An der Haustür läutet es Sturm, während Manuela Michel Hausarbeiten erledigt. Sie hält inne, horcht. Von draussen schreit jemand: «Mit Laura ist etwas passiert.» Laura ist ihre siebenjährige Tochter: Sommersprossen, rote Zöpfe wie Pippi Langstrumpf, ihre Kleine.

Zu diesem Zeitpunkt liegt ihre Kleine bereits, keine 150 Meter entfernt, mit zertrümmertem Schädel im eigenen Blut. Aus dem Koma wird sie erst sechs Wochen später erwachen. Dass sie überhaupt noch lebe, grenze an ein Wunder, sagen die Ärzte. Erst zwölf Monate nach dem Unfall wird sie im Rollstuhl aus der Klinik nach Hause zurückkehren, mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma, auf einem Auge blind, auf einem Ohr taub, ein Stimmband teilweise zerstört. Einen Pfropfen werden ihr die Ärzte in den Unterleib gedreht haben, für die Magensonde mit der Flüssignahrung. Die Mutter erhält keine Siebenjährige zurück, sondern ein hilfloses Baby: Laura wird wieder lernen müssen, den Kopf aufrecht zu halten, die Beine anzuwinkeln, zu essen, zu sprechen.

«Atme, Laura, atme! Mami ist da»

Doch das alles weiss Manuela Michel in diesem Augenblick noch nicht. «Mit Laura ist etwas passiert.» Die Mutter hastet ohne Jacke nach draussen, auf die Quartierstrasse, ahnungsvoll. Sofort sieht sie den Trümmerberg aus Rundholzpfosten und Kabel, worunter Laura begraben liegt. Nur ihren zerschundenen Kopf gibt der Berg frei. Es beginnt zu dämmern. Noch vor zehn Minuten war Laura neben ihr gestanden, hatte gefragt, ob sie draussen mit zwei Nachbarsmädchen spielen dürfe.

Die Mutter versucht, die Tochter zu befreien, schreit um Hilfe, fleht: «Atme, Laura, atme! Mami ist da.» Doch die hölzernen Pfosten sind schwer wie Baumstämme.

Über das Weitere lässt die Erinnerung Manuela Michel im Stich. Eine gefühlte Ewigkeit dauert es, bis Ambulanz und Polizei eintreffen. Irgendwann sitzt sie im Polizeiauto, draussen wimmelt es von Polizisten, Feuerwehrleuten, Leuten vom Unfallfotodienst: Ein Dutzend Beamte und auch die später ermittelnde Staatsanwältin sind vor Ort. Ein Polizeiauto eskortiert die Ambulanz durch den dichten Abendverkehr ins Kantonsspital Winterthur. Weit in der Nacht dann die erste Diagnose des Oberarztes: Sie müssten mit dem Schlimmsten rechnen, womöglich Abschied nehmen, Lauras Zustand sei kritisch.

Am nächsten Tag, am 15. Januar 2008, steht eine kleine Meldung in der Zeitung: «Kind beim Spielen in Winterthur schwer verletzt». Schwer verletzt. Das sagt sich so leicht. «Nur der Unterkiefer war noch heil», bemerkt Vater Patrik Michel, «Lauras Schädel wie ein auf den Boden gefallenes Ei.» Laura hatte mit zwei Nachbarskindern auf einem herabhängenden orangefarbenen Stromkabel geschaukelt, einem Kabel neben einer Baustelle, das diese mit Strom versorgte. Dabei war der fünf Meter hohe Trägerpfosten gebrochen und auf Laura gekracht.

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Erst heute, drei Jahre nach dem Unfall, tauchen Lauras Eltern langsam wieder aus dem «Tal der Finsternis» auf, wie die Mutter sagt. Aber Selbstvorwürfe verfolgen und quälen sie: Wäre er doch nur eine halbe Stunde früher nach Hause gekommen, sagt sich der Vater immer wieder. Hätte er doch nur! Wäre er doch nur! Vielleicht wäre Laura heute unversehrt. Wäre, wäre, wäre. Der Schmerz vagabundiert herum, wie es ihm passt, klopft mal an seine Tür, dann wieder an die seiner Frau, tritt ein, schüttelt sie. Hätte sie Laura doch verboten, draussen zu spielen! Stets hatte sie ihre Tochter zum Schwimmen begleitet, damit sie ja nicht ertränke. Immer ging sie zum Schlittschuhlaufen mit, damit Laura sich ja kein Bein bräche. Und dann knallt ihr aus heiterem Himmel ein Holzpfosten auf den Schädel.

Laura war ein pfiffiges Kind, überall beliebt, spielte Tennis, posierte für Werbefotografen, war das Covergirl des Reka-Katalogs. Heute besucht sie eine heilpädagogische Sonderschule. An Kindergeburtstage wird sie nicht mehr eingeladen. «Die Laura, die überlebt hat, ist ein anderer Mensch, sagen uns die Ärzte.» Charakterlich, emotional. Laura sei wie ein zweites Mal auf die Welt gekommen, wir müssten von der alten Laura Abschied nehmen. Die Eltern verkauften das Haus am Hang und zogen in eine andere Ecke der Stadt. «Ich hielt das nicht aus, wenn ich Lauras ehemalige Schulfreundinnen draussen spielen sah.» Auch deshalb mussten sie wegziehen. Damit die alte Laura der neuen nicht in die Quere kommt.

