«Mein Mann ist ein Genie.» Der Satz, der erste nach der Begrüssung, passt nicht. Nicht zur Umgebung und nicht zu dem Mann, auf den er gemünzt ist. Die Umgebung: ein zur Wohnung umfunktioniertes Ladenlokal in einem kleinen Dorf in den Bergen. Der Raum ist Wohnzimmer, Büro und Küche zugleich.

Der Satz passt auch nicht zu dem Mann, der still im Wohnzimmer sitzt. Nicht im ersten Moment jedenfalls. Alfred Schmid*, Jahrgang 1924. Erfinder, Planer, Organisator, Initiator. Seine Frau Elena ist deutlich jünger als er und erledigt mit Einsatz und Engelsgeduld, was er nicht mehr kann. Sie telefoniert. Sie schreibt Mails. Sie kämpft für ihren Mann. Dafür, dass er endlich die Anerkennung erhält, die ihm gebührt. Und sie kämpft um ein Honorar von 280'000 Franken, das ihm ihrer Ansicht nach zusteht. Die Rechnung dafür haben Elena und Alfred Schmid am 4. April 2013 an Energie Wasser Bern (EWB) geschickt, den städtischen Energieversorger der Bundesstadt. «Rechnung über 280'000 Franken» steht zuoberst und darunter «Erbrachte Leistungen». Als Punkt 1 ist aufgeführt: «Idee, Pionier-Arbeit, Initiative».

Die Geschichte, um die es hier geht, ist die Geschichte dieser Idee, erzählt aus der Perspektive von Alfred und Elena Schmid. Das EWB will sich nicht dazu äussern. Eine Zusage für ein Gespräch hat die Kommunikationsabteilung kurzerhand rückgängig gemacht, und auch auf schriftliche Fragen will man nicht antworten. Die Forderungen entbehrten jeder rechtlichen Grundlage, schreibt eine Sprecherin in einer kurzen Mail, mit bestem Dank für die Kenntnisnahme.

Eine naheliegende Idee

Die Idee, die sich bei Alfred Schmid irgendwann im Verlauf des Jahres 2010 materialisiert hat, ist simpel und naheliegend: Im Luzerner Hinterland, wo mehr Schweine als Menschen leben, fallen Unmengen von Gülle und Schlachtabfällen an.

Es ist der ideale Standort für eine Biogasanlage. Es soll eine wahrhafte Pionieranlage sein: Alfred Schmid will damit nicht nur Gas herstellen, sondern dieses in einem Blockheizkraftwerk auch gleich in Strom umwandeln und mit der Abwärme eine Trocknungsanlage für Holzpellets betreiben.

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Am 30. Juli 2010 schaltet Alfred Schmid deshalb in der «Tierwelt» ein Chiffre-Inserat: «Investor sucht Land zur Erstellung einer Biogasanlage.» Das stimmt nur halb, denn Alfred Schmid hat kein Geld, aber er ist felsenfest davon überzeugt, dass er einen Investor finden wird, sobald er nur das entsprechende Grundstück für die Anlage vorweisen kann. Alfred Schmid lernte einst Automechaniker, arbeitete als Chauffeur und baute ein Kieswerk auf. Nach seiner Pensionierung begann er, sich mit Holzpellets und erneuerbaren Energien zu beschäftigen.

Die Idee der Biogasanlage nimmt Form an

Das Inserat hat schnell Erfolg. In Richenthal in der Luzerner Gemeinde Reiden will der Gärtner Peter Binder eine Hektare Land samt Halle verkaufen. Die Idee einer Biogasanlage ist ihm vertraut, weil er selber schon eine Machbarkeitsstudie dafür hat erstellen lassen – mit positivem Resultat. Alfred Schmid und der Gärtner einigen sich auf einen Kaufpreis und unterschreiben eine Absichtserklärung.

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Das «Projekt 6263 Richenthal» nimmt Form an, erst recht, als auch ein potenzieller Investor gefunden scheint: Energie Wasser Bern, der Energieversorger der Bundesstadt mit 420 Millionen Umsatz und fast 600 Angestellten, interessiert sich für die Idee des Einmannunternehmens von Alfred Schmid. «Mein Mann ist halt ein Genie», sagt Elena Schmid. «Das haben die erkannt.»

Sie fahren von Hof zu Hof und verhandeln mit den Landwirten.

