Dem Götti schwant bereits, dass er diese Weihnachten tiefer in die Tasche greifen muss. Und dennoch ist er zufrieden. Immerhin fördern Rollschuhe die Bewegung und stellen einen idealen Ausgleich zu Nintendo, Autorennbahn und Disney-Videos dar. Ausserdem - und das ist fast noch wichtiger - liegt ein klarer, erfüllbarer und auch mit den Eltern des Jungen besprochener Wunsch vor.


Denn anders als die nervtötende Blechtrommel, der ferngesteuerte Godzilla oder das Luftgewehr haben die Skates beste Aussichten, tatsächlich von Dennis benutzt zu werden. «Lärmender und blinkender Schrott sowie Merchandising-Figuren aus Zeichentrickfilmen landen subito auf dem Estrich», macht Dennis’ Mutter unmissverständlich klar.


Auf dem Estrich wartet bereits ein Arsenal von Spielsachen darauf, endlich freigegeben oder zumindest weiterverschenkt zu werden: zwei Billigst-Kindervelos, zwei Modelleisenbahnen, mehrere Dutzend Puppen und Stofftiere, ein ferngesteuertes Feuerwehrauto, drei Helikopter, zwei Flugzeuge, ein Ambulanzwagen, ein Kran, ein Bagger, ein Indianerfort samt Bewohner, mehrere Kisten Lego, einige Plastikschwerter von der Chilbi, eine Gummifledermaus und, und, und. Das Gesamtgewicht der zwischengelagerten Dinge: fast 170 Kilogramm!

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Dabei ist es keineswegs so, dass dem armen Buben Spielgerät vorenthalten würde. Wer Dennis in seinem Zimmer besuchen will, muss sich erst einmal einen Weg durch das verstreute Zeug bahnen: An der Playmobil-Ritterburg vorbei, durch eine Wüste von Lego- und Duplo-Steinen, kraxelt der Junge schliesslich aufs Bett und präsentiert uns strahlend das einzige Spielzeug, das noch nie des Zimmers verwiesen wurde: die blaue Handpuppe Anton, ein Werbegeschenk von der Zürcher Kantonalbank.


90 Franken pro Einwohner im Jahr

642 Millionen Franken wurden 1998 in der Schweiz mit Spielwaren umgesetzt - das sind rund 90 Franken pro Einwohnerin und Einwohner. Zwei Drittel des Geschäfts finden im Vorweihnachtsgeschäft zwischen Oktober und Dezember statt.


Der Schweizer Markt ist weitgehend aufgeteilt. Ein Viertel des Kuchens geht an die Spielwarengeschäfte, ein Viertel an die Grossverteiler Migros und Coop, ein weiteres Viertel an Warenhäuser und Kleinpreisgeschäfte sowie ein Viertel an Fachhändler, Versandhäuser und Unterhaltungselektronikgeschäfte.

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Auch in der Schweiz dominieren die weltweiten Branchenleader. So kommen allein der Barbie-Hersteller Mattel, Nintendo, Lego, Ravensburger und Hasbro («Monopoly») zusammen auf gegen fünfzig Prozent Marktanteil. Daneben hat es reichlich Platz für Nischenprodukte, die sich immer wieder zu Verkaufsschlagern entwickeln.


Wer Kinder, Enkel oder Nichten hat, weiss: Der Spielzeugverkauf ist ein klassisches «Me too»-Geschäft. Kaum ist der Furby auf dem Markt, geht das Geschrei um den sprechenden Wicht los: «So einen will ich auch!» Vor allem die Hersteller von elektronischem Spielzeug setzen voll auf den Trendfaktor der Produkte.


«Die Werber wissen ganz genau, wie sie die Kinder ansprechen müssen», erklärt der Pädagoge Marco Hüttenmoser vom Marie-Meierhofer-Institut für das Kind in Zürich. «Kinder beurteilen die Spielsachen allein aufgrund ihres Äusseren; das ist für den Verkäufer ideal.» Umso wichtiger ist es, dass man die Masche durchschaut. Denn wer nachgibt, hat das Geschenk im doppelten Sinn. «Oft kann man mit den Dingern nicht viel mehr machen, als sie anzuschauen. Das frustriert das Kind - allerdings erst zu Hause», sagt Hüttenmoser.

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Werber ködern Eltern und Kinder

Aber auch die Eltern werden von den Werbern geködert. So wird dem Verantwortungsgefühl am ehesten entsprochen, wenn ein Spielzeug das Kind unterhält, das Spiel in der sicheren Wohnung stattfindet und möglichst wenig Unordnung entsteht.


Wer Kindern sinnvolle Spielsachen schenken will, kommt nicht darum herum, sich ein bisschen Zeit zu nehmen. Hüttenmoser: «Man sollte mit dem Kind spielen und beobachten, was ihm besonders gefällt. Dabei sieht man, was es überhaupt gebrauchen kann und was allenfalls vorhandenes Spielzeug ergänzt.»


Auch im Laden soll man sich die Zeit nehmen, das begehrte Spielzeug aus der TV-Werbung mit den Kindern ausgiebig anzuschauen. «Wenn sie begreifen, dass man mit einem Gerät praktisch nichts anfangen kann, wollen sie es in der Regel auch nicht mehr», meint der Pädagoge.

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Und wenn alles nichts nützt, ist man ja immer noch derjenige mit dem Portemonnaie im Sack. «Wo immer möglich sollte man auf den moralischen Zeigefinger verzichten. Man darf aber auch nicht davor zurückschrecken, die kindlichen Wünsche zu steuern», sagt Marco Hüttenmoser.


Ubrigens: Auf Dennis’ Wunschliste figurieren neben den Inline-Skates ein PC-Spiel, Lego und Playmobil. Blinkende Roboter hat er sich abgeschminkt: «Die schliesst Mami sowieso weg.»

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