Meist werden wir nicht mit offenen Armen empfangen. Schuld daran sind die vielen Gerüchte, die über Ebola kursieren. Dass die Krankheit von Schlangen übertragen werde, dass sie gar nicht existiere, dass wir den Toten Organe entnehmen würden oder die Leute absichtlich ansteckten. Deshalb sage ich immer: «Ein Ebola-Ausbruch, bei dem mein Auto nicht mit Steinen beworfen wird, ist kein Ebola-Ausbruch.»

Die meisten Einheimischen leben sehr isoliert, haben weder Fernsehen noch Telefon, geschweige denn Internet. Wenn es dann im Radio heisst, die Weissen brächten Ebola nach Afrika, muss man sich nicht wundern. Dass gewisse Organisationen von Anfang an in Schutzanzügen in den Dörfern auftauchen oder Sierra Leo­nes Regierung gleich eine dreitägige Ausgangssperre verhängt, ist zudem eher kontra­produktiv. Teilweise wird auch «Jagd» auf Menschen mit Fieber gemacht – dabei ­haben in den betroffenen Ländern so viele Malaria, dass Fieber ein alltäg­liches Sym­ptom ist. Das alles macht Angst.

«Es fühlt sich an wie im Kriegsgebiet»

Ich bin schon seit dem ersten Ausbruch 2007 in Uganda dabei. Ich war im Kongo, in Guinea, Sierra Leone und jetzt in Liberia.Geändert hat sich vor allem die Dimen­sion. Wir von Ärzte ohne Grenzen wissen durchaus, was gemacht werden müsste. Doch wir können die ganze Arbeit einfach nicht allein leisten. Wir haben zu wenig –und zu wenig erfahrenes – Personal und zu wenige Betten. Wir rennen der Seuche quasi hinterher, sind vor allem palliativ tätig. Wir müssen Kranke aus Platzmangel sogar zurückweisen. Das ist frustrierend.

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Emotional besonders fordernd ist, wenn man ganze Familien wegsterben sieht. Oder wenn plötzlich drei Vollwaisen vor einem stehen, die bei ihrem Grossvater hätten unterkommen sollen, der sie aber nicht in sein Haus lässt.

Ein Desaster: In den Strassen liegen ­Tote, fast ganze Dörfer sind ausgerottet. Ich habe schon in Kriegsgebieten gearbeitet, das fühlt sich ähnlich an. Es ist ja nicht nur die Krankheit, es geht auch um die Begleiterscheinungen, etwa um die fehlende Nahrung. Die Menschen trauen sich aus Angst vor Ansteckung kaum mehr auf die Felder. So wird Ebola auch dann noch schreckliche Auswirkungen haben, wenn es wieder unter Kontrolle ist. Ein weiteres Problem ist, dass die normale medizinische Betreuung zu kurz kommt, Kaiserschnitte nicht gemacht, Malariamittel nicht verabreicht werden. Das Personal hat zu viel Angst, zu wenig Material und viel zu wenig Wissen.

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Weitere Informationen über Ebola

Ebola zählt zu den sogenannten hämorrhagischen Fiebern. Das sind mitunter sehr schwere Infektionskrankheiten, die zu hohem Fieber führen und innere Blutungen auslösen können. Ebola wird durch das gleichnamige Ebola-Virus verursacht.

Die Übertragung von Mensch zu Mensch findet über Körperflüssigkeiten statt, insbesondere über Blut, aber auch über Speichel oder Sperma. Die Inkubationszeit – also die Zeit von der Ansteckung bis zum Ausbruch – beträgt 2 bis 21 Tage.

Bereits Ende Dezember 2013 nahm der bisher grösste Ebola-Ausbruch in Guinea (Westafrika) seinen Anfang und breitete sich seitdem in die angrenzenden Staaten Liberia, Nigeria und Sierra Leone aus. Durch die immer noch andauernde Epidemie erkrankten bislang fast 5000 Personen an Ebola, über 2400 starben daran.

mehr darüber lesen

Ebola: Antworten auf häufige Fragen (Bundesamt für Gesundheit, PDF, 39 kb)

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Die Ansteckungsgefahr ist am grössten, wenn ein Kranker am Sterben ist – und bei der Bestattung. Die Toten müssen desinfiziert und in einen speziellen Leichenbeutel gebettet werden, das Grab muss zwei Meter tief sein. In Monrovia gibt es jetzt wenigstens ein Krematorium. Wir mussten den Einheimischen – insbesondere den traditionellen Heilern – aber erst erklären, wieso die Toten nicht in die Gemeinden zurückkehren können. Um Gerüchten vorzubeugen, schauen wir, dass immer ein Angehöriger bei der Bestattung dabei ist – natürlich ebenfalls im Schutzanzug.

Der Einsatz ungeprüfter Medikamente und Impfstoffe, wie er jetzt diskutiert wird, ist nicht falsch. Ich wäre die Erste, die glücklich wäre, wenn wir einen Impfstoff gegen Ebola fänden. Aber die Anstrengungen müssen koordiniert, neben medizinischen auch ethisch-moralische Fragen geklärt werden. Es kann nicht sein, dass jemand Medikamente erhält, nur weil er mit dem Staatspräsidenten befreundet ist.

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Bananen als Dank für die Heilung

Westliche Hilfskräfte auszufliegen, die sich angesteckt haben, finde ich richtig. Ich würde das auch für alle meine internationalen Mitarbeiter wollen – und ehrlich gesagt auch für mich selber. Was meine eigene Sicherheit angeht, bin ich typisch deutsch, also sehr strikt. So ging ich bei meinem letzten Einsatz die letzten zwei Wochen gar nicht mehr in die Behandlungszentren hinein. Ich war einfach zu erschöpft, und genau dann passieren Fehler. Ich kenne meine Grenzen.

Wenn ich auf Urlaub nach Hause komme, kann ich trotz allem gut abschalten. Zudem stehen uns immer Psychologen zur Verfügung, die helfen, das Erlebte zu ver­arbeiten. Aber man weiss ja auch, wieso man diesen Job macht. Etwa, wenn wir jemanden als geheilt entlassen können und zum Dank Bananen geschenkt bekommen, obwohl die Leute ja selber kaum etwas haben. Damit hält man sich über Wasser.

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Es hört sich vielleicht krass an, aber irgendwie kämpfe ich gern gegen Ebola: Hier sind noch Veränderungen zum Besseren möglich. Seit dem ersten Ausbruch in Uganda hat sich so viel getan. Wir können so vieles besser machen für die Betroffenen. Und die Forschung läuft jetzt endlich auf Hochtouren. Die Chance auf einen Impfstoff war noch nie so gross wie jetzt.