In den folgenden Monaten sind Alfred und Elena Schmid im Kanton Luzern unterwegs. Sie fahren von Hof zu Hof und verhandeln mit den Landwirten über Gülle und Schlachtabfälle oder, wie es im Branchenjargon heisst, über Substrat für die Biogasanlage. «Wir sassen nächtelang mit den Bauern am Tisch», sagt Elena Schmid. Die handgeschriebene Liste mit Zusagen für den wertvollen Rohstoff füllt sich stetig.

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Auch beim EWB fangen die Räder an zu drehen. Tolek Gomulka, Projektleiter im Ressort Produktionsfolio, verfasst zuhanden der Geschäftsleitung eine 13-seitige Dokumentation, die sich wie ein Empfehlungsschreiben liest. Dazu übernimmt er ganze Passagen aus der Machbarkeitsstudie von Gärtner Peter Binder, andere aus den Berechnungen von Alfred Schmid. Als persönliche Einschätzung schreibt er: «Der Planungsstand ist weit fortgeschritten. Die Basicplanung ist abgeschlossen, die technische Detailplanung muss noch in einigen Punkten weiter fortgeführt werden.»

Auch für Alfred Schmid findet er nur lobende Worte: «Herr Schmid hat grosse Erfahrung in Tätigkeit mit Holz und allen Abfällen aus Wald, Landwirtschaft und kennt deshalb die Situation im Schweizer Abfallmarkt gut.»

Der Projektleiter nährt ihre Hoffnung

Am 20. April 2011 unterschreibt Alfred Schmid einen «Letter of Intent», eine Absichtserklärung, dass er und EWB «in ernsthafte Vertragsverhandlungen» treten, «ohne sich zum Abschluss eines Vertrags […] verpflichten zu wollen». In dem Dokument steht allerdings auch, dass «keine der Parteien aus dem vorliegenden Letter of Intent irgendwelche rechtlich durchsetzbaren Rechte ableiten kann». Im Klartext heisst das: Wenn kein Vertrag zustande kommt, kann Alfred Schmid dem EWB die geleistete Arbeit nicht in Rechnung stellen.

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Für das EWB unterschreiben Tolek Gomulka und sein Vorgesetzter Jonas Beutler. Erst viel später, als das Tuch zwischen ihnen und dem EWB längst zerrissen ist, entdecken Elena und Alfred Schmid, dass dieser «Letter of Intent» möglicherweise gar nie gültig war. Gomulka und Beutler hatten beide Kollektivprokura zu zweien, aber diese war zwei Wochen vor dem Verfassen des Briefs aus dem Handelsregister gestrichen worden.

«Die Firmenleitung gibt grünes Licht für die nächste Etappe. Dann folgt die Hiobsbotschaft.»

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Für Alfred und Elena Schmid bedeutet das Dokument die grosse Hoffnung. Sie vertrauen fest darauf, dass ihr Projekt realisiert wird. Diese Hoffnung wird von Projektleiter Gomulka immer wieder genährt: «EWB ist an einer Investition und Realisierung dieser Anlage interessiert», schreibt er am 11. Mai.

Im Juni schickt er eine Excel-Liste, auf der Elena Schmid alle bisher kontaktierten Güllelieferanten eintragen soll. Sie tut wie geheissen, schliesslich hat Gomulka eben erst den «Letter of Intent» um drei Monate verlängert und in einer Mail ausdrücklich als «Geheimhaltungs- und Zusammenarbeitsvertrag» bezeichnet.

Das EWB sichert Hilfe zu

Vier Monate gehen ins Land. Erst am 21. September 2011 meldet sich Gomulka wieder. Er hat gute Nachrichten. «Unsere GL hat uns für die nächste Etappe grünes Licht gegeben», schreibt er. «Ein konkretes Anlagen-, Logistik-, Wärme- und Wirtschaftskonzept sollte bis zum Ende des Jahres von Ihnen, mit der Unterstützung der EWB und anderen, erstellt werden.»

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Ein paar Wochen später vergibt der EWB-Projektleiter konkrete Aufträge: «Herr Schmid Zuständigkeit: Planung und Realisierung eines Trocknungswerks am Standort der Biogasanlage zur Nutzung der Abwärme aus dem Blockheizkraftwerk. Gegebenenfalls Unterstützung bei Substratlieferantenanfragen und Verhandlungen.»

