Dort, wo Schillers Wilhelm Tell normalerweise den Tyrannen tötet, spielt am 19. Mai ein aktuelles Drama aus dem richtigen Leben: Auf dem Areal der Tellspiele Interlaken werden die Bürgerinnen und Bürger der Berner Gemeinde Matten entscheiden, ob sie in einem grösseren Ganzen aufgehen wollen.

Zur Debatte steht der politische Zusammenschluss mit Unterseen und Interlaken. Eine Machbarkeitsstudie, 1997 von den drei Gemeinden in Auftrag gegeben, zeichnet detailliert eine Fusion bis 2004 vor.

Eigentlich nichts Ungewöhnliches: In den letzten 50 Jahren haben sich rund 200 Gemeinden aufgelöst. Allein 1999 wurden vier überflüssig. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Und was am Zürichsee recht ist, wo die St. Galler Gemeinde Jona jüngst Rapperswil widerstand, scheint im Berner Oberland billig.

Bereits drei Versuche gescheitert

Zwar würde auch der Kanton Bern «eine Fusion begrüssen», sagt Regierungsrat Werner Luginbühl. Die drei Dörfer seien «geradezu prädestiniert» für einen Zusammenschluss. Doch ob es im Berner Oberland gelingt, ist fraglich: Man könne keine Gemeinde zwingen, sagt Luginbühl. Und im Gegensatz etwa zum Kanton Freiburg habe der klamme Kanton Bern leider «keine finanziellen Mittel», um Fusionen zu versüssen.

Seit 1914 sind schon drei Versuche gescheitert, die drei nur durch die Aare getrennten Dörfer Matten, Unterseen und Interlaken zusammenzubringen. Und weil das traditionell widerborstige Matten diesmal ein besonderes Pfand in der Hand hat, dürfte es umso schwieriger werden.

Geld versetzt Berge Just 1997 nämlich, als die neusten Fusionspläne bekannt wurden, anerbot sich der Bestsellerautor Erich von Däniken, rund 80 Millionen Franken in eine ausgemusterte militärische Flugpiste am Dorfrand von Matten zu stecken, um dort die «Rätsel der Welt» landen zu lassen (siehe Kasten).

Der angekündigte Millionenregen tut in Matten seine Wirkung: Bauern stellen plötzlich Forderungen, statt sich zu wehren und den guten Steuer- und Billettsteuerzahler möchten manche Mattner nicht gern mit den Leuten in Interlaken und Unterseen teilen.

Mit ihren tieferen Steuerfüssen wollten sich die Nachbarn an Matten gesundstossen, mutmasste etwa der Mattner Burgerpräsident Albert Ritschard. Er gehörte einst zu den ersten Kritikern von Dänikens. Einsprachen gegen den Park habe er inzwischen «unter Bedingungen» zurückgezogen, liess er als Präsident der politisch machtlosen, aber gesellschaftlich tief verankerten Burgergemeinde mitteilen.

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Gegen die Fusion ist er aber noch immer im Verein mit den andern Burgergemeinden. Das sei «auf persönliche Bereicherung oder Geltungsdrang ausgerichtete "Zwinggrinderei"», findet Albert Ritschard. Dabei zielt er besonders auf Interlaken, das in frühen Jahrhunderten ein Ortsteil von Matten gewesen ist: Dort seien sie «langsam am Ende», diagnostiziert Ritschard, aber bis heute habe «noch niemand zugegeben, dass der Absprung von Matten im Jahr 1838 ein riesiger Fehler war».