Heidi Weber hätte Bundesrat Christoph Blocher gerne ihre Geschichte erzählt. Doch der Justizminister, der sich mit Vorliebe auf das Volk beruft, hat keine Zeit, jemanden aus dem Volk anzuhören. Er liess dem Beobachter, der in Bern um Audienz bat, ein Nein ausrichten. Sein Sprecher nannte als Begründung, es handle sich um ein «gesellschaftliches Problem». Eine entlarvende Antwort - als ob sich Bundesräte von so genannt gesellschaftlichen Problemen dispensieren könnten.

Im Frühling berichtete der Beobachter (siehe Artikel zum Thema «Adoption: ‹Sie rissen mir mein Kind aus den Armen›»), dass bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts viele Mütter unter grossem Druck ihre unehelichen Kinder zur Adoption freigaben, einige sogar gegen ihren Willen. Aussereheliche Kinder galten lange Zeit als Schande; erst 1978 wurden sie den ehelichen gleichgestellt. Ledige Mütter erhielten bis dahin einen Amtsvormund, der sie nach Belieben kontrollierte.

Heidi Weber, 66, sitzt in der Stube, sie erzählt, atemlos, aus der Küche plätschert Radio DRS 2, unablässig springt sie im Geäst ihres Lebensbaumes hin und her, nie lange sitzen bleibend. Manchmal weint sie leise und wischt sich mit dem Taschentuch die Tränen weg. Sie wirkt nicht verbittert. Drei Kinder von drei Männern hat sie als junge Ledige geboren. Sie arbeitete «im Service», kam viel herum, etwa in den «Emmentalerhof» in Thun; dort ging sie mit einem Koch, doch der machte sich aus dem Staub, als sie schwanger wurde. Der Zweite war bereits verheiratet. Und der Dritte, Beats Vater, wollte ebenfalls nichts wissen von einem Kind. «Du meine Güte», entfährt es ihr, als ob sie selber immer noch staune über ihr Schicksal. Eine Abtreibung kam für sie nicht in Frage: «Meine Grossmutter lehrte mich: Hasts lieber auf dem Kissen statt auf dem Gewissen.»

Ihre ersten beiden Kinder nahmen ihr die Behörden weg, als sie ihr drittes 1967 im Zuger Liebfrauenspital entband. Sie sah es nur einmal von weitem auf dem Wickeltisch. «Ich musste im Spital einen Zettel unterschreiben - keine Ahnung, was das war. Ich war in so einem Zeug drin.» Sie unterschrieb damit ziemlich sicher die Freigabe ihres Buben zur Adoption. Seither ist er jedenfalls verschwunden. Wahrscheinlich heisst er Beat, die Mutter kann es nur vermuten, denn die Hebamme fragte noch, wie der Name des Bübleins lauten solle. Die eigene Mutter warf Heidi Weber sogar vor, «nicht mal ein Tier würde sein Kleines weggeben». Als ob sie freiwillig auf ihr Kind verzichtet hätte.

Die Mütter haben kaum Aussichten
Die Chancen stehen schlecht für die Mutter, ihren verlorenen Sohn zu finden. Wegen des Adoptionsgeheimnisses hat sie kein Recht, die Identität ihres Kindes zu erfahren. Das Parlament könnte dies ändern: Der Nationalrat wird demnächst eine Motion der Zürcher CVP-Frau Rosmarie Zapfl behandeln. Sie will betroffenen Müttern das Recht geben, die Identität ihrer adoptierten erwachsenen Kinder zu erfahren. Das zuständige Justizdepartement von Bundesrat Blocher allerdings hält das für «psychosozial heikel». Dabei ist nicht mal klar, ob das Adoptionsgeheimnis für diese Mütter überhaupt gilt. Denn vor 1973 ging es um einfache Adoptionen, die die Rechtsbeziehungen zu den leiblichen Eltern nicht erlöschen liessen. Nach einer Gesetzesrevision wurden sie ohne Zustimmung der leiblichen Eltern im Nachhinein in Volladoptionen umgewandelt, für die das Adoptionsgeheimnis gilt.

Eine Woche nach der Entbindung arbeitete Heidi Weber bereits wieder als Serviertochter im «Kronenberg» in Thalwil. Sie musste Geld verdienen. Im «Tagblatt» stiess sie in jenen Tagen zufällig auf ein Inserat: Eine Pflegefamilie für zwei Geschwister wurde gesucht. Wie sich später herausstellen sollte, waren es ihre eigenen Kinder, die da weggegeben wurden. Erst Jahre danach, als sie heiratete, durften die beiden zur Mutter zurückkehren.

Die Jahre gingen ins Land, die Wunde heilte, zumindest oberflächlich. Dann, 1987, brach sie wieder auf. Es meldete sich der Gemeindepräsident des ehemaligen Wohnorts. Ihr Sohn, mittlerweile 20, habe ihn kontaktiert und beauftragt, ihr 500 Franken auszuhändigen. Der Kurier konnte oder wollte nicht sagen, wo sich der Sohn aufhält; dieser sei nicht bereit, sich zu erkennen zu geben. Heidi Weber fragt sich seither andauernd: «Wieso tut mir mein Sohn das an? Hat er ein so schlechtes Bild von mir?»

Nun wuchs in der Mutter erst recht der Wunsch, ihren Sohn zu finden. «Ich möchte ihm erklären, wie es damals war.» Sie versuchte es im deutschen Privatfernsehen bei einer Suchsendung. Dort hätte sie gerne gesagt: «Beat, bitte melde dich!» Doch 1998, bevor ihr Dossier an die Reihe kam, wurde die Sendung eingestellt. «Du meine Güte.»

Sie wartet weiter. Am liebsten wäre ihr, Beat würde eines Tages einfach vor der Tür stehen. Vielleicht nächstes Jahr, wenn er 40 wird. Man ahnt, mit welchen Worten Heidi Weber ihn begrüssen würde.

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