Carla Klausen (Name geändert) steht am 1. September 1994 mit ihrem Auto vor einer Ampel in Schlieren ZH und wartet auf Grün. Ihre Zukunft scheint rosig: Die ambitionierte 22-jährige KV-Angestellte ist auf dem besten Weg zum Abschluss als eidgenössisch diplomierte Wirtschaftsprüferin. Sie arbeitet bei einer Bankrevisionsfirma und bildet sich berufsbegleitend weiter.

Den weissen Lieferwagen, der hinter ihr auftaucht, sieht sie nur kurz. Dann kracht er in ihren kleinen Honda. Totalschaden. Der Fahrer, ein Monteur, hat nicht aufgepasst. Seither ist in Klausens Leben alles anders. Zwar versucht sie mehrmals, im Berufsleben wieder Fuss zu fassen, doch die Folgen des Unfalls machen es unmöglich: Sie hat täglich Schmerzen, Schwindelanfälle, Lähmungserscheinungen, und sie hat Mühe, sich lange zu konzentrieren. Diagnose: Schleudertrauma.

Zwölf Jahre später: Carla Klausen lebt am Existenzminimum. Sie bezieht eine kleine IV-Rente und verdient wenig als selbstständige Treuhänderin hinzu. Die «Winterthur», die Haftpflichtversicherung des fehlbaren Automobilisten, leistet anfangs kleinere Beiträge für Klausens Einkommenseinbusse, stellt danach aber sämtliche Zahlungen ein. Die einstige aufstrebende Bankrevisorin ist mittlerweile 34 Jahre alt und hat stark eingeschränkte berufliche Perspektiven.

Zwölf Jahre praktisch ohne Leistung der Haftpflichtversicherung bei klarem Verschulden des andern Automobilisten? «Das ist krass, aber heute kein Einzelfall», sagt der Zuger Anwalt David Husmann, der auf Haftpflichtrecht spezialisiert ist. Immer seltener seien die Versicherungen vergleichsbereit, immer häufiger müsse man Schadenersatz vor Gericht erstreiten - vor allem bei hohen Summen. «Die meisten versuchen Betroffene auszuhungern - sie verzögern einen Schadensabschluss so lange, bis die Geschädigten entnervt aufgeben. Diese Tendenz ist bei allen Versicherungen vorhanden, bei der Autohaftpflicht aber wohl am stärksten.»

Eine Umfrage, die der Beobachter bei 39 spezialisierten Geschädigtenanwälten durchgeführt hat, bestätigt dies. Auf einer Skala von 1 (sehr schlecht) bis 6 (sehr gut) bewerteten die Rechtsvertreter das Verhalten der zehn grössten Motorfahrzeughaftpflichtversicherungen (siehe nachfolgende Box «Erschreckende Bilanz»). Sie benoteten die Wartezeit auf Antworten, fachliche Kompetenz, Fairness, Freundlichkeit und Kulanz. Das Resultat ist ernüchternd: Die Spezialisten erachten einzig die Basler-Versicherung als genügend. Die Axa auf dem letzten Rang erreicht nur gerade die Note 2,2. Die Branchenleader «Winterthur» und «Zürich» liegen in der hinteren Hälfte. Grund zur Knausrigkeit hätten sie nicht: Für 2005 wies die «Winterthur» 1,1 Milliarden Franken Reingewinn aus, die «Zürich» gar vier Milliarden.

Die benoteten Assekuranzen weisen die in der Umfrage geäusserte Kritik unisono zurück. «Es liegt in der Natur der Sache, dass Geschädigtenanwälte die Versicherungen eher kritisch sehen», erklärt etwa die «Zürich» das schlechte Resultat.

Die faulen Tricks der Versicherungen

Gemäss den Erfahrungen der Anwälte wenden die Versicherer verschiedene Verschleppungstaktiken an.

