«Abhaken und nach vorne schauen» - mit diesen Worten kommentierte der österreichische Skistar Andreas Schifferer seinen Sturz im Riesenslalom von Adelboden. Die TV-Gemeinde zu Hause vor den Bildschirmen hatte vor Schreck den Atem angehalten: Am 11. Januar 2005, nach bester Zwischenzeit, verlor «Schiffi» im Zielhang des berühmt-berüchtigten «Kuonisbergli» die Kontrolle über seine Skier und donnerte wie eine Rakete in die Zuschauerreihen hinter der Abschrankung. Der Fahrer kam glimpflich davon.

Weniger Glück hatte Zuschauerin Bistra Schwarz. Die 62-jährige Bulgarin erlitt beim Zusammenprall mit Schifferer einen mehrfachen Oberschenkelbruch. «Ich habe vor Schmerzen geschrien. Mein Mann stand daneben und hat geweint», erinnert sich die gelernte Elektroingenieurin. Die Schmerzen sind noch da - und bringen enorme Kosten mit sich: Haushalthilfe, Betreuung, Transport, Verdienstausfall und bleibende Gesundheitsschäden.

Ein klarer Fall für die Haftpflichtversicherung des Skiklubs Adelboden - dachte Schwarz. Weit gefehlt. Anderthalb Jahre sind seit dem Crash auf der Piste vergangen. Bis heute hat die «Winterthur», bei der der Skiklub Adelboden versichert ist, die Haftung nicht anerkannt. Mit fragwürdigen Argumenten zieht sie die Abklärung unnötig in die Länge, statt den Unfall möglichst rasch im Rahmen einer Gesamtschau zu beurteilen.

Mai 2005, erstes Argument der Winterthur-Versicherungen: Bei einem Skirennen in freier Natur ist es unmöglich, die gesamte Piste so abzusichern, dass kein Zuschauer zu Schaden kommt. Deshalb kommt eine Haftung nicht in Frage. Allerdings stand Schwarz nicht irgendwo, sondern mit zig anderen Zuschauern im Zielraum. «Beim Weltcuprennen ein Jahr später schien das Unmögliche plötzlich möglich zu sein», sagt Bistra Schwarz. Die Veranstalter brachten an der Unfallstelle ein zusätzliches Fangnetz an.

Ein Schicksalsschlag nach dem anderen
Doch Schwarz fehlten damals Zeit und Energie, mit den Winterthur-Versicherungen zu streiten. Das Ehepaar hatte alle Hände voll zu tun, sich im neuen Leben zurechtzufinden. «Ich kann nur noch mit Krücke gehen», sagt Schwarz. Jede Bewegung sei eine Qual. Ihr Mann half, wo er konnte, schmiss den Haushalt, fuhr sie in die Physiotherapie und zum Arzt. Auto fahren kann sie nicht mehr, arbeiten auch nicht. «In all dieser Not noch um Schadenersatz zu kämpfen lag einfach nicht drin.»

Ende 2005 starb Schwarz’ Ehemann. Ihre Situation verschlechterte sich dramatisch. Niemand war mehr da, der sie im Alltag unterstützen konnte. Für professionelle Hilfe fehlte das Geld. Schwarz erhält auch keine IV-Rente. Als sie 2001 aus Bulgarien in die Schweiz kam, versäumte sie es, sich bei der zuständigen Sozialversicherung anzumelden. Für die Witwenrente dauerte ihre Ehe zu kurz. Eine Wende ist nicht in Sicht.

Im Januar 2006 wandte sich Schwarz an die Winterthurer Anwältin Karin Hochl. «Der Skiklub Adelboden als Veranstalter des Rennens hat die vertraglichen Sicherheitspflichten nicht erfüllt», sagt diese. Er hätte die Zuschauer nicht direkt hinter dem Fangnetz platzieren dürfen, sondern einen so genannten Sturzraum einrichten müssen, ist die Anwältin überzeugt. Deshalb forderte sie von den Winterthur-Versicherungen, die Haftung anzuerkennen. «Die Unfallstelle präsentierte sich nicht als besonders gefahrenträchtig. Zudem wird ein stürzender Fahrer von den Fangnetzen abgebremst und ist für die Zuschauer jederzeit sichtbar», schreibt die «Winterthur» an den Beobachter.

Im März 2006 reichten die Winterthur-Versicherungen Bern den Fall weiter an die Direktion Ostschweiz in St. Gallen - und versprachen eine rasche Stellungnahme. Für Bistra Schwarz ging das Warten weiter. Mit jedem Tag schwand ihr Erspartes. Um zu Geld zu kommen, verkaufte sie das Auto, das sie ohnehin nicht mehr fahren kann. «Zum Glück hilft mir die Nachbarin im Haushalt und verzichtet der Vermieter auf einen Teil der Miete.» Sonst hätte sie nach Bulgarien zurückgehen müssen, sagt sie.

Mai 2006, zweites Argument der Winterthur-Versicherungen: Frau Schwarz wurde durch Schifferers Sturz gar nicht verletzt. Deshalb kommt eine Haftung nicht in Frage. «Im Bericht des technischen Delegierten des Internationalen Skiverbands (FIS) vom 11. Januar 2005 sind keine Unfälle vermerkt», begründet die «Winterthur» nachträglich.

«Die Zeitungen beschrieben den Unfall, im Schweizer Fernsehen war er dokumentiert - bessere Beweise gibt es doch nicht», sagt Anwältin Karin Hochl. Die «Winterthur» sieht das anders: «Die Sichtung des Filmmaterials brachte weder Klärung zum genauen Standort der Verunfallten noch zur Frage, ob sie vom stürzenden Fahrer direkt getroffen wurde», schreibt sie an den Beobachter.

Der neuste «Winterthur»-Trick
Um das Offensichtliche nochmals klarzustellen, schickte Hochl der «Winterthur» die medizinischen Unfallakten - mit dem Resultat, dass die Versicherung einen weiteren Schwenk in ihrem Zickzackkurs einlegte. Sie akzeptierte nun plötzlich, dass Bistra Schwarz beim Sturz von Schifferer verletzt worden war.

Juni 2006, drittes Argument der Winterthur-Versicherungen: Der Skiklub Adelboden ist nicht der haftpflichtige Veranstalter des Rennens. Deshalb kommt eine Haftung nicht in Frage. An den Beobachter schreibt die «Winterthur»: «Die Rechte zur Durchführung von FIS-Weltcuprennen besitzt der Internationale Skiverband. Die Frage, wer unter diesen Umständen Veranstalter ist, wird in der Rechtslage kontrovers behandelt.»

Dass Versicherungen einen Fall verschleppen, hat System. «Das gehört zum Manöver, der Geschädigte soll müde werden», sagt der Berner Anwalt und Versicherungsspezialist Lukas Denger. Die «Winterthur» sagt, sie verzögere nichts. «Wir bedauern jedoch, dass die Abklärungen in diesem Fall so lange dauern.» Wann für Bistra Schwarz das Warten endlich ein Ende hat, steht in den Sternen.

Anzeige