* = Name geändert

Franziska Weishaupt* dachte nichts Böses, als sie im April ihr 50-jähriges Einfamilienhaus in einer Mittelthurgauer Gemeinde in der «Thurgauer Zeitung» und auf der Immo-Internet-Site der Thurgauer Kantonalbank zum Verkauf ausschrieb.

Doch von den Reaktionen auf das Inserat war eine mysteriös: Eine gebrochen Deutsch sprechende Frau aus Mailand gab vor, im Auftrag eines Scheichs aus Dubai an der Liegenschaft interessiert zu sein. Und zwar so sehr, dass dieser statt der verlangten 547000 Franken 600000 zu zahlen bereit sei. Der Scheich suche aus «steuertechnischen Gründen» Kapitalanlagen, erklärte die Mailänder Dame und beanspruchte nebenbei für ihre Dienste noch 5000 Franken. Für die notariellen Angelegenheiten werde ein Schweizer Mittelsmann zugezogen. Franziska Weishaupt solle den Scheich in einem Mailänder Hotel treffen und den Deal besiegeln.

«Ich war brennend interessiert zu wissen, wozu dieser Scheich unser Haus will ausgerechnet im Thurgau, der für so einen Mann von Welt bestimmt nicht attraktiv ist», sagte sich die Hauseigentümerin und wandte sich an den Beobachter.

Dem sind solche Geschäfte nicht unbekannt. Als Beobachter-Redaktor Marc Caprez vergangenen Winter im «Tages-Anzeiger» ein keineswegs stattliches Reiheneinfamilienhaus im Zürcher Unterland zum Verkauf ausschrieb, rief ihn ein «Typ aus Italien» an und zeigte Interesse, «einen Teil des Kaufbetrags aus steuerlichen Gründen unter dem Tisch zu zahlen». Auch hier: Einzelheiten wollte der Interessent in Italien besprochen haben. «Wie und wie viel er zahlen wolle, war kein Thema», erinnert sich Caprez, der sich auf den Handel nicht einliess.

Organisierter Raubhandel

Zu Recht. Denn hier täuschen organisierte Kriminelle das Interesse an einer Liegenschaft nur vor. Tatsächlich verfolgen sie ganz andere Ziele den so genannten Rip Deal, zu deutsch Raubhandel: Er umfasst Geldwäscherei, Steuerhinterziehung, Devisendelikte, Betrug. Operationszentrum ist meist Norditalien; Ermittler wissen aber auch von französischen, holländischen und russischen Haien, die auf Inserate schweizerischer Privatverkäufer anbeissen.

Anzeige

Bei den Tätern soll es sich nach Erkenntnissen von Roger Schmidt, dem Leiter des Kommissariats Falschgeld bei der Bundeskriminalpolizei, meistens um in Italien lebende Fahrende handeln. Sie benützen nicht identifizierbare Natels und falsche Namen. Schweizer Opfer von Rip Deals meldeten der Polizei vergangenes Jahr einen Schaden von sechs Millionen Franken. Schmidt glaubt aber an eine hohe Dunkelziffer und einen Gesamtschaden von 20 Millionen Franken.

Auch Rita und Manuel Fischer* aus Stein AG hatten ihr 51/2-Zimmer-Einfamilienhaus im April im Internet angeboten. Daraufhin rief ein Herr an, der «jetzt gerade in London» sei und Manuel Fischer in Turin treffen wolle, um ihm dort eine «Anzahlung in Euro und Checks» zu übergeben. Weil er nach Amerika weiterreisen müsse, könne er das Eigenheim im Fricktal leider nicht selbst besichtigen. Zum Verkauf, wiegelte der Mann aus Italien gesetzliche Bedenken ab, erscheine «ein Schweizer Repräsentant meiner Société».

Anzeige

Manuel Fischer kamen die mehrfachen Anrufe spanisch vor: «Es hatte viele Stimmen im Hintergrund und tönte fast wie in einem Call-Center.» Auch hier kam es nicht zum Geschäft.