  • Taktik 1: Auf Briefe der Geschädigten und ihrer Anwälte wird monatelang nicht geantwortet, obwohl das Strassenverkehrsgesetz verlangt, dass die Versicherer auf Schadenseingaben innerhalb von drei Monaten reagieren müssen.
  • Taktik 2: Immer wieder ist ein neuer Schadeninspektor für den Fall zuständig, der sich erst einarbeiten müsse und deshalb keine Antwort geben könne.
  • Taktik 3: Ist endlich ein Gespräch mit dem Schadeninspektor in Gang gekommen, hat dieser nicht die Kompetenz, einen Vergleich in der geforderten Höhe abzuschliessen. Zurück zu Taktik 1.
  • Taktik 4: Anwälte und Schadeninspektoren der Versicherungen ignorieren bewusst die geltende Rechtspraxis des Eidgenössischen Versicherungsgerichts. Damit zwingen sie die Geschädigten zum Gang vor den Kadi.
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Carla Klausen erfährt dieses Kalkül am eigenen Leib. Kurz nach dem Unfall versucht die «Winterthur», ihren Fall mit 5000 Franken Schadenersatz per saldo aller Ansprüche definitiv zu erledigen, obwohl Klausen noch Beschwerden hat, nicht voll arbeiten kann und stellenlos ist. Weil die Schlussabrechnung der «Winterthur» Fehler hat, wird sie misstrauisch und geht nicht darauf ein. Sie wechselt den Anwalt. Ein medizinisches Gutachten wird erstellt. Die Versicherung ist einverstanden - auch mit der Wahl des Arztes. Dieser erklärt Klausen als Wirtschaftsprüferin für zu 60 Prozent arbeitsunfähig und führt dies zu 80 Prozent auf den Unfall zurück. Gestützt darauf errechnet Klausens Anwalt Schadenersatz- und Genugtuungsansprüche von mehr als zwei Millionen Franken.

Jetzt will die «Winterthur» vom Gutachten nichts mehr wissen und schweigt. Auf Anfragen des Anwalts teilt sie bloss mit, dass neue Schadeninspektoren zuständig seien, dass Zusagen früherer Mitarbeiter nicht mehr gälten, dass die Nachfolger sich einarbeiten müssten.

Und immer wieder herrscht monatelanges Schweigen. Schliesslich meint die «Winterthur», sie wolle abwarten, ob die Unfallversicherung etwas leisten müsse. Erst dann sei auch sie als Haftpflichtversicherung zu Zahlungen bereit.

Als das Zürcher Sozialversicherungsgericht die Leistungspflicht der Unfallversicherung bejaht, zahlt die «Winterthur» weiterhin nicht - auf einen entsprechenden Brief des Anwalts reagiert sie nicht einmal. Klausen muss nun Klage einreichen. Das mühevolle Verfahren geht weiter - zwölf Jahre nach dem Unfall.

Die Winterthur-Versicherung weist den Vorwurf zurück, das Verfahren systematisch zu verschleppen. «Vielmehr war es der Anwalt der Geschädigten, der uns nur sehr spärlich informiert und dokumentiert hat.» Auch habe man keine Zusagen gemacht und nur die Person des Gutachters, nicht aber den Inhalt der Expertise gebilligt. Zuerst müsse das Eidgenössische Versicherungsgericht den Fall entscheiden, dann sei man «selbstverständlich bereit, diese Angelegenheit einem Abschluss zuzuführen». Für Carla Klausen bedeutet das weiteres jahrelanges Warten.

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Die Versicherungen sitzen es aus
Die Zermürbungstaktik der Versicherungen hat nicht selten Erfolg. So zum Beispiel bei Mery Lopez. Die 33-jährige Frau ist seit fünf Jahren querschnittgelähmt, nachdem ihr Auto in korrektem Tempo von der vereisten Strasse abgekommen ist. Die «Zürich» als Haftpflichtversicherung will zuerst nur 330'000 Franken Schadenersatz zahlen. Lopez zieht sie vor das Handelsgericht. In der ersten Sitzung veranschlagt der Fachrichter den geschuldeten Schadenersatz auf 2,7 Millionen Franken. Die Versicherung ist aber bloss bereit, 1,7 Millionen zu zahlen.

Obwohl sogar die Richter empfehlen, dieses zu tiefe Angebot abzulehnen, akzeptiert Lopez die Summe. Der Grund: Allein das Verfahren vor Handelsgericht würde noch rund vier Jahre dauern. «Ich war mit den Nerven und den Finanzen am Ende, deshalb stimmte ich zu», sagt die Frau, die nach ihrem Unfall zuerst verarbeiten musste, dass sie nie mehr wird gehen können, in eine billigere Wohnung ziehen musste, sich mit ihrem Mann im Laufe der belastenden Zeit zerstritt und viele Freunde verlor. Die Verbitterung über die Versicherung ist gross. «Mit dem Unfall wurde die «Zürich» plötzlich zum Gegner.» Die Versicherung habe alles über sie gewusst: den Gesundheitszustand aufgrund der Arztberichte, das geringe Einkommen ihres Mannes aufgrund der Schadenseingaben. «Dieses Wissen um meine Nöte hat die «Zürich» ausgenutzt. Sie hat mir schlicht eine Million Franken gestohlen.»

