Die Nacht nach dem ersten Prozesstag muss quälend gewesen sein für Roland W. Denn am nächsten Morgen gestand er überraschend, Anleger um 2,5 Millionen Euro betrogen zu haben. Das österreichische Gericht verurteilte den Schweizer Geschäftsmann schliesslich zu sieben Jahren Gefängnis wegen schweren Betrugs.

Seit kurzem ist das Urteil rechtskräftig. Ausgerechnet diesem Geschäftsmann vertraute der Zürcher Verein Blindenhaus jahrelang sein Geld an. Der vermögende Verein, der sich Selbsthilfe auf die Fahne geschrieben hat, betreibt an bester Lage an der Zürcher Seefeldstrasse ein Haus. Die Zimmer werden vor allem an Sehbehinderte vermietet.

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Schon im August 2005 verurteilte das Bezirksgericht Lenzburg Roland W. zu zehn Wochen Gefängnis bedingt wegen mehrfachen betrügerischen Konkurses und Pfändungsbetrugs. Doch dies tat der Geschäftsbeziehung zwischen dem Blindenhaus und seinem Rechnungsführer keinen Abbruch. Noch im Juni 2008 lobte Vereinspräsident Beat Link gegenüber dem Beobachter Roland W. in den höchsten Tönen. «Die Vorwürfe, die gegenüber Herrn W. gemacht werden, sind uns bekannt. Richtig ist aber, dass die Buchführung stets ordnungsgemäss gemacht wurde und es nie Grund zu Beanstandungen gab.» Doch der Schuldspruch für Roland W. im österreichischen Feldkirch bringt jetzt endgültig ans Licht, dass er im Jahr 2007 Anleger um insgesamt 2,5 Millionen Euro betrog.

Es gab genügend Warnungen

Bei seinen Ermittlungen stiess der österreichische Staatsanwalt auf noch mehr brisante Dokumente: So gewährte der Verein Blindenhaus seinem Kassier Roland W. Darlehen und investierte in seine Geschäfte. Allein von 2004 bis 2006 fand der Staatsanwalt Belege über 70'000 Euro, umgerechnet rund 100'000 Franken. Er informierte deshalb sofort seine Zürcher Kollegen, da es ihm höchst verdächtig erschien, dass ein gemeinnütziger Verein Spendengelder im Ausland derart riskant angelegt hatte. Doch offenbar konnte der Verein die Ermittler davon überzeugen, dass der Vorstand diese Transaktionen gebilligt hatte. Das Verfahren wurde eingestellt.

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Wie viele Spendengelder der Verein Blindenhaus verloren hat, ist unklar. Vereinspräsident Link schweigt sich darüber aus. Er sagt nur so viel: «Damals hatten wir keinerlei Hinweis darauf, dass Roland W. je wegen betrügerischen Konkurses verurteilt werden wird.»

Dabei gab es genügend warnende Stimmen. Bereits im Jahr 2007 verlangten die beiden Vorstandsmitglieder Andrea Blaser und Sibylle Holdener Einblick in die Rechnungsführung des Vereins. Sie wurden abgewimmelt, blieben aber hartnäckig. Wie der Beobachter damals berichtete, wurden sie 2008 zusammen mit fünf weiteren Mitgliedern aus dem Verein ausgeschlossen. Das Bezirksgericht Zürich hob zwar im Herbst 2009 sämtliche Rauswürfe auf, weil diese nicht nur statuten-, sondern auch gesetzwidrig waren. Inzwischen hat der Verein die kritischen Mitglieder aber bereits wieder ausgeschlossen. Dagegen läuft jetzt das nächste Verfahren.

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Geschäftsführer half, Blindenbund-Kritikerin abzusetzen

René Moser, Geschäftsführer des Zürcher Vereins Blindenhaus, half auch mit, eine unangenehme Kritikerin im Schweizeri­schen Blindenbund loszuwerden. Dieser anderen Blindenorganisation wirft die frühere Geschäftsführerin Romy Enderli vor, IV-Gelder im grossen Stil zu miss­brauchen. Nachdem der ­Beobachter (siehe Artikel zum Thema) im Juli dieses Jahres darüber ­berichtet hatte, eröffnete das ­Bundesamt für Sozial­versicherungen eine Unter­suchung. Diese läuft noch.

Zwar bestreitet Blindenhaus-Vereins­präsident Beat Link, dass sein Geschäftsführer an der entscheidenden Sitzung teilgenom­men hat, an der Kritikerin Enderli ab­gesetzt wurde: «René Moser war im Jahr 2009 an keiner Vorstandssitzung des Schweizerischen Blindenbunds anwesend.» Doch dem Beobachter liegt das Protokoll dieser Sitzung vom 16. Mai 2009 im Zürcher Hotel Walhalla vor. ­Darin ist Moser als einer von drei Gästen ausdrücklich vermerkt.

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