Othmar Bachmann, 61, sitzt niedergeschlagen in seinem Wohnzimmer. Der ehemalige Fahrlehrer aus Emmenbrücke blättert in seinem Fotobuch, in dem der Unglücksflug vom 12. Januar 1992 dokumentiert ist.

Die Bilder zeigen den schlanken, sportlichen Piloten mit seinen vier Gästen beim Einsteigen in die Piper Saratoga auf dem Flughafen Basel-Mülhausen. «Ich bin nicht mehr der Gleiche wie damals. Meine Gesundheit ist dahin. Wegen des Kortisons habe ich 30 Kilo zugelegt», sagt er.

Seinen Hang zur Genauigkeit hat der Inhaber des Berufspiloten- und des Akrobatikbrevets bewahrt. Alle Akten über den Unfall und die Versicherungsfrage hat er exakt klassiert. Ebenso pedantisch führte er vor zehn Jahren die Vorbereitungen vor dem Unglücksflug durch. Auch während des Flugs hielt er sich genau an alle Vorschriften, was ihm nachher zum Vorteil gereichte: Das nach dem Unfall eingeleitete Strafverfahren gegen ihn wurde eingestellt. «In der Tat hat Bachmann alle von einem vorsichtigen Piloten erforderten Massnahmen in jedem Stadium vorgenommen», ist der Einstellungsverfügung zu entnehmen.

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Der Bericht hält allerdings auch fest, dass die Piper fluguntauglich war, «ohne dass man den Fehler dem Piloten aufbürden könnte». Offensichtlich hatte der Eigentümer das Flugzeug nicht ordnungsgemäss gewartet.

Der Alpenflug führte von Basel nach Sitten und wieder zurück nach Basel, wo aber der dichte Nebel eine Landung verunmöglichte. Andere Flugplätze in der Nähe gaben keine Landeerlaubnis, und so ging es zurück nach Sitten. Über Crans-Montana versagte schliesslich der Motor den Dienst. Der Sprit war aufgebraucht, obwohl die Benzinuhr noch einen genügenden Vorrat anzeigte – eine Folge der mangelhaften Wartung.

«Bei allen von uns lagen die Nerven blank. Kein Wort wurde gewechselt, man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen gehört», erzählt Bachmann. Er pilotierte die Maschine im Gleitflug Richtung Sitten. Sie verlor rasch an Höhe – das Flugfeld lag nicht mehr in Reichweite. Bachmann suchte nach einer Strasse für die Landung. Doch da tauchte die Sittener Mühle als Hindernis auf; die Maschine schlug auf dem Dach auf.

Wie durch ein Wunder erlitten die vier Passagiere nur leichte Verletzungen. Othmar Bachmann hingegen entging nur knapp dem Tod. Kopfverletzungen, drei gebrochene Wirbel, ein Schlüsselbeinbruch und innere Verletzungen machten bei ihm insgesamt 17 Operationen notwendig. «Das bedeutete auch 17 Narkosen, die noch lange nachwirkten», sagt der Unglückspilot. Einige Monate musste er zur Rehabilitation im Paraplegikerzentrum Nottwil verbringen.

Trotz den Schmerzen und den vielen Spitalaufenthalten unterliess er es nicht, den Absturz der Kranken- und Unfallversicherung der CSS zu melden. Bachmann: «Die CSS war somit über meinen Unfall voll informiert. Sie zahlte die Arztkosten und Spitalkosten auch anstandslos.»

Den Schaden zweimal melden
Bei der CSS hatte er auch eine Versicherung abgeschlossen, die im Fall von Tod oder Invalidität 225'000 Franken auszahlen sollte. Bachmann hatte die Prämien seit 1965 immer pünktlich bezahlt. Deshalb glaubte er, auf diese Zahlung zählen zu können.

