David Bresch, 38, ist bei der Rückversicherungs­gesellschaft Swiss Re verantwortlich für Nachhaltigkeit, Klimawandel und neue Risiken.

Quelle: Nik Hunger

Beobachter: Rückversicherer sind eine Art Frühwarnsystem. Mit welchen Grossrisiken müssen wir im 21. Jahrhundert rechnen?
David Bresch: Zu den grössten gehören zweifellos die Folgen des Klimawandels.

Beobachter: Der Klimawandel ist also eine Tatsache?
Der Klimawandel ist ein Faktum. Die zehn wärmsten der vergangenen 130 Jahre hatten wir seit 1996. Das ist für mich als Physiker eine starke Evidenz.

Beobachter: Evidenz?
Bresch: Die Evidenz dafür, dass wir uns im Vergleich zum bisherigen Klima in einer anormalen Phase befinden. Und die Klimamodelle zeigen einen weiteren Temperatur­anstieg, wenn wir den CO2-Ausstoss nicht reduzieren. Wir gehen sogar davon aus, dass man die Klimaveränderung nicht vollständig rückgängig machen, das Rad nicht zurückgedreht werden kann. Daher müssen wir uns mit den Folgen ­auseinandersetzen.

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Beobachter: Konkret?
Bresch: Zum Beispiel werden die Winterstürme in Europa zunehmen. Für die nächsten 70 Jah­re rechnen wir mit einer 60-prozentigen Zunahme. Ein weiteres Risiko ist die Ballung der Menschen: Die Hälfte der Welt­bevölkerung lebt mittlerweile in Städten.

Beobachter: Ist nicht das grosse Erdbeben in San Francisco überfällig?
Bresch: In Kalifornien muss man alle paar hundert Jahre mit einem grossen Erdbeben rechnen. Das letzte war 1906. Es stellt sich nicht die Frage, ob das nächste Beben stattfindet, sondern wann.

Beobachter: Als Medienkonsument habe ich den Eindruck, es gäbe mehr und stärkere tropische Wirbelstürme. Stimmt das?
Bresch: 2005 gab es so viele Stürme wie selten. Meteorologisch gesehen haben die Hurrikans und Taifune in den letzten Jahren aber nicht zugenommen. Denn Klima ist definiert als Wetter im Durchschnitt von 30 Jahren. Da wir erst seit den siebziger Jahren Satelliten haben, sieht die Menschheit erst seither alle Stürme. Aber der entscheidende Punkt ist: Es kann sein, dass in einem Gebiet die Anzahl Wirbelstürme in einem gewissen Zeitraum abnimmt. Aber ausgerechnet dort wüten sie in Zukunft vielleicht umso stärker.

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Beobachter: Steigen die Weltmeere an?
Bresch: Ja. Der IPCC-Bericht, verfasst von 3000 Wissenschaftlern, prognostiziert einen Anstieg von 50 Zentimetern in 100 Jahren. Jetzt könnte man einwenden: Was sind schon 50 Zentimeter! Aber das hat Folgen: Die Regierung der Malediven überlegt bereits, die Bevölkerung umzusiedeln.

Beobachter: Also wenn jemand behauptet, der Klimawandel sei Humbug...
Bresch: ...dann wäre das nicht haltbar. Gewisse Details mögen diskutierbar sein, aber den Klimawandel und als Folge unter anderem den Anstieg der Weltmeere kann man nicht mehr ernsthaft in Frage stellen.

Beobachter: Welche Bedeutung hatte der 11. September 2001 für Risikoforscher wie Sie?
Bresch: Der Einsturz des World Trade Center ist – mit allen Folgeschäden – der grösste menschenverursachte Schaden der Versicherungsgeschichte.

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Beobachter: Was ging Ihnen damals durch den Kopf?
Bresch: Das weiss ich nicht mehr im Detail. Aber auch als Versicherer denkt man während so einer Katastrophe zuerst als Mensch.

Beobachter: Ist Terrorismus die neue grosse Gefahr des 21. Jahrhunderts?
Bresch: Er bleibt zumindest weiterhin eine der grossen Gefahren. Religionen und Ideologien haben die Menschheit immer bewegt.

Beobachter: Aber jetzt scheint sich das zu einem «Kampf der Kulturen» auszuweiten.
Bresch: Ich bin nicht so sicher, das sind bereits Interpretationen. Als Physiker halte ich mich lieber an Evidenzen.

Beobachter: Solch menschengemachte Gefahr, ist die wissenschaftlich überhaupt einschätzbar?
Bresch: Die grösste Gefahr für den Menschen ist tatsächlich der Mensch selber. Auch die Finanzkrise ist ja zu 100 Prozent von Menschen verursacht.

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Beobachter: Risikoeinschätzung ist eigentlich auch die Kernkompetenz der Banken. Was haben die Finanzleute falsch gemacht?
Bresch: Sie sind Risiken eingegangen, ohne sich der Tragweite bewusst zu sein. Im Bankenbereich gab es einen Bruch zwischen dem Produzenten des Risikos und demjenigen, der das Risiko am Schluss trug. Der Risiko­dialog, wie wir das nennen, fand nicht mehr statt. Es ist offensichtlich, dass die Finanzinstitute über die Bücher müssen, was die Risikoeinschätzung anbelangt.

Beobachter: In der Lobby habe ich eine Broschüre Ihrer Firma zu einer weltweiten Grippepandemie durchgeblättert. Droht uns eine neue Pest wie im Europa des 14. Jahrhunderts?
Bresch: Ein guter Vergleich. Die Pest raffte damals ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahin. Bei einer Grippepandemie gäbe es heute zumindest ein paar zehntausend Tote in der Schweiz. Gerade dieses Beispiel zeigt, weshalb Prävention nicht nur für uns als Rückversicherer so wichtig ist.

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Beobachter: Das Automobil sei eine der Technologien, die am meisten Todesopfer und Verletzte fordert und die Umwelt vergiftet, heisst es in einer anderen Ihrer Broschüren. Dennoch akzeptieren wir dieses Risiko. Warum?
Bresch: Mobilität scheint dem Menschen wichtig zu sein. Sie ist ja auch tatsächlich nicht nur schlecht, sie bringt Menschen zusammen. Es gibt eben Risiken, von denen wir glauben, nicht auf sie verzichten zu können. Hier kommt die Psychologie ins Spiel. Das Auto ist auch Statussymbol. Und verlänger­te Wohnstube: Man kann in den eigenen vier Wänden zur Arbeit fahren.

Beobachter: Jetzt fahren auch die Chinesen Auto.
Bresch: Das ist so. Gerade eben ist bekannt geworden, dass China die USA bezüglich Aus­stoss klimaschädlicher Gase überholt hat. Eine erschreckende Tatsache.

Beobachter: Sind bei der Swiss Re alles Grüne?
Bresch: (lacht) Wir fordern nur das, was die Evidenz uns zeigt. Mit grün oder nicht grün hat das nichts zu tun.

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Beobachter: Dreht man als Privatmensch vor lauter Risiken nicht irgendwann durch?
Bresch: Nein. Nur wenn Wissen sich mit Hilflosigkeit koppelt, bekommt der Mensch wahrscheinlich ein psychisches Problem. Aber wenn man sich vorausschauend um die
Risiken kümmern kann, dann ist das nicht bedrohlich, sondern man hat das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.

Beobachter: Also bereiten Ihnen die vielen autofahrenden Chinesen keine schlaflosen Nächte?
Bresch: Nein, ich bin trotzdem optimistisch. Auch weil die Menschheit bei drohendem Un­gemach oft die höchste Innovationskraft an den Tag gelegt hat.