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VersicherungenReiseunfälle: Geld für den Schmerz

Katastrophen wie der Terroranschlag von Luxor oder das Swissair-Unglück bei Halifax bringen den Hinterbliebenen grossen Schmerz. Seelische Kräfte sind gefordert. Aber es stellen sich auch Geldfragen: Wer haftet bei Unfällen auf Reisen?

Fassungslos, erschüttert und verzweifelt blicken die Hinterbliebenen hinaus aufs Meer, wo 229 Menschen den Tod auf sich zurasen sahen - hilflos dem Verhängnis ausgeliefert. Flugzeugkatastrophen wie jene von Halifax oder der Terroranschlag von Luxor mit Dutzenden von Toten und Verletzten rufen national und international nach Mitgefühl. Das ist gut so - und nötig.

Vergessen wird dabei aber oft, dass ein Motorradunfall im Ausland mitten im Ferienglück, der Tod in der Gletscherspalte auf einer Bergwanderung, der Absturz aus einem Sessellift oder der Erstickungstod des Hobbytauchers in den Felsen vor der Ferieninsel in der Presse oft nur mit einer kurzen Notiz vermerkt wird. Für die Betroffenen und Hinterbliebenen ist ein solches Ereignis nicht minder tragisch wie eine Megakatastrophe. Neben dem seelischen Schmerz verändert sich für die Hinterbliebenen oft auch die finanzielle Situation schlagartig.

Niemand sei, so sagt man, besser gegen die Risiken des Lebens abgesichert wie die Schweizerinnen und Schweizer. Tatsächlich: Auch wenn nach Reiseunfällen entscheidende Fragen um die Haftung mitverantwortlicher Dritter oft genug über Monate und Jahre in der Schwebe bleiben, so sorgt in unserem Land ein grosses soziales Netz im Alltag wirksam für erste Hilfe. Wer kennt sie nicht, die Abkürzungen der «rettenden Engel»: UVG, AHV, IV, BVG, KVG.

Guter Schutz für Schweizer
Die obligatorische Unfallversicherung für Arbeitnehmer (UVG) deckt nicht nur die Folgen von Betriebsunfällen. Wer mindestens 12 Stunden wöchentlich beim gleichen Arbeitgeber tätig ist, ist auch gegen Unfälle ausserhalb der Arbeitszeit versichert - also auch gegen Reiseunfälle. Nicht obligatorisch versichert sind Selbständigerwerbende, Rentner, Kinder, Hausfrauen und -männer. Immerhin: Im Rahmen der obligatorischen Krankenversicherung sind zumindest die Heilungskosten gedeckt.

Allerdings ist es ratsam, sich vor längeren Auslandaufenthalten nach dem Ausmass des Versicherungsschutzes bei seiner Krankenkasse zu informieren. Wo dieser als ungenügend empfunden wird, lohnt sich der Abschluss einer zusätzlichen Police.

Verkehrsunfälle sind gedeckt
Zum Beispiel Winterferien: Ein Kind fährt mit seinem Schlitten aufs Trassee einer Bergbahn und prallt gegen den Zug. Obwohl der Lokomotivführer unschuldig ist, muss die Bahnverwaltung oder deren Haftpflichtversicherer für die Unfallfolgen des schwerverletzten Kindes aufkommen. Hier wirkt sich die sogenannte Betriebsgefahr gewichtiger Vehikel wie Eisen-, Berg- und Gondelbahnen, Trams, Reisecars, Autos oder Motorräder aus. Nur ein schweres und bewusstes Mitverschulden des Verletzten oder Toten befreit von der Haftung.

Im Ausland ist es oft schwierig, seine Rechte durchzusetzen. Wer fern der Schweiz von einem Unfall überrascht wird, der mit Schuldfragen verknüpft ist, sollte sich sofort an Ort und Stelle um die Beweissicherung kümmern. Dazu gehören Unfallprotokoll, Polizeibeizug, Skizzen und Fotos. Ohne diese Belege wird es sehr schwierig.

Versicherungsrechtlich besser sieht es aus, wenn man hierzulande von einem ausländischen Touristen im Strassenverkehr verletzt wird. Dann kann man sich an die «Zürich»-Versicherung wenden. Sie ist im Rahmen eines Versicherungspools beauftragt, den Fall gerecht zu lösen und auf die Versicherung des Ausländers zurückzugreifen.