Doch die CSS-Versicherung für Tod und Invalidität reagierte nicht. Das musste sie auch nicht – denn der Versicherte ist gehalten, bei jeder Versicherungssparte eine separate schriftliche Meldung einzureichen. Unterlässt er das, hat die zuständige Abteilung keine Kenntnis vom Schadensfall. Bachmann erinnert sich zwar, dass er die CSS 1993 auf seine Versicherung für Invalidität angesprochen habe. Man habe ihn damals aber auf später vertröstet. Der Fall sei ja noch nicht abgeschlossen. Doch dies war eben keine offizielle, schriftliche Mitteilung.

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Othmar Bachmann findet das nicht korrekt. «Wenn meine Schadensmeldung nicht ausreichte, hätte es doch an der Versicherung gelegen, mich aufzufordern, auch der Abteilung für Tod und Invalidität eine Meldung zu erstatten.»

Immer wieder hingehalten
Bachmann wartete. Er dachte, sein Treuhänder, dem er die Administration übergeben hatte, würde die Sache erledigen. Dass Versicherungen oft nicht sofort zahlten, war ihm bekannt. Erst nachdem der Treuhänder 1999 das Mandat niedergelegt hatte, rief Bachmann die Versicherung selbst einige Male an. Sein Kommentar: «Einmal hiess es, man müsse den Schlussbericht über den Unfall abwarten. Dann machten sie das hängige Gerichtsverfahren für die Verzögerung verantwortlich.»

Nach der Jahrtausendwende platzte Bachmann der Kragen. Er beauftragte einen Anwalt, bei der Versicherung Druck zu machen. Nach weiterer Verzögerung folgte der Hammer: Die 225'000 Franken könnten nicht ausbezahlt werden. Die Verjährung sei bereits 1995 eingetreten.

Für Bachmann brach die Welt zusammen. Er hatte kurz zuvor geheiratet und hätte jetzt das Geld gut gebrauchen können. Seine Enttäuschung wurde noch grösser, als ihm sein Anwalt erklärte, die CSS sei im Recht, weitere juristische Schritte gegen sie seien zwecklos.

Tatsächlich hält das 94-jährige Bundesgesetz über den Versicherungsvertrag in Artikel 46, Absatz 1, Folgendes fest: «Die Forderungen aus dem Versicherungsvertrage verjähren in zwei Jahren nach Eintritt der Tatsache, welche die Leistungspflicht begründet.»

1993 hatte sich Othmar Bachmann zum Bezug von IV-Leistungen angemeldet. Zu diesem Zeitpunkt stand seine Invalidität fest. Damit hatte aber auch die zweijährige Verjährungsfrist zu laufen begonnen. Bachmann hätte von der CSS einen «Verjährungsverzicht» verlangen müssen.

Kann ein Normalsterblicher das alles wissen? «Nein», sagt Pia Estermann, juristische Mitarbeiterin der CSS; die meisten Versicherten hätten davon keine Kenntnis. «Sogar einzelne Anwälte haben Schwierigkeiten bei solchen Fragen.» Ziehe sich der Versicherungsfall in die Länge, müsse der Verjährungsverzicht zudem immer wieder neu verlangt werden. Für Bachmanns Frust hat sie volles Verständnis, jedoch: «Die Auslegung des Gesetzestextes lässt keine andere Lösung zu.»

Immerhin sprechen Versicherungen ja sehr gern von ihrer Kulanz den Kunden gegenüber. Hat dies im Fall Bachmann keine Gültigkeit? Pia Estermann: «Bei Unklarheiten im Verhalten der CSS sind wir noch so gern bereit, der Kulanz den Vorzug zu geben. Aber hier besteht nicht die geringste Unklarheit.» Denn würde man auch bei solch eindeutigen Fällen zahlen, wäre die Gleichstellung unter den Versicherten nicht mehr gewährleistet. Die Versicherung würde zudem gegen das Gesetz verstossen.

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«Das muss endlich bekannt gemacht werden», grollt Bachmann. «Denn ich bin bestimmt nicht der Einzige, der um eine Versicherungssumme betrogen wurde.»

Nur ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibt ihm: Wenn der Treuhänder die Versicherungsfrage wirklich verschlampte, dann muss dessen Haftpflichtversicherung dafür aufkommen.