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LungenpatientAllein gegen die Suva

Seine Lunge sei durch Rauchen geschädigt worden und nicht durch Uranstaub bei der Arbeit, behauptet die Suva. Vor Gericht bekam Max Koller aber Recht.

Max Koller hängt 24 Stunden täglich am Sauerstoffapparat. «Ich bin ans Haus gebunden», sagt der 74-jährige Winterthurer. «Ich musste Kameradschaften aufgeben – aus dem einst fröhlichen ist ein enttäuschter, verbitterter Mensch geworden.» Die Lunge ist schwer geschädigt; Koller hat über ein Dutzend Lungenentzündungen und einen Herzinfarkt hinter sich.

Koller arbeitete in den fünfziger Jahren als Feinmechaniker bei Sulzer in Winterthur, wo er vier Jahre lang mit der Herstellung von Uranstäben für den Atomversuchsreaktor in Lucens beschäftigt war. Dabei sei Graphitstaub entstanden, sagt der Schwerkranke. Und es sei immer wieder vorgekommen, dass sich Uranspäne, die er von den Brennstäben abschleifen musste, entzündet hätten. Der beissende, scharfe Rauch schmerzte beim Einatmen. Es gab damals weder Sicherheitsvorschriften, noch wurden die beteiligten Arbeiter über die Gefährlichkeit des Uranstaubs informiert.

Der Arzt dachte nur ans Rauchen


Koller leidet bereits seit 15 Jahren an seiner schweren Lungenkrankheit. Den behandelnden Spezialisten machte er ab 1990 mehrfach «und mit immer grösserem Nachdruck» darauf aufmerksam, dass sein Leiden berufsbedingt sei und er deshalb einen Rentenantrag bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) stellen müsse.

Der Arzt sah dies anders. Trotz einem Zeugnis des Kantonsspitals Winterthur von 1989, das auf «Metallstaub-Exposition» hinwies, versteifte er sich auf die Diagnose, Kollers Lungenprobleme kämen vom Rauchen. Tatsächlich rauchte Koller 40 Jahre lang, aber nur wenige Zigaretten pro Tag.

Nach neun Jahren wechselte Koller den Hausarzt und engagierte einen Anwalt. Dieser meldete den Fall im Frühling 2000 der Suva, die um Geduld bat, weil «zeitaufwendige Erhebungen erforderlich» seien. Koller wurde stundenlang von einem Suva-Mitarbeiter befragt und zu einem externen Lungenspezialisten zur Abklärung geschickt. Dieser stellte Mitte 2001 eine «klassisch chronisch obstruktive Lungenkrankheit» fest, sah aber keinerlei Hinweise auf eine Hartmetallstaublunge. Deshalb entschied auch die Suva, dass die Lungenkrankheit auf «langjährigen Nikotinkonsum» zurückzuführen sei, und wies den Rentenantrag ab.

Koller gab nicht auf und reichte beim Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich Rekurs ein. Ein neues Gutachten von Otto Brändli, Chefarzt der Höhenklinik Wald, bescheinigte, dass Kollers Lungenkrankheit nicht allein mit dem Nikotinkonsum zu erklären sei und die «Inhalation von radioaktivem Staub» mitverantwortlich sei.

Doch Koller blitzte auch beim Sozialversicherungsgericht ab. Klare Hinweise auf eine Berufskrankheit seien nicht gegeben, entschieden die Richter. Sie schlossen aber nicht aus, dass die Erkrankung auch durch ionisierende Strahlen hervorgerufen worden sein könnte, und verlangten von der Suva, diesen Punkt näher abzuklären.

Die Suva muss über die Bücher


Koller wiederum beharrte auf seinem Standpunkt, dass die Lungenkrankheit auf Graphit- und Uranstaub zurückzuführen sei, und ging vors Eidgenössische Versicherungsgericht. Am 16. Oktober 2003 hiess dieses seine Beschwerde gut: Die Suva muss zusätzlich detaillierte Abklärungen über mögliche schädliche Auswirkungen von Graphitstaub treffen.

Das Urteil des Versicherungsgerichts sei wegweisend, meint Kollers Anwalt Ueli Kieser. «Man hat noch viel zu wenig untersucht, was passierte, wenn jemand während Jahren Graphit- und Uranstaub ausgesetzt war.» Auch der Lungenspezialist Brändli freut sich – nicht nur weil er Koller eine Rente «von Herzen gönnen» mag, sondern auch weil dieses Urteil die Ärzte sensibilisieren könne. «Die Suva ist mitverantwortlich, dass selbst Lungenärzte das Problem der Staublunge lange Zeit unterschätzt haben.»

Max Koller hat erst einen Etappensieg errungen. Sein jahrelanger Kampf gegen uneinsichtige Ärzte und Gerichtsinstanzen hat dazu geführt, dass sein Fall von der Suva neu aufgerollt werden muss. Bis zum Entscheid dürfte es allerdings mehrere Monate dauern. Kollers Chancen, eine Rente zu erhalten, beurteilt ein Suva-Sachbearbeiter mit etwa 50:50. Für Koller geht es um Versicherungsleistungen von rund 300'000 Franken.

Veröffentlicht am 18. Dezember 2003