Bobby Fenigstein hatte vieles versucht, doch seine 150 Kilo wurde er nicht los. Jede Bewegung war für den 47-Jährigen zum Kraftakt geworden. Als der Termin für eine Magenbypassoperation feststand, war er guter Dinge.

Beim Eingriff kam es zu Komplikationen, was selten ist in diesem medizinischen Gebiet. Drei Wochen lag Fenigstein im Koma, dann starb er an Kreislaufversagen.

Neun Jahre vor dem Eingriff, im September 1991, hatte Bobby Fenigstein Besuch von einem Versicherungsvertreter der «Zürich». Mit seiner Frau hatte er ein Einfamilienhäuschen erworben; eine Lebensversicherung über 100'000 Franken wurde abgeschlossen, um die Hypothek abzusichern. «Sind bei Ihren Blutsverwandten Herz- und Kreislaufkrankheiten oder Zuckerkrankheit aufgetreten?», lautete die erste Frage auf dem Formular.

Fatale Informationslücke
Bobby Fenigstein hatte den Versicherungsantrag nicht eigenhändig ausgefüllt. Er gehörte einer Generation an, die ungern über ihre Leseschwäche spricht. Fenigstein las kaum eine Zeitung, Bücher schon gar nicht – nur bei den Strassenschildern war sich der Taxichauffeur sicher. Wie es genau dazu kam, dass die Frage nach Krankheiten in der Verwandtschaft auf dem Dokument verneint wurde, bleibt unklar.

«Bobby hatte ab und zu erwähnt, dass seine Grossmutter zuckerkrank war», erinnert sich seine Frau Astrid Fenigstein. «Wenn das Thema Diabetes auftauchte, sagte er stolz, dass er selbst nicht unter dieser Krankheit leide.»

Ende 1999. Die Vorabklärungen für den schwierigen Eingriff sind umfassend. Die Resultate der Tests sind auf mehreren Seiten festgehalten: «Guter Allgemeinzustand», «keine Magenbeschwerden», «Schlaf gut». Anders als der Versicherungsvertreter vor neun Jahren hielt der behandelnde Arzt aber korrekt fest: «Diabetes mellitus bei den Grosseltern».

Einige Monate nach dem Todesfall unterrichtet Astrid Fenigstein die «Zürich» über die neue Situation und bittet die Versicherung, die ihr zustehende Summe von 100'000 Franken zu überweisen. Die Antwort kommt postwendend – und Astrid Fenigstein traut ihren Augen nicht: «Ihr Mann hat es unterlassen, uns darüber zu informieren, dass seine Blutsverwandten an Zuckerkrankheit litten.» Mit dieser unrichtigen Beantwortung «der für die Beurteilung des Antrages entscheidenden Frage» sei die Anzeigepflicht verletzt worden. Und: «Wir müssen deshalb von unserem Recht Gebrauch machen, von unserem Vertrag zurückzutreten.» Die Versicherung erlösche rückwirkend per Versicherungsbeginn; es verhalte sich so, «wie wenn diese nie bestanden hätte».

Anzeige

Bobby Fenigstein litt weder bei Vertragsabschluss noch zum Zeitpunkt der Operation an Diabetes. Er war aber bereits 1991 erheblich übergewichtig. «Das Risiko, selbst zuckerkrank zu werden, ist bei hohem Übergewicht sehr gross», sagt Markus Weber, Chirurg am Universitätsspital Zürich. «Die Versicherung hat dieses hohe Risiko bewusst in Kauf genommen. Ob Fenigsteins Verwandtschaft zuckerkrank war, hat in diesem Zusammenhang klar untergeordnete Bedeutung.» Weder Markus Weber noch das Universitätsspital Zürich sind in den Fall involviert.

Das Versicherungsvertragsgesetz wurde 1908 in Kraft gesetzt. Es gilt bei Experten als veraltet – vor allem Artikel 6. Danach ist eine Versicherung nicht an den Vertrag gebunden, wenn der Antragsteller «eine erhebliche Gefahrentatsache unrichtig mitgeteilt hat». Stossend ist vor allem: Ob zwischen der «verschwiegenen» Gefahr und dem späteren Schaden ein Bezug besteht, hat keine Bedeutung. Ein Beispiel: Laut Gesetz kann eine Lebensversicherung ihre Leistung verweigern, wenn der Antragsteller – gestorben etwa an Lungenkrebs – es unterlassen hat, auf seine Hüftarthrose hinzuweisen.

Der Solothurner SVP-Nationalrat Roland Borer überreichte kürzlich eine Motion, worin er den Bundesrat auf die im Versicherungsvertragsgesetz enthaltenen Ungerechtigkeiten aufmerksam machte. Bundesrätin Ruth Metzler liess jedoch wenig Änderungswillen erkennen; sie machte lediglich auf die anstehende Gesetzesrevision aufmerksam. Immerhin folgte der Rat dem Antragsteller: Borers Motion wurde ohne Gegenstimme als Postulat überwiesen. Jetzt muss der Bundesrat reagieren.

«Zürich» rollt den Fall neu auf

Anzeige

Auch die Versicherer beginnen, das starre Gesetz etwas humaner auszulegen. Nach der Intervention des Beobachters bei der «Zürich» wurde die Akte Fenigstein nämlich nochmals von drei Risikospezialisten geprüft. «Die Abwicklung des vorliegenden Falles verlief nicht optimal», liess die Versicherung den Beobachter wissen; es handle sich aber um einen Grenzfall. «Unter Würdigung aller Umstände» sei man bereit, auf die Ablehnung zurückzukommen. Konkret: Die «Zürich» wird die volle Versicherungssumme samt Zinsen ausbezahlen – und Astrid Fenigstein wird ihr Haus nicht verlassen müssen.