Als Jeannette Müller (Name geändert) aus der Narkose erwacht, schöpft sie noch keinen Verdacht. Sie wundert sich zwar über die tiefe Wunde gleich neben ihrer Brust, doch denkt sie zuerst, das sei nichts Aussergewöhnliches. Doch die fünflibergrosse Wunde blieb und schmerzte. Es sollte neun Monate dauern, bis die Schmerzen nachliessen. Ein Mitglied des Operationsteams hatte vergessen, ein Gerät zum Veröden von Blutgefässen auszuschalten. Es brannte der 34-jährigen Krebspatientin ein tiefes Mal in ihren Körper.

Ein klarer Kunstfehler, müsste man meinen, und für solche Fälle sind Ärzte und Spitäler ja versichert. Doch die Haftpflichtversicherung des Arztes weigert sich bis heute, die geforderten 3000 Franken zu zahlen. Verletzungen mit einem solchen Gerät gehörten zu den bekannten Operationsrisiken, schrieb sie der Krebskranken. Der Arzt habe seine Sorgfaltspflicht nicht verletzt. Für Yvonne Blöchliger, Co-Leiterin der Patientenstelle Aargau/Solothurn, zwar unverständlich, aber nicht überraschend: «Die Haftpflichtversicherungen versuchen sich heute selbst bei medizinisch klaren Fällen um Zahlungen zu drücken.»

Der Bürger zahlt doppelt
Das musste auch Elisabeth Suter (Name geändert) erfahren. Sie liess sich in einem Zürcher Spital ein künstliches Kniegelenk einsetzen. «Während andere in der Rehabilitation nach der gleichen Operation wieder lachen konnten, hatte ich ständig Schmerzen», sagt die 62-Jährige. Schliesslich suchte sie einen renommierten Spezialisten auf. Dieser fand rasch heraus, dass ihr ein zu grosses künstliches Kniegelenk eingesetzt worden war. Doch auch hier klemmt die Versicherung. Begründung: Nicht das falsche Gelenk, sondern die lange Leidensgeschichte habe «mit überwiegender Wahrscheinlichkeit» zu den Schmerzen geführt.

Eigentlich gäbe es für die Versicherungen gar keinen Grund, so knausrig zu sein. Denn in den letzten Jahren haben sie ihre Prämien für Mediziner und Spitäler massiv erhöht, nicht selten verdoppelt. So gibt beispielsweise der Kanton Zürich für die Haftpflichtversicherung seiner Spitäler pro Jahr umgerechnet rund 7,8 Millionen Franken aus. Bis 1997 war es mit 3,4 Millionen nicht einmal die Hälfte.

Erstaunlich konstant hingegen blieben seit 1990 die Zahlungen der Versicherungen für Schäden bei durchschnittlich rund fünf Millionen Franken pro Jahr. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in anderen Kantonen: Die Prämien stiegen weit stärker an als die Schadenszahlungen. «Es ist überhaupt nicht transparent, was die Versicherungen mit den zu viel kassierten Prämien anstellen», kritisiert Margrit Kessler, Präsidentin der Stiftung Patientenschutz (SPO). Es geht um viel Geld: Alle öffentlichen Spitäler zusammen zahlen jährlich 50 bis 100 Millionen Franken an private Haftpflichtversicherer, vor allem an die Zürich und die Axa Winterthur.

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Patienten müssen Leistungen vermehrt auf dem Rechtsweg erstreiten, und das ist teuer. Wer lediglich ein paar tausend Franken als Wiedergutmachung fordert, ist der Versicherung ausgeliefert. Denn nur schon die Kosten für Gutachten und Anwalt sind meist schon höher als das verlangte Schmerzensgeld: «Bei tiefen Forderungen lohnt es sich praktisch nie, ein solches Risiko einzugehen. Das wissen die Versicherungen sehr genau und nutzen das inzwischen schamlos aus», kritisiert Yvonne Blöchliger von der Patientenstelle.

Noch riskanter wird es bei gravierenden Folgeschäden. Allein die Vorschusskosten betragen rasch mehrere zehntausend Franken. Im schlimmsten Fall ist das Geld weg. Wer deshalb auf den Rechtsweg verzichtet, bei dem müssen letztlich die Invalidenversicherung oder andere Sozialwerke einspringen. «Unter dem Strich bezahlen wir alle doppelt: zuerst für die Haftpflichtversicherer der öffentlichen Spitäler, dann für die IV und die Sozialhilfe», so Kessler.

Staatliche Lösung gefordert
Auch Guido Schüpfer, Co-Chefarzt des Kantonsspitals Luzern, beobachtet eine «zunehmende Verwilderung» bei allen Beteiligten: Versicherungen scheuten zunehmend keinen Aufwand, um auch noch so kleine Forderungen abzuwehren. Krankenkassen beschäftigten ganze Stäbe, um angebliche Behandlungsfehler geltend zu machen, nur damit sie dann ihre Kosten auf die Versicherung abwälzen könnten. «Das alles treibt Versicherungsprämien wie eine Spirale in die Höhe. Dafür müssen am Ende aber wiederum die Patienten als Prämien- oder Steuerzahler aufkommen.»

Der Schweizerische Versicherungsverband weist die Kritik der Patientenorganisationen zurück. Sie sei zu pauschal und nicht belegt: Aus Einzelfällen könne nicht eine generell restriktivere Schadenspraxis abgeleitet werden, schreibt der Verband in einer Stellungnahme. In den letzten Jahren hätten vermehrt Patienten Ansprüche geltend gemacht, was den Verwaltungsaufwand habe ansteigen lassen.

Die Patientenorganisationen aber wollen den politischen Druck verstärken. Patientenschützerin Kessler verlangt jetzt den Ausstieg aus der privaten Versicherungslösung für Spitäler. «Es wäre für uns alle billiger und für die Patienten gerechter, wenn der Staat selber die Haftpflichtleistungen über einen Fonds erbringen würde.» Die Idee: Der Staat soll, statt Millionen für Prämien auszugeben, einen Fonds äufnen. Aus diesem Fonds könnte dann für Behandlungsfehler bezahlt werden. Damit wollen die Patientenorganisationen verhindern, dass Opfer von Ärztefehlern auch noch zermürbende Auseinandersetzungen mit Versicherungen führen müssen.

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