«Habe ich das Geld verschwendet?», fragte sich Marianne Rosentaler (Name geändert) aus St. Gallen immer wieder, als sie ihren Bankkontostand konsultierte. Nein, auf zu grossem Fuss lebte sie nie. Aber die heute 90-Jährige hatte für die Verwaltung ihrer Liegenschaften eine Form gewählt, die sie sehr viel Geld kostete.

Administriert wurden die vier Liegenschaften seit Beginn der achtziger Jahre von der National Treuhand in St. Gallen. Nachdem der langjährige Betreuer in den Ruhestand getreten war, übernahm eine junge Buchhalterin das Mandat und holte bei der hochbetagten Frau eine Bankvollmacht über alle Konten ein.

Schock über die Abrechnungen
«Dann brach der Kontakt ab», so Tochter Esther Schumacher, die sich stärker um die Liegenschaften zu kümmern begann und nach einem Blick in die Jahresrechnung «massive Verluste» ortete. Die Besitzerfamilie empfand das Geschäftsgebaren der National Treuhand, mittlerweile eine Tochterfirma des global tätigen Treuhandkonzerns PricewaterhouseCoopers, als «kalte Enteignung» und «Selbstbedienung am Vermögen». Die Geschäftsbeziehungen wurden auf Ende März 2002 gekündigt und die Kontovollmacht entzogen.

Als die Familie wieder die Verfügungsgewalt über die Bankkonten hatte, kam laut Esther Schumacher «ein Bündel Rechnungen» ins Haus, die sonst bei der National Treuhand gleich «in den Akten verschwanden, ohne dass wir sie je sahen».

Esther Schumacher war schockiert über die Abrechnungen. Gravierendstes Beispiel ist eine Renovation von zwei Wohnungen, für die in den Jahren 2000 und 2001 Baukosten von rund 170'000 Franken anfielen. Obwohl die Arbeiten von einem Architekten geleitet wurden, der 24'000 Franken Entschädigung bezog, überwies sich die National Treuhand ein «Honorar Bauarbeiten» von saftigen 47'000 Franken vom Konto der Besitzerin. Das war aber nicht alles: Ende März 2001 stellte PricewaterhouseCoopers Rechnung für «unsere Arbeiten» im Januar über 1450 Franken. Nähere Abklärungen ergaben, dass dies der Preis für magere sieben Überweisungen war.

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Von Transparenz keine Spur
Für das jährliche Steuermandat kassierte PricewaterhouseCoopers nach Angaben von Esther Schumacher rund 20'000 Franken. Konkurrenzofferten bei lokalen Treuhandbüros ergaben Preise von gerade mal 1800 Franken. Eines von ihnen war die Gerku-Treuhand in Speicher bei St. Gallen. «Ich war entsetzt, als ich die früheren Abrechnungen sah», sagt Inhaberin Margrit Nüesch. «Das ist ganz verrückt, wie die rechneten.» Sie selbst wende einen Stundenansatz von 90 Franken an – wenig mehr als die Hälfte dessen, was bei PricewaterhouseCoopers üblich ist.

Esther Schumacher bemängelt weiter, dass von Transparenz keine Spur war. Die einzelnen Dienstleistungen seien in den Rechnungen nicht nachvollziehbar ausgewiesen worden. So habe ein Mieter ein ganzes Jahr lang keinen Zins bezahlt, und die Verwalterin habe unattraktive langfristige Mietverträge abgeschlossen. Über die Jahre sei der Besitzerfamilie der Liegenschaften ein Schaden von über 200'000 Franken entstanden.

Der Beobachter wollte von der National Treuhand und von PricewaterhouseCoopers Auskünfte zu den Vorwürfen – unter anderem darüber, welche Leistungen die Liegenschaftsverwaltung für das horrende «Bauhonorar» erbracht habe. Aber eine an Direktor Peter Schmid gerichtete Mail wurde pauschal vom Zürcher PricewaterhouseCoopers-Sprecher Alexander Fleischer beantwortet – ohne auf die Fragen einzugehen.

Auf Anzeige der betroffenen Familie gegen die National Treuhand und gegen PricewaterhouseCoopers habe die Standeskommission der Schweizerischen Treuhandkammer letzten September festgestellt, dass die Standesregeln «nicht verletzt» worden seien, so Fleischer. Überdies sei es zu einem Vergleich gekommen, womit der Fall für die National Treuhand «abgeschlossen» sei.

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Schumachers verzichteten auf einen langwierigen und teuren Zivilprozess: «Wir wollen uns des Lebens noch etwas erfreuen.»

Ganz schuldlos am Kundendebakel fühlte sich die PricewaterhouseCoopers-Tochter aber offensichtlich nicht: Sie kam der Familie im Rahmen des Vergleichs um 30'000 Franken entgegen.