Martin G. gehört nicht zu jenen Leuten, die ihr Geld aus dem Fenster werfen. Als Familienvater weiss er genau, wie viel er für die verschiedenen Ausgabenposten zur Verfügung hat, was bisweilen zu Diskussionen mit seiner Frau führt. Diese ist nicht selten über sein Knausern entrüstet. Doch einmal im Jahr wirft er alle guten Vorsätze über Bord. Jeweils im späten Frühling wird er von einem halben Dutzend Weinhändlern mit farbigen Broschüren eingedeckt, die er akribisch studiert. Danach surft er stundenlang im Internet, um sich ein umfassendes Bild des börsenähnlichen Markts zu machen. Fiebrig vor Ergriffenheit, bestellt er dann für mehrere tausend Franken Wein aus dem berühmtesten Anbaugebiet der Welt: dem Bordelais. Selbst den unvermeidlichen Krach mit seiner Frau, die für dieses Tun wenig Verständnis hat, nimmt er gelassen in Kauf. Zwei Dinge versteht sie nicht: warum ihr Mann die Katze im Sack kauft und weshalb er schon heute bezahlen muss, obwohl er die Weine erst in zwei Jahren erhält.

Top 300: Ein Millionengeschäft

Von seinem Vater vorbelastet, der bereits Bordeaux-Weine über alles gestellt hatte, subskribierte Martin G. erstmals Mitte der achtziger Jahre und das mit Erfolg. Im Vergleich zu heute zahlte er Schnäppchenpreise für Spitzenweine. Doch in den letzten Jahren hat sich einiges verändert. Die Preise der gesuchten Bordeaux sind förmlich explodiert, und allein in der Schweiz geht es bei diesem Termingeschäft um einen 200-Millionen-Franken-Markt.

So funktioniert die Subskription: Ein halbes Jahr nach der Ernte werden rund 300 der besten Weine wohlklingender Appellationen wie Saint-Emilion, Médoc oder Margaux von Fachleuten und Händlern erstmals degustiert und bewertet. Obschon die Preise bereits in dieser Phase steigen, können die Weinhändler die Tropfen verhältnismässig günstig erwerben und verkaufen gewissermassen Optionen an die Kunden weiter. Martin G. hat deshalb Weine von gesuchten Jahrgängen im Keller, die bereits bei der Lieferung massiv über seinem Kaufpreis gehandelt wurden. Nicht selten, so erzählt er mit einem Funkeln in den Augen, habe der Weinhändler seine Lieferung fürs Doppelte gleich wieder zurückkaufen wollen.

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Doch Martin G. hat sich noch nie vom schnellen Geld locken lassen; er weiss, dass sich gesuchte Weine auf Auktionen weit besser verkaufen. So verdiente er in den letzten Jahren ein schönes Sümmchen, das er stets in die nächste Subskription investierte. Dass er dabei einige Kisten für den Eigengebrauch zurückstellen konnte, versteht sich von selbst. Dennoch musste auch er zur Kenntnis nehmen, dass die Gewinnaussichten bei gewissen Jahrgängen massiv abgenommen haben. Beim 97er etwa haben die Preise der Top-Châteaux fast stagniert. Selbst einen Mouton-Rothschild kann man heute fast zum selben Preis kaufen wie damals bei der Subskription von lukrativem Gewinn keine Spur.

2000er: legendär und teuer

Höhepunkt der weltweiten Subskriptionshysterie war wohl der letzte Sommer, als der sagenumwobene 2000er zum Verkauf stand. Immer mehr Etikettenfreaks vor allem aus den USA und dem Fernen Osten sprangen auf den Bordeaux-Zug. Zumal auch die Qualität äusserst erfreulich ausgefallen war. Die Folge: Die Weinpreise kletterten in Höhen, bei denen es selbst abgebrühten Liebhabern mulmig wurde.

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Für die Top-Weine wie Cheval Blanc, Latour, Margaux musste man bereits bei der Subskription bis zu 400 Franken hinblättern pro Flasche. Und sogar die mittleren Gewächse siedelten sich wie selbstverständlich im Bereich zwischen 60 und 100 Franken an. Immerhin hatte die Preistreiberei auch ihre guten Seiten, denn viele bislang eher unbekannte Châteaux, die als «crus bourgeois» vermarktet werden, erhielten dadurch mehr Aufmerksamkeit. Sie versöhnten so manchen Bordeaux-Freund nicht nur des Preises, sondern auch der Qualität wegen.

Nun beginnt wieder der Run auf die jungen Bordeaux-Weine, doch heuer dürfte einiges anders werden. Zwar konnten die Winzer des Bordelais noch bis in den Sommer hinein hoffen, dass auch dem Jahr 2001 dasselbe Wetterglück beschieden wäre wie dem Jahr zuvor. Doch spätestens im August zeichnete sich ab, dass die grossen Wetterschwankungen den Trauben zugesetzt hatten. Speziell die langsam reifenden Cabernet-Sauvignon-Trauben litten unter dem kühlen Klima. Auf der anderen Seite erreichten die roten Merlot- und die weissen Sémillon-Früchte eine sehr gute Qualität. Das freut vor allem die Winzer auf der rechten Seite der Gironde-Mündung (Saint-Emilion und Pomerol, die stark auf Merlot setzen), aber auch die Hersteller der Süssweine aus dem Sauternes.

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Somit ergibt sich beim 2001er eine spezielle Ausgangslage für die Subskription: Wie 1998, als ebenfalls die merlotlastigen Weine besser waren, wird sich die interessierte Weinwelt auf diese stürzen. Hier gibt es also am ehesten ein Potenzial für künftige Preissteigerungen.

Auf der anderen Seite erwarten die Fachleute bei den Weinen aus dem Médoc, wo die Cabernet-Sauvignon-Traube dominiert, ein ähnliches Problem wie beim 99er. Trotz einer reduzierten Erntemenge wird es im mittleren Preissegment (zwischen 30 und 80 Franken) zu viel Wein auf dem Markt haben. Auch wenn die Châteaux laut darüber nachdenken, die Preise endlich massiv zu senken, werden viele Weinhändler vorsichtig agieren und wohl weniger einkaufen.

2001er: trübe Aussichten

Trotzdem werden die Prospekte von einem guten Jahrgang sprechen und dem Weinfreak das Wasser im Munde zusammentreiben. Und der eine oder andere Wein dürfte sich sicherlich zu kaufen lohnen. Doch die Gefahr ist gross, dass nicht nur die «crus bourgeois» bei der Auslieferung praktisch zum gleichen Preis verkauft werden wie bei der Subskription. Genau dies geschah beim 99er zum Verdruss auch von Martin G., der damals seine fetten Gewinnerwartungen massiv getrübt sah.

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Allerdings gibt es weltweit derzeit so viele gute Rotweine wie nie zuvor. Und die kosten häufig weit weniger als die überteuerten Tropfen aus dem Bordelais und sie sind sofort erhältlich.