Es gibt Tage – und es waren einige in diesem zu Ende gehenden turbulenten Jahr – da möchte man am liebsten nichts mehr sehen und hören vom Wüten der Welt, von Terroranschlägen, Finanzkrisen, EU-Streitereien, Syrienkrieg und all den News, Fake-News und dem vieles überdeckenden glitzernden Selfie-Wahn einer globalisierten Gesellschaft, in der alles immer lauter, hektischer und unübersichtlicher wird.

Leise, aber immer quälender nagt das Gefühl in uns, dass die Dinge gefährlich aus dem Lot geraten sind. Dass die Finanzwirtschaft nur noch ein Tanz auf dem Vulkan ist, dass Migrationskrisen und Verteilkämpfe drohen, die wir nicht bewältigen können, dass wir die Ökosysteme unseres Planeten unheilbar beschädigt haben, und dass wir alle mit dem stets wachsenden Tempo der Entwicklung und der Komplexität der Steuerung des Raumschiffs Erde überfordert sind. So fliegen wir in vollem Tempo weiter und ahnen doch, dass es so nicht mehr lange weitergehen kann.

Quelle: Beobachter (Montage)
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«Es gibt eine dumpfe, stille Resignation, ein lähmendes Ohnmachtsgefühl.»

Es gibt verschiedene individuelle Strategien, um damit umzugehen. Man kann die negativen Nachrichten verdrängen nach dem Rezept «Augen zu und durch»: alles nicht so schlimm, alles irgendwie schon dagewesen. Oder aber man kann auf die Macht der Innovation und der Veränderung setzen nach dem Motto «Schau nach vorn, nicht zurück» und daran glauben , dass sich irgendwie irgendwann schon eine Lösung finden wird, auch wenns dazwischen Rückschläge gibt.

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Es gibt aber auch eine dumpfe, stille Resignation, ein lähmendes Ohnmachtsgefühl: Was wir als Einzelne bestimmen oder beeinflussen können, wird ohnehin nichts ändern, und die da oben machen ja ohnehin, was sie wollen. Und es gibt schliesslich die verbreitete, aber vielleicht gefährlichste Reaktion von allen: die Rette-sich-wer-kann-Lösung. Die Devise dahinter: Die Welt geht ohnehin zugrunde, ich schaue jetzt nur noch für mich.

Der Glaube an die eigene Kraft

Aber es gibt in solch unsicheren Zeiten auch noch ein anderes Rezept, das wir vielleicht wieder stärker beachten sollten. Es ist der Glaube an die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten. An die Chancen in unserem eigenen, unmittelbaren und mittelbaren Umfeld. Veränderungen, die etwas bewirken, das hat uns die New Economy mit Facebook, Airbnb und Crowdfunding-Angeboten eindrücklich bewiesen, geschehen stets von unten. Sie sind auf jedem Gebiet möglich, längst nicht nur in der digitalen und virtuellen Welt, sondern auch im ganz konkreten Alltag. Diese Veränderungen, diese Chancen beginnen mit unseren eigenen Ansprüchen und unseren eigenen Zielen. Was macht uns glücklich? Was brauchen wir wirklich im Leben? Worauf können wir ohne grossen Verlust verzichten? Und was ist das, was am Ende für uns zählt?

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Sicher: Es ist enger geworden auf der Welt. Der uns zur Verfügung stehende Raum schmilzt dahin, weil die Menschen so viele mehr geworden sind. Wir kämpfen zunehmend um die Verteilung, nicht mehr um die Erschliessung von Entwicklungsmöglichkeiten. Und das Netz von gegenseitigen Abhängigkeiten und Sachzwängen ist längst so dicht gesponnen, dass sich bald jedes Handeln als «alternativlos» rechtfertigen lässt.

«Wir sind – vor allem in Europa – anscheinend gelähmt in einer Abstiegsangst.»

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Aber wir dürfen uns nicht vom Gefühl dominieren lassen, uns sei die Zukunft abhanden gekommen. Gabs nicht bis vor wenigen Jahren noch grosse Aufbruchstimmung? Visionen von einer grüneren, lebenswerteren Welt, in der die Menschen träumten von kühn gebauten modernen und luxuriösen Megastädten mit weiten grünen Oasen rundherum, angenehmen Arbeitsplätzen für jedermann, mit modernsten öffentlichen und privaten Transportmitteln und möglichst nachhaltiger Energieerzeugung. 

Und heute? Nichts mehr davon. Wir sind – vor allem in Europa – anscheinend gelähmt in einer Abstiegsangst. Voll beschäftigt im Kampf, das Errungene möglichst nur noch zu bewahren und zu verwalten mit den Rezepten von gestern: mehr quantitatives Wachstum, und das um jeden Preis, nur um mitzuhalten und möglichst keine Anteile am Weltmarkt zu verlieren. Die Folge ist: noch mehr Druck, noch mehr Unsicherheit, noch mehr Angst.

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Was brauchen wir wirklich?

Lassen wir uns nicht zu sehr einspannen in dieses Hamsterrad, lassen wir uns nicht runterziehen in diesen Mahlstrom von Nachrichten aus aller Welt. Wir können Gestaltungsraum zurückgewinnen, wenn wir uns vermehrt fragen, was wir wofür tun und was wir wirklich brauchen für unser privates Glück. Was wir warum glauben erreichen zu müssen oder was wir uns anschaffen möchten und vor allem auch: worauf wir ohne grossen Verlust verzichten können.

Die wesentlichen Werte, die wir uns in unserem Leben wünschen, die entscheidend sind für jedes private Glücks- und Zufriedenheitsempfinden, haben sich nicht verändert durch all die Dinge, die uns angeboten werden, die Möglichkeiten, die uns heute offen stehen. Es sind dieselben wie sie es schon immer waren: Wir sehnen uns in aller erster Linie nach Liebe, nach Sicherheit, nach Aufgehobenheit.

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«Die Chancen und das Glück liegen in den kleinen Dingen.»

Diese Werte sind ganz eng verknüpft mit unserem engsten Umfeld. Aber diese Werte entstehen nicht, wenn wir sie einfordern von einer höheren Instanz. Von der Politik, die ihnen möglichst universell und abstrakt Nachachtung verschaffen soll, von den Arbeitgebern, die sich mehr um ihre Mitarbeiter kümmern sollen. Sie entstehen und werden stets genährt von unten nach oben. Durch unser eigenes Verhalten gegenüber unsern Nächsten, gegenüber unsern Mitmenschen, gegenüber unserm unmittelbaren Umfeld.

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Die Chancen und das Glück liegen in den kleinen Dingen, in der Zeit, die wir uns nehmen, auf andere einzugehen, mehr zuzuhören als zu reden. Unser Beitrag zu einer besseren Welt beginnt bei uns selber, damit, was wir tun und lassen und wem wir damit helfen oder schaden. Wir wissen alle, wie wichtig das ist und was wir damit auch für uns selber gewinnen können. Und das Beste ist: Wir haben jeden Tag eine neue Chance dazu.

Ich danke Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, für Ihr Vertrauen im vergangenen Jahr und wünsche Ihnen im Namen unseres ganzen Teams ein paar ruhige und besinnliche Tage übers Weihnachtsfest.