Der Versicherer der Baustelle zahlt nicht

Bis heute haben die Michels noch keinen Franken Entschädigung erhalten. Es mag kaltherzig erscheinen, an Geld zu denken. Doch die Michels zogen in ein anderes Haus, brauchten ein geräumigeres Auto für den Transport ihrer Tochter. Die Mutter besuchte ein Jahr lang täglich die Reha-Klinik, 110 Kilometer Weg, 20 Stunden lang sass sie mitunter am Krankenbett, hielt Lauras Hand, betete. Der Vater reduzierte das Arbeitspensum für mehrere Monate auf 50 Prozent. Doch bis heute weigert sich die Axa Winterthur, Haftpflichtversicherung des Bauunternehmers, dem die eingestürzte Holzkonstruktion gehörte, eine Haftung anzuerkennen.

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Die Krankenversicherung übernimmt nur die Heilungskosten. Sie zahlt aber nicht den Erwerbsausfall, der Laura in ihrem weiteren Leben entsteht, zahlt nur einen Teil an die enormen Pflegekosten. «Wir möchten, dass wenigstens finanziell für Lauras Zukunft gesorgt ist», sagen die Eltern. Die Axa Winterthur schweigt zum konkreten Fall: «Persönlichkeitsschutz», schreibt sie.

«Am Ende sind wir noch schuld»

Wie kann das überhaupt passieren? Ein Stromkabel, das für Kinder eigentlich unerreichbar sein sollte, hängt einen Meter über dem Boden durch? Für Kinder «wie eine Einladung zum Spielen», sagt die Mutter. Und erst noch an einer Quartierstrasse, also frei zugänglich. Und wie bringen drei Kinder mit je 25 Kilo Körpergewicht eine Holzkonstruktion zum Bersten, wo sie doch mindestens 230 Kilo hätte aushalten müssen?

Der beigezogene ETH-Gutachter kommt zum Schluss: Nicht nur sei der Pfosten morsch gewesen, auch eine Verstrebung der Konstruktion müsse gelottert haben. «Wenn die beiden Schwächungen erkannt worden wären, hätte der Unfall mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent verhindert werden können», schreibt der Fachmann. Mit anderen Worten: Wäre die Holzkonstruktion regelmässig auf Sicherheit überprüft worden, wäre der Unfall wohl nicht passiert.

Aber der Verteidiger des Bauunternehmers attackiert die verdutzten Michels, es müsse «nicht damit gerechnet werden, dass Kinder auf dem Kabel schaukeln, so dass sich auch die Frage der Verantwortung der Eltern stellt». Die Eltern wähnen sich «im falschen Film», sitzen plötzlich auf der Anklagebank: «Am Ende sind wir noch schuld», entrüsten sie sich.

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Der nächste Schlag für die Michels: Der Strafrichter spricht den Bauunternehmer von fahrlässiger Körperverletzung frei. Denn dieser hatte die Holzkonstruktion zum Zeitpunkt des Unfalls an eine andere Baufirma vermietet, was die Schuldfrage verkompliziert. Und der Richter tadelt in der Urteilsbegründung, die Staatsanwältin habe die Anklageschrift unpräzis formuliert und Beweise schlampig gesichert. So existieren keine Fotos von den Trümmern, als sie noch unverändert dalagen. Trotz dem Heer von Beamten am Unfallort. Für diese Nachlässigkeit büssen nun die Michels

Dem Anwalt geht der Fall zu nahe

Der nächste Schlag: Der Anwalt der Familie Michel legt den Fall nieder. Unter anderem, weil ihn die Sache zu stark durchschüttelte, wie er sagt. Er habe eine Tochter in Lauras Alter. Der neue Anwalt der Michels, Haftpflichtspezialist David Husmann, kritisiert: «Das Verhalten der Axa Winterthur ist unanständig.» Auch wenn strafrechtlich niemand schuldig sei, bedeute das noch lange nicht, dass die Versicherung zivilrechtlich nicht doch hafte. «Gerade für solch tragische Fälle schliesst man ja eine Haftpflicht ab.» Doch die Eltern müssen beweisen, dass das Baugerüst mangelhaft und deshalb gefährlich war oder der Bauunternehmer, vielleicht auch jemand anders, die Sorgfaltspflicht verletzt hat. Die Axa Winterthur ist die grösste Schweizer Versicherung und hat im letzten Jahr über eine Milliarde Franken Gewinn eingefahren.

Doch alles Geld der Welt wird den Eltern ihre alte Laura nicht zurückbringen. Der Vater schildert den Moment, als seine Tochter nach sechs Wochen aus dem Koma aufgewacht ist: Der Ballon, der mit einer Schnur an ihr Handgelenk gebunden war, begann plötzlich zu ruckeln. Und der Glanz sei wieder in ihre Augen eingezogen. Dabei beginnt der Vater zu schluchzen. Manuela Michel legt dann tröstend seinen Kopf zwischen ihre Hände und streichelt ihn.

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