Martin Studer ahnte nichts Gutes, als er an jenem Sonntagmorgen Fetzen von Isoliermaterial sowie kleine schwarze Gummistücke unter seinem Auto vorfand – für den mehrfach mardergeschädigten Autobesitzer untrügliche Zeichen. «Nicht schon wieder!», dachte er und öffnete verärgert die Motorhaube. Was dann geschah, sitzt ihm noch heute tief in den Knochen: Ein Marder starrte ihn aus dem Motorraum an.

Geistesgegenwärtig – oder vor lauter Schreck – knallte Studer die Haube zu, just als das Tier zur Flucht ansetzen wollte. Dabei klemmte er dem Marder die Hinterläufe und den langen Schwanz ein. «Er schrie entsetzlich; mir blieb nichts anderes übrig, als ihn totzuschlagen – um meine, vor allem aber seine Qualen zu beenden.» Ein Wildhüter identifizierte das «erlegte» Tier später als «prächtigen Rüden», der sich offensichtlich in der Isolation der Motorhaube einen Tagesschlafplatz eingerichtet hatte. Prächtig war auch die Rechnung des Garagisten: 650 Franken für diverse Beschädigungen.

Schweizer Marder als Pioniere
Dass Marder im Auto gleich einziehen, mag die Ausnahme sein – dass sie sich in Kabel, Isolationen und Gummimanschetten verbeissen, nicht. Im Gegenteil: Marderschäden an Autos haben in den letzten Jahren dramatisch zugenommen. Die Statistik der Winterthur-Versicherung spricht Bände: Wurden vor zehn Jahren 9000 Marderschäden gemeldet, warens 1998 bereits 31'500. Bei einer durchschnittlichen Schadenssumme von 250 Franken macht das eine Marderschadenbilanz von neun Millionen Franken pro Jahr. Hochgerechnet auf alle Schweizer Autoversicherer, ergibt das erschreckende Zahlen: 126'000 Fälle jährlich und eine Schadenssumme von 36 Millionen Franken. Hinzu kommen jene Marderschäden, die weder durch eine Zusatzversicherung noch über eine Teil- oder eine Vollkaskopolice gedeckt sind.

Begonnen hat das Phänomen der Automarder in der Schweiz, genauer im Raum Winterthur. Als 1979 in der lokalen Presse die ersten Zeitungsartikel zum Thema erschienen, glaubten viele an einen schlechten Witz. Schliesslich gelang einem Ostschweizer Jagdaufseher nach nächtelangem Observieren die Beweisführung: Ein Winterthurer Autonager wurde auf frischer Tat ertappt und niedergestreckt. Danach breitete sich das Phänomen gebietsweise über die Schweiz aus und schwappte schliesslich auf Deutschland und Österreich über. Es dauerte 15 Jahre, bis die Marder in ganz Europa zubissen.

«Marder sind Anpassungskünstler», so Urs Tester, Marderspezialist und Abteilungsleiter bei Pro Natura. «Seit sie unseren Siedlungsraum bevölkern, haben sie gelernt, vom Menschen zu profitieren und sich seine Häuser, Gärten und Abfälle zunutze zu machen.» Irgendwann hätten einige der ansonsten sehr vorsichtigen Tiere die Scheu vor den abgestellten Autos verloren und entdeckt, dass der Motor einen sicheren, trockenen und oft auch warmen Unterschlupf bietet. Jungtiere kopierten das Verhalten ihrer Mütter, gaben es weiter und trugen es auf ihrer Reviersuche allmählich über die Schweizer Grenze hinaus.

Heute weiss man, dass Marder die Gummiteile nicht fressen. Ihr Tatmotiv ist auch nicht blinde Zerstörungswut, sondern dient lediglich der Befriedigung ihres starken oralen Erkundungsdrangs. Zudem hinterlassen die Tiere bei ihrem Autobesuch Duftspuren. Wird das Fahrzeug von einem Marderrevier ins andere gefahren, kann der fremde Duft einen herumstreifenden Marderrüden leicht in Rage versetzen. Und weil er im Motorraum keinen Rivalen findet, wird die Aggression an Kabeln und Schläuchen abreagiert.

Wundermittel gibts keine
In Rage geraten können aber auch Autobesitzerinnen und -besitzer, deren Fahrzeug vier-, fünf- oder sechsmal in Folge dem Mardervandalismus zum Opfer fällt. Inzwischen kursieren die seltsamsten Tricks, um die dreisten Tierchen vom eigenen Gefährt abzuhalten. Die Palette reicht vom Autoanpinkeln übers Einstreichen mit Zahnpasta bis zur baumelnden WC-Ente im Motorraum. Als absolut effizient hat sich noch keines der Mittel erwiesen. Und Antimardersprays oder piepsende Warngeräte sind relativ teuer und auch nicht über alle Zweifel erhaben.

Der Zürcher Garagist Reto Huber hat schon viele völlig entnervte Autobesitzer erlebt. Den Ultraschallgeräten – zu haben in den Preisklassen zwischen 150 und etwa 500 Franken – traut er nicht. Hubers «krassester Fall»: Nach einem relativ hohen Marderschaden bestand einer seiner Kunden auf dem Einbau eines Marderwarngeräts. Nur einen Tag später stand das Auto wieder in der Werkstatt: Zerbissen waren nicht nur die Kabel, sondern auch das Mardergerät. Reto Huber: «Der einzige Schutz ist eine sehr gut abgedichtete Garage.»

Und da liegt wohl auch die Erklärung, warum einige Automarken wenig Marderschäden aufweisen: Porsche, Ferrari, Jaguar und Co. werden häufiger in Privatgaragen parkiert.