Prüfstein Luxor-Katastrophe
Doch nicht nur das Reisen auf Rädern, auch die Fortbewegung auf Tieren kann gefährlich sein. Ein Beispiel: Auf einer von einem schweizerischen Reisebüro organisierten Gruppenreise lässt sich eine 40jährige Frau am Fuss der Pyramiden zu einem Kamelritt verführen. Sei es, weil Angst und Panik sie überfallen oder weil das Kamel bockt: Die Touristin stürzt vom hohen Buckel und verletzt sich die Wirbelsäule. Es folgt der Notfalltransport in die Heimat. Der medizinische Befund: lebenslange Teilinvalidität. Die Bemühungen, den Kamelhalter in Verantwortung zu ziehen, verlaufen sich nach Jahren des aussichtslosen Kampfs im Wüstensand.

Heute kommt man in solchen Fällen - meist - rascher zum Ziel. Gemäss dem seit 1994 wirksamen Bundesgesetz über Pauschalreisen sind schweizerische Reiseveranstalter oder -vermittler gegenüber den Konsumenten direkt haftbar. Dabei ist es gleichgültig, wer die schädigende «Dienstleistung» erbringt: ein Hotelier im Ausland, ein Busunternehmen oder eben ein Kameltreiber.

Die Terrorkatastrophe von Luxor ist zum ersten grossen Prüfstein für die Qualität dieses Gesetzes geworden. Wer hat wann wieviel zu bezahlen? Müssen die Reisebüros der Opfer und ihre Versicherungen zahlen? Die involvierten Reisebüros haben bereits signalisiert, dass sie eine Haftung ablehnen. Jetzt müssen die Gerichte entscheiden. Immerhin: Nach der Luxor-Katastrophe ist die staatliche Opferhilfe zur ersten und bisher wirksamsten Hilfe geworden.

Airlines haften nur beschränkt
Hat bei einem herkömmlichen Haftpflichtfall in der Regel der Verursacher den Schaden zu ersetzen, trifft dies bei einer Flugzeugkatastrophe, wo es um Millionensummen geht, nicht zu. Die Abkommen von Warschau und Montreal beschränken die Haftung pro Person auf lediglich 135'000 Franken - im Verkehr mit den USA ist der Betrag sogar noch kleiner.

Diese Beschränkungen fallen nur dann weg, wenn die Fluggesellschaft leichtfertig und im Bewusstsein eines wahrscheinlich eintretenden Schadens gehandelt hat. Prozesse um entsprechende Forderungen dauern oft Jahre. So sind die Haftungsfragen um den Alitalia-Absturz am Stadlerberg bei Kloten, bei dem am 14. November 1990 46 Menschen starben, noch heute nicht alle vom Tisch.

Um derart belastende Auseinandersetzungen möglichst zu vermeiden, haben vor kurzem fünf Luftverkehrsgesellschaften - darunter auch die Swissair und die Crossair - beschlossen, bei einem Unglück über das Warschauer Abkommen hinaus unbeschränkt zu haften, und sich entsprechenden Versicherungsschutz verschafft.

Swissair: Vorbildlich gehandelt
Die Erfahrungen der Angehörigen der Opfer von Halifax müssen nun zeigen, wie konkret sich dieses System in die Tat umsetzen lässt. Ihren guten Willen hat die Swissair durch ihre vorbildliche Opferbetreuung und eine Soforthilfe von 30'000 Franken an die Hinterbliebenen bereits demonstriert.

Für die Halifax-Katastrophe sind bei einem allfälligen Rechtsstreit mehrere Gerichtsstände möglich: die Vereinigten Staaten als Abflugland, Kanada als Unfallort und die Schweiz als Sitz der Fluggesellschaft.

Sollen die Betroffenen in der Schweiz klagen, wo die Genugtuungspraxis bedenklich engstirnig ist? Oder sollen sie den Weg über die USA wählen, wo oft von Schmerzensgeldern in Millionenhöhe die Rede ist und sich auch die Anwälte rigoros am Ergebnis beteiligen? Ein Entscheid, der die zurückbleibenden Angehörigen vor eine weitere schwere Prüfung stellen wird.

Veröffentlicht am 10. August 2000