Das Prozessrecht hilft den Grossen
Die Versicherung ist hingegen überzeugt, mit Mery Lopez «einen fairen, korrekten und angemessenen Vergleich im Sinne der Betroffenen» geschlossen zu haben. Die Richter in einer nächsthöheren Instanz würden es sicher auch so sehen, meint die «Zürich».

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Ein Grund für die langen Verfahren, die Geschädigte an den Rand der Verzweiflung bringen, ist auch das Prozessrecht: «Viele kantonale Prozessordnungen ermöglichen ein Verschleppen der Verfahren. Das wird von den Versicherungen voll ausgenutzt», kritisiert der Zürcher Geschädigtenanwalt Atilay Ileri. Es brauche eine neue Zivilprozessordnung, die eine schnelle Erledigung solcher Prozesse ermögliche, spätestens innerhalb von zwei Jahren. «In Deutschland ist dies möglich. Wieso nicht auch bei uns?», fragt der Experte.

In der Schweiz dauern Schadenersatzverfahren oft zehn, manchmal gar 20 Jahre. Um zu ihrem Geld zu kommen, brauchen Geschädigte da zumindest eine Rechtsschutzversicherung. Nur so haben sie die Mittel, um Anwälte, Gutachten und Kostenvorschüsse zu bezahlen.

Das muss auch Willi Herrmann erleben, der als Witwer seiner bei einem Verkehrsunfall getöteten Frau seit fast drei Jahren mit der Winterthur-Versicherung um Schadenersatz kämpft. «Die Versicherungen sollten gesetzlich verpflichtet werden, die auflaufenden Kosten der Geschädigten bis zum Abschluss des Schadensfalls zu übernehmen», fordert Herrmann. Zudem schlägt er vor, dass die Automobilisten obligatorisch neben einer Haftpflichtversicherung auch eine Rechtsschutzversicherung für allfällige Geschädigte abschliessen müssten.

Die Versicherungen verwahren sich gegen den Vorwurf, sie würden Verfahren verschleppen und die Geschädigten zermürben. Die Fälle würden alle schnell erledigt. Nur die in der Beobachter-Umfrage letztplatzierte Axa gibt zu: «Es ist effektiv festzustellen, dass sich die Fristen zur Erledigung der Schadensfälle seit einigen Jahren verlängern; dies infolge stets zunehmender Verhandlungsschwierigkeiten mit Rechtsanwälten.»

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Versicherungen haben sich verschätzt
Experten nennen andere Gründe. «Die Versicherungen haben schlicht unterschätzt, wie sich die Personenschäden bei Unfällen im Strassenverkehr entwickeln», sagt etwa Stefan Thurnherr, der Geschäftsleiter des Versicherungsbereichs beim VZ Vermögenszentrum. Zum einen gebe es im Strassenverkehr wegen des technischen Fortschritts zwar weniger Tote, aber mehr Verletzte. «Das löst höhere Schadenersatzzahlungen aus.» Zum andern würden die Gerichte bei Schleudertraumafällen eine Haftpflicht bejahen, die weiter gehe, als dies die Versicherungen erwartet hätten.

Müssen nun die Geschädigten Fehlberechnungen der Versicherungen ausbaden? Nein, sagen diese. Sie hätten die Risiken richtig berechnet. Die Kunden seien im Übrigen gemäss Umfragen mit ihren Leistungen sehr zufrieden.

«Zufrieden sind wohl all jene, die einen Blechschaden schnell vergütet erhalten», meint dazu Haftpflichtanwalt Husmann. Bei Personenschäden sehe es dann aber ganz anders aus. Und da sei der Schadenersatz für die Opfer viel wichtiger: «Da gehts häufig um die Existenz.»<

Erschreckende Bilanz

Von den zehn beurteilten Versicherungen erhielt nur eine einzige die Note «genügend».

Die Umfrage: 39 erfahrene Geschädigtenanwältinnen und -anwälte haben im Auftrag des Beobachters zehn Motorfahrzeughaftpflichtversicherungen auf einer Skala von 1 bis 6 benotet. In acht Teilfragen beurteilten sie Wartezeit und Erledigungskompetenz, Fairness gegenüber den Geschädigten, den Einsatz von Detektiven, Freundlichkeit, die Qualität des Case-Managements, fachliche Kompetenz, Vergleichsbereitschaft und die allgemeine Kulanz. Note 1 heisst «sehr schlecht», 6 «sehr gut».

Die Resultate: Auffällig ist, dass nur gerade eine Motorfahrzeughaftpflichtversicherung von den Anwälten als genügend eingestuft wird. Zudem gehören ausgerechnet die teuersten Anbieter in der Leistung zu den schlechtesten.

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