Dass sein ehemaliger Arbeitgeber ihm Geld schuldet, erfuhr Erich Huber zufällig – dank einem Brief der Basler Versicherung. Die «Genussberechtigung» an seiner Krankentaggeldversicherung sei erschöpft, teilte der Versicherer dem stark Sehbehinderten in einer Orientierungskopie mit: Während 720 Tagen seien Krankentaggelder für ihn ausbezahlt worden. Doch Huber, der seinen Job beim Schweizerischen Blindenbund Ende 1999 aus gesundheitlichen Gründen hatte aufgeben müssen, wurde von seinem Arbeitgeber nie über den Geldsegen informiert.

Ein Anruf bei der Versicherung brachte Gewissheit: Der Blindenbund hatte für seinen ehemaligen Liegenschaftsverwalter Krankentaggelder in der Höhe von CHF 72'288.10 kassiert – ohne das Geld weiterzuleiten.

Huber leidet an Retinopathia pigmentosa, einer nicht therapierbaren Netzhauterkrankung, die zur vollständigen Erblindung führt. Im November 1999 attestierte ihm der Augenarzt eine Sehschärfe von unter drei Prozent und damit eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. Per Ende Jahr gab der 52-Jährige deshalb seine Stelle auf. Dass der Blindenbund ihn bei der Basler Versicherung krankgemeldet hatte, erfuhr Huber nicht.

Seit dem Schreiben der Versicherung versucht Huber vergeblich, an das Geld zu kommen. «Es steht mir, der Basler Versicherung oder allenfalls meiner Pensionskasse zu, aber sicher nicht dem Blindenbund», sagt Huber. «Ich will einfach, dass das Geld dem rechtmässigen Besitzer zurückerstattet wird.» Auch für die Basler Versicherung ist der Fall klar: «Die gesamte Summe steht ausschliesslich Herrn Huber zu», sagt der zuständige Teamleiter Peter Gämperli.

Die Rechtslage ist eindeutig


Beim Blindenbund sieht man das anders. Geschäftsführer Claudio Del Degan beruft sich auf die IV-Rente und Beiträge der Pensionskasse, die Huber während seiner letzten neun Monate beim Blindenbund neben dem Lohn ausbezahlt wurden, da sich seine Krankheit verschlimmert hatte. «Damit erhielt er zu viel», sagt Del Degan. Er sei aber bereit, Huber «auf Franken und Rappen auszuzahlen, was ihm nach Meinung des Blindenbunds zusteht».

Diese Meinung deckt sich jedoch nicht mit der Rechtslage: Huber arbeitete vertragsgemäss und hatte daher Anspruch auf Lohn – egal, ob er zusätzlich eine Rente oder Leistungen der Pensionskasse bezog. Das Verhalten gegenüber der Basler Versicherung deutet darauf hin, dass die Selbsthilfeorganisation primär sich selber helfen wollte: Obschon bereits Mitte November 1999 klar war, dass Erich Huber nicht weiter für den Blindenbund arbeiten konnte, meldete Del Degan noch Ende Dezember der Basler Versicherung, dass das Arbeitsverhältnis «ungekündigt» sei. Damit erreichte er, dass die Taggelder an den Blindenbund und nicht an Erich Huber direkt ausbezahlt wurden.

Die Basler Versicherung bietet sich nun an, Erich Huber «im schlimmsten Fall und zur Vermeidung einer Notlage einen angemessenen Betrag auszurichten und das Geld dann beim Blindenbund zurückzufordern», wie Teamleiter Peter Gämperli erklärt. Noch hat aber Blindenbund-Geschäftsführer Del Degan Zeit, sein Versprechen wahr zu machen und seinem ehemaligen Angestellten den ihm zustehenden Betrag «auf Franken und Rappen auszuzahlen» – und zwar zuzüglich Zinsen.