Wieder vergehen Monate. Alfred und Elena Schmid konkretisieren das Projekt. Die Berechnungen schicken sie wie verlangt an Tolek Gomulka. Immer wieder versuchen sie, ihn zu erreichen. «Mindestens zweimal pro Woche haben wir angerufen», sagt Elena Schmid. «Wir haben auf die Combox gesprochen oder bei der Zentrale gebeten, dass er zurückrufen soll, aber er hat sich nie gemeldet.» Im April 2012 erhalten sie endlich einen Termin an der Monbijoustrasse 11 in Bern, dem Hauptsitz des EWB. Gomulka präsentiert den neusten Stand des Projekts , aber einen Vertrag oder feste Zusagen erhalten Alfred und Elena Schmid nicht. «Immer wenn es konkret wurde, begann er herumzudrucksen», sagt Elena Schmid.

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Im April 2012 erhalten Schmids einen Termin am Hauptsitz der EWB – einen Vertrag oder feste Zusagen aber nicht.

Quelle: Andreas Gefe

Die Hiobsbotschaft kommt letztlich auf Nachfrage von Elena Schmid, die wieder monatelang nichts gehört hat, am 12. Juli 2012 per Mail in bruchstückhaftem Deutsch: «Guten Tag, ich sehr viel beschäftigt. Wir das Biomasseanlage mit hoher Wahrscheinlichkeit machen, mit Herrn Binder. Das Holzprojekt werden wir nicht machen. Gruss, Th. Gomulka.»

Alfred und Elena Schmid realisieren: Das ist das Ende ihres «Projekts 6263 Richenthal». Sie sind draussen, ohne dass sie genau wissen, warum.

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Nun versuchen sie zu retten, was möglicherweise noch zu retten ist. Sie wollen für die Aufträge, die ihnen Gomulka immer wieder erteilt hat, entschädigt werden. Wiederum versuchen sie wochenlang, mit Gomulka einen Termin zu finden. Dieser fordert sie schliesslich auf, eine Auflistung der «Arbeit/Dienstleistung für das Projekt samt Angebotspreis» zu erstellen. Die Schmids rechnen. Sie kommen auf 280'000 Franken, zwei Prozent der gesamten Projektkosten. Als Gomulka nach mehrmaligen Absagen endlich bei ihnen im Büro sitzt, findet er diesen Preis realistisch.

Nun antwortet der Rechtsdienst

Alfred und Elena Schmid schicken dem EWB eine Rechnung. Es ist eine Rechnung, die kein Buchhalter und schon gar kein Revisor akzeptieren würde: ein A4-Blatt mit einer Liste, die 20 Punkte umfasst, aber keine Angaben über Zeit- oder Materialaufwand enthält.

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Die Absage kommt vom Leiter des Rechtsdienstes des EWB an den Rechtsanwalt, den sich das Ehepaar mittlerweile genommen hat. «Es besteht keine rechtliche Grundlage für eine Forderung gegenüber EWB», schreibt er. «Es gab nie einen Auftrag.»

Elena Schmid schreibt einen weiteren Brief, diesmal an den Verwaltungsratspräsidenten des EWB, und bittet ihn um ein Gespräch. In grossen farbigen Lettern listet sie die Geschichte auf, Punkt für Punkt, mit Daten und Uhrzeiten: «Wir haben gemeint, dass der Mitarbeiter Ihrer Firma EWB Bern korrekt ist und was er verspricht auch einhält», schreibt sie. Oder: «Sie sind die Hauptstadt der Schweiz. Sie sollen mit Beispiel und vorbildlichem Verhalten dienen!»

Die Antwort kommt wiederum vom Rechtsdienst, kalt und nüchtern. «Aus Ihrem Schreiben ergeben sich keine neuen Anhaltspunkte», heisst es. Das EWB weise die Forderungen zurück.

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Alfred und Elena Schmid bleiben eine Reihe Ordner im Büchergestell. Nutzlos gewordene Berechnungen über Substratmengen, Wärmeleistung und Rentabilität. An manchen Tagen hoffen sie immer noch, dass ein Wunder geschieht und das EWB sich zumindest zu einer Geste entschliesst und freiwillig etwas von ihrem Aufwand entschädigt, denn einen Anwalt können sie sich nicht mehr leisten. Und an manchen Tagen bleibt nur die Verbitterung. «Wir waren vielleicht naiv», sagt Elena Schmid. «Aber wir haben für das EWB gearbeitet. So kann man doch nicht mit uns umgehen.»

Tolek Gomulka arbeitet weiterhin beim EWB. Das «Projekt 6263 Richenthal» jedoch wurde nie gebaut. Nach monatelangen Abklärungen stellten das EWB und seine Projektpartner im Frühling 2013 fest, dass die Zufahrtsstrasse dafür zu schmal ist.

* alle Namen geändert.

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