Ende Januar 2005 heirateten Kevin und ich. Eine Liebeshochzeit. Das war 14 Monate, bevor er hingerichtet wurde. Bei der Eheschliessung gab mir sein Vater stellvertretend für ihn das Jawort. Kevin war wegen Mordes zum Tod verurteilt, durfte den Todestrakt nicht verlassen und wir nicht zu ihm hinein.

Angefangen hatte alles mit einem Brief. Die Babysitterin meiner Kinder verfasste eine Arbeit über die Todesstrafe. Wir diskutierten viel. Das Thema liess mich nicht mehr los. Ich wandte mich an die Organisation Lifespark, die sich um Todeshäftlinge kümmert, und erhielt die Adresse von Kevin Kincy. In meinem ersten Brief stellte ich mich vor. Ich schrieb, was ich hier erlebte, er erzählte mir, was ihm dort widerfuhr. Wir brachten uns bald zum Lachen, bald zum Weinen.

Sieben Monate später besuchte ich ihn das erste Mal. Das war 1998. Zusammen mit seiner Mutter und seiner Tochter sass ich ihm gegenüber. Gefängnis Ellis Unit, Huntsville, Texas, USA. Am Eingang musste ich meinen Pass hinterlegen, mein Rückflugticket vorweisen und mich an die strengen Kleidervorschriften halten: Man durfte kaum nackte Haut zeigen, ja sogar zehenfreie Sandalen waren verboten. Getrennt durch eine Scheibe und feinmaschiges Gitter, konnten wir uns nicht einmal die Hand reichen. Den Angehörigen soll es möglichst schwer gemacht werden, den Kontakt aufrechtzuerhalten.

Der Griff nach jedem Strohhalm
Kevin und ich spürten sofort, dass wir seelenverwandt waren. Wer sich unzählige mehrseitige Briefe schreibt, kann sich rasch näherkommen und wird vertrauter als in einer Beziehung, in der man vor lauter Alltagsstress kaum mehr Zeit zu zweit verbringen kann.

Wenn ich konnte, flog ich einmal im Jahr nach Texas. Pro Monat durfte Kevin an zwei aufeinanderfolgenden Tagen für je vier Stunden Besuch empfangen. So verbrachte ich beim Monatswechsel total 16 Stunden mit ihm, vorausgesetzt, die Haftbedingungen wurden nicht plötzlich verschärft. Einmal sah ich ihn deshalb für gerade zwei Stunden.

Die Wärter liessen mich spüren, dass ich nicht willkommen war. Vor Kevins Hinrichtung bestellte mich der Direktor immer wieder zu sich und fragte, wann ich endlich wieder abfliegen würde. Ich solle mich lieber um meine eigenen Angelegenheiten kümmern. Auch einer der Gefängnispfarrer hätte mich am liebsten gleich nach China verfrachtet, nachdem ich ihm erklärt hatte, ich fände es unhaltbar und unmoralisch, dass sich die Kirche nicht deutlich von der Todesstrafe distanziere.

Was ich erlebt habe, bestärkt mich in der Ablehnung der Todesstrafe. Obwohl es starke Zweifel gab an Kevins Schuld, war er als vorbestrafter Schwarzer, ohne Geld und Beziehungen, vor Gericht chancenlos. Andere Kriminelle belasteten ihn. Im Gegenzug wurden deren Strafen gemildert. Es will mir nicht in den Kopf, wie ein Staat seinen Bürgern erklären will, wie verwerflich es ist, jemanden zu töten, wenn er selbst Menschen umbringt. 13 Jahre sass Kevin in der Todeszelle. Er wusste nie, wann er hingerichtet würde. Seine Eltern sind daran zerbrochen.

Zusammen mit Kevins Familie habe ich alles versucht, um sein Leben zu retten. Zuerst schrieb ich George W. Bush, damals noch Gouverneur von Texas. Ich war der Meinung, dass ich etwas erreichen könnte, wenn ich mich nur genug engagiere. Wie naiv ich war! Ich sammelte Unterschriften, Geld, schrieb Dutzende von Briefen an Politiker. Ja, selbst dem Filmemacher Michael Moore schickte ich ein Dossier. In der Verzweiflung griffen wir nach jedem Strohhalm. Doch brauchbare Unterstützung fanden wir keine.

Ein Wunder nach acht Jahren
Bei meinem allerletzten Besuch durfte ich Kevin noch einmal durch die Glasscheibe sehen und durch ein Telefon mit ihm sprechen. An seiner Hinrichtung am 29. März 2006 war ich ihm zuliebe dabei. Ich wollte, dass er jemanden ansehen konnte, der ihn liebte, und nicht in ein gleichgültiges oder gar hasserfülltes Gesicht blicken musste. Nachdem er an der Giftspritze gestorben war, interessierte sich niemand mehr für ihn. In der Aufbahrungshalle durfte ich ihn zum ersten Mal berühren.

Anzeige

Wenn die Leute in Amerika wüssten, welche verheerenden Auswirkungen die Todesstrafe hat, wenn sie besser aufgeklärt würden, dann wäre vielleicht eine Mehrheit dagegen. Doch für die meisten ist das kein Thema, sie sind damit aufgewachsen und denken nicht darüber nach, solange sie nicht persönlich betroffen sind.

Ich schreibe noch einem anderen Häftling, der eine lebenslange Haftstrafe, 75 Jahre, absitzen muss. Er ist schwarz, mittellos, ohne Familie. Auch er wurde vor Gericht von Zeugen beschuldigt, die mit der Staatsanwaltschaft einen Deal abgeschlossen hatten. Inzwischen hat sich jedoch eine Zeugin bei ihm für ihre Falschaussage entschuldigt. Wir schickten sein Dossier hundertfach an die Medien in ganz Texas. Ohne Erfolg. Doch jetzt geschah ein Wunder: Nach acht Jahren Suche meldete sich ein Anwalt, der schon einmal mitgeholfen hatte, einen Unschuldigen freizubekommen. Er hat bereits begonnen, unentgeltlich zu recherchieren, und ist von der Unschuld des Häftlings überzeugt.

Den Menschen, die Kevin getötet haben, habe ich inzwischen vergeben. Ich bin sicher, es geht ihm jetzt besser als damals, als er in diesem Loch leben musste.

Anzeige