch jene der Firmen. Etliche und vor allem kleinere Kantone haben denn auch in den letzten Jahren die Unternehmenssteuern massiv gesenkt, um kapitalkräftige Firmen anzuziehen. Paradoxerweise wurden aber gerade in solchen Kantonen die Steuern für Reiche erhöht. Dennoch werden diese im Vergleich zu Konkurrenzkantonen immer noch tiefer besteuert – so konnten es die Finanzdirektoren wagen, auch diese guten Kunden vermehrt zu schröpfen.

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