Zum Glück für das Ehepaar Fischer. Denn die Treffen in Italien finden zwar jeweils in mondänen Hotels und mit Herrschaften von äusserst gepflegter Erscheinung samt statusgerechtem Auto statt, enden allerdings schnell im Desaster.

Nun geht es in vielen Fällen gar nicht mehr um den Hauskauf. Vielmehr werden die Schweizer Verkäufer in kriminelle Deals verwickelt: Als Anzahlung erhalten sie Blüten oder Schwarzgeld aus Erpressung, Betrug, Drogenhandel, Auftragsmord. Oder sie werden aggressiv zum Devisentausch genötigt für Summen bis zu 100000 Franken. Sie werden gezwungen, grössere Beträge zu zahlen, damit ihren Angehörigen nichts geschieht, und auch schon mal offen «mit der Pistole bedroht», wie Daniel Buser, Sprecher der Polizei Basel-Landschaft, weiss. Nachdem sich jede Woche mehrere Bürger mit dubiosen Angeboten aus Italien meldeten, sah sich die Baselbieter Polizei kürzlich zu einer öffentlichen Warnung veranlasst.

Anzeige

«Hände weg von solchen Geschäften!», rät dringend auch der Geldwäschereiexperte Mark van Thiel. Der CEO der Beratungsfirma TvT Compliance kennt auch die Gründe, weshalb sich schräge Gestalten dermassen intensiv um den Schweizer Häusermarkt kümmern: «Der Immobilienhandel ist dem Geldwäschereigesetz nicht unterstellt.»

Zwar ist es nicht verboten, eine Anzahlung in Euro oder jeder anderen Währung anzunehmen, wenn sie im beurkundeten Vertrag als Bestandteil des Kaufpreises aufgeführt wird, erklärt der Jurist Reinhard Patrik Moeri, Mitarbeiter der Meldestelle für Geldwäscherei. Werde dagegen die Anzahlung gegenüber dem Notar verschwiegen und finde sie nicht Eingang in den beurkundeten Kaufvertrag, so machten sich beide Parteien der Erschleichung einer falschen Beurkundung schuldig und riskierten Zuchthaus bis zu fünf Jahren oder Gefängnis. Zudem liege ein Steuerdelikt vor, das nach kantonalem Recht beurteilt werde.

Anzeige

Ohnehin ist Geldwäscherei beim Immobilienkauf laut Moeri ein «relativ komplexer und risikobehafteter Weg», da eine Handänderung «immer behördenamtlich wird». Auch werde in Form des Verkäufers immer eine aussenstehende Drittperson einbezogen, «auf dessen Diskretion und Verlässlichkeit sich der Geldwäscher verlassen muss». Zudem bahnen sich auf internationaler Ebene Bemühungen an, den Immobilienmarkt der Geldwäschereikontrolle zu unterstellen. Auch die Schweiz dürfte sich dieser Entwicklung nicht verschliessen.

Wo es beim norditalienischen Rip Deal bleibt, besteht dagegen wenig Hoffnung auf Besserung. «Das Phänomen ist uns längst bekannt», sagt Falschgeldexperte Roger Schmidt. «Wir machten schon verdeckte Ermittlungen und versuchten, die Täter in die Schweiz zu locken erfolglos.» Gleichzeitig schaut Italiens Justiz dem Treiben meist tatenlos zu, weil sie gekennzeichnete Blüten nicht als Falschgeld betrachtet. Der Trick der Betrüger: In einem Koffer voller Geldbündel sind nur die oberen Scheine echt, die verdeckten Noten dagegen sind als «Faksimile» beschriftet.

Anzeige

Wer sich so etwas andrehen lässt, ist in den Augen der Richter selber schuld. Kommt es in seltenen Fällen zu einem Verfahren, wird es in der Regel eingestellt. Roger Schmidt sieht nur einen Weg, sich beim Verkauf von Häusern, Schmuck oder Wertgegenständen Raubhandelbanden vom Leib zu halten: ein Chiffre